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Paul Ziemiak: Wir errichten so einen Ort vor allem für die jungen Menschen in Europa und in der Welt

Redebeitrag zu einer deutsch-polnischen Gedenkstätte

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Am 1. September 1939 um 4.47 Uhr wurde der erste Schuss im Zweiten Weltkrieg abgegeben – das war der Beginn des Zweiten Weltkrieges –, von dem Schulschiff „Schleswig-Holstein“ an der Westerplatte, das sich auf einem Freundschaftsbesuch vor Danzig befand. Was in der deutschen Propaganda damals als „Polenfeldzug“ deklariert wurde, war in Wirklichkeit der Beginn eines verbrecherischen Rassenkrieges. Adolf Hitler hatte vor der Führung der Wehrmacht bereits am 22. August 1939 die totale Zerstörung und Vernichtung Polens ausgerufen.

Dieser Rassenkrieg war ein Zivilisationsbruch, und polnische Erde ist bis heute getränkt mit dem Blut der Opfer dieses Rassenwahns. Deutsche errichteten auf polnischem Boden Konzentrationslager; Auschwitz-Birkenau ist ein Synonym für diese Verbrechen. Ein polnischer Literat hat es auf den Punkt gebracht. Er hat beschrieben, was zwischen 1939 und 1945 war: Polen wurde zum Friedhof der europäischen Zivilisation.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wenn wir einen Ort des Erinnerns, des Gedenkens, aber auch der Begegnung schaffen, dann erinnern wir an das Leid des polnischen Volkes und auch daran, wozu der Mensch fähig ist. Wir erinnern aber auch daran, was in diesen Jahren möglich war an Widerstand, an Mut der polnischen Heimatarmee, der Widerstandskämpfer in Warschau. Wir erinnern an Menschen wie Witold Pilecki, einen polnischen Offizier, der übrigens als einzig bekannter Mensch freiwillig als Häftling nach Auschwitz ging. Ihm gelang die Flucht, und er informierte die Westalliierten über die Geschehnisse dort. Auch an solche Menschen erinnern wir.

Wir erinnern an Polen, die ihren jüdischen Mitbürgern Schutz vor dem sicheren Tod gaben und dafür mit ihrem eigenen Leben eintraten und mit dem Leben ihrer Familien. Wir erinnern daran, dass durch Menschen wie Witold Pilecki und viele andere in den dunkelsten Stunden der europäischen Geschichte das Licht der Humanität vor dem kompletten Erlöschen bewahrt wurde; das wollen wir tun.

Einige haben gesagt: Wir tun es ja für die Polen, so einen Ort zu schaffen in Deutschland. – Nein, wir tun es auch für die Polen, wir tun es auch für uns, aber tun es vor allem für die jungen Menschen in Europa und in der Welt, um daran zu erinnern.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Katharina Willkomm [FDP])

Wir haben mit Polen nicht nur eine gemeinsame Grenze, sondern wir haben mit Polen eine gemeinsame Geschichte. Die Geschichte unserer beiden Länder kann nicht gedacht und beschrieben werden, ohne dass die Geschichte des jeweils anderen Landes mitbeschrieben wird.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, als Johannes Paul II. 1996 mit Helmut Kohl durch das Brandenburger Tor schritt, soll er zu seinen Begleitern gesagt haben: Jetzt ist der Zweite Weltkrieg wirklich zu Ende. – Denn von deutschem Boden ging der Krieg aus, und Deutschland zahlte einen Preis für diesen verbrecherischen Krieg. Aber Deutschland war damit nicht das einzige Land. Für Polen kam danach nicht die Freiheit, sondern eine neue Unfreiheit, die erst 1989 wirklich endete.

Wir wollen diesen Ort schaffen, weil wir der jungen Generation etwas mitgeben wollen. Heute mag vieles selbstverständlich sein, gerade für uns Jüngere. Meine beiden Großväter waren Soldaten, polnische Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Sie sind gestorben, bevor ich Mitglied des Deutschen Bundestages wurde. Aber ich glaube, wenn sie sehen würden – ich bin gläubiger Christ, deswegen glaube ich daran, dass sie es tun –, dass heute Deutschland und Polen Freundschaft und gute Nachbarschaft verbindet und ihr Enkel als deutscher Abgeordneter, als Repräsentant eines freien und demokratischen Deutschlands hier in diesem Reichstag als Abgeordneter arbeiten und reden darf, dann wären sie glücklich.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Dass das nicht selbstverständlich ist, das will ich auch meinen Kindern mit ihrer Identität, die immer auch diesen Bezug zu beiden Ländern hat, mitgeben. Das sind wir der jungen Generation einfach schuldig, weil wir verantwortlich sind für das, was aus der Geschichte wird, meine Damen und Herren. Deswegen bitte ich Sie im Namen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, dem Antrag zuzustimmen.

Danke schön.

(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Christian Schmidt [Fürth] [CDU/CSU]: Eine wichtige Rede!)

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