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(Quelle: CDU/CSU-Bundestagsfraktion / Michael Wittig)

Holocaust-Gedenken im Bundestag: „Sei ein Mensch!“

  • Eva Szepesi schildert ihre Erfahrungen als Holocaust-Überlebende
  • Marcel Reif spricht als Vertreter der Nachfolgegeneration
  • Gedenken überschattet von neuem Antisemitismus und Judenhass
     

Überschattet von neuem Antisemitismus und Rechtsextremismus in Deutschland hat der Bundestag in einer Zeremonie der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 sprachen die Holocaust-Überlebende Eva Szepesi und der Sportjournalist Marcel Reif als Vertreter der Nachfolgegeneration zu den Abgeordneten. 

Eva Szepesi warnte Bürgerinnen und Bürger vor Rechtsextremismus, vor Antisemitismus und Judenhass, der nach dem blutigen Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 neu entflammt ist. Die 91-jährige gebürtige Ungarin, die als eines von wenigen Kindern den Gaskammern der Nazis entkam, zeigte sich entsetzt über die Gräueltaten der palästinensischen Attentäter, aber auch über Sympathiebekundungen hierzulande, nicht zuletzt über das „laute Schweigen aus der Mitte der Gesellschaft“.

„Wer schweigt, macht sich mitschuldig“

„Die Schoah begann nicht mit Auschwitz. Sie begann mit den Worten, mit dem Schweigen und dem Wegschauen der Gesellschaft“, mahnte sie. „Wer schweigt, macht sich mitschuldig.“ Die Überlebende der Schoah zeigte sich gleichzeitig erleichtert, dass in den vergangenen Wochen zahlreiche Menschen gegen Rechtsextremismus auf die Straße gegangen sind. Rechtsextremistische Parteien dürften nicht so stark werden, dass sie die Demokratie gefährdeten, betonte sie. Wichtig sei aber auch, dass die Bürger im Bekanntenkreis oder am Arbeitsplatz widersprächen, wenn antisemitische Äußerungen fielen. 

Szepesi war erst zwölf Jahre alt, als sie von russischen Soldaten aus dem Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreit wurde. Von ihrer Flucht aus Ungarn, ihrer Deportation in das Lager und ihrer Befreiung berichtete sie den Abgeordneten in bewegenden Worten. Nach dem Krieg hatte sie sich zunächst in ihrer Heimat Ungarn niedergelassen. Zusammen mit ihrem Mann verschlug es sie dann nach Deutschland. Dort schwieg sie ein halbes Jahrhundert lang über ihre Erlebnisse im Holocaust, brach erst 1995 – zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz – ihr Schweigen. Inzwischen sei es zu ihrer „Lebensaufgabe“ geworden, für all diejenigen zu sprechen, die nicht mehr sprechen können, sagte sie.

„Nie wieder“ muss gelebte Wirklichkeit werden

Am Anfang habe sie große Angst gehabt, in Deutschland zu leben. „Aber ich kann nicht hassen“, betonte sie. Marcel Reif, der als Vertreter der zweiten Schoah-Generation an der Gedenkstunde teilnahm, würdigte die Tatsache, dass Szepesi Deutschland „mit unfassbar großem Herzen eine zweite Chance“ gegeben habe. Diese zweite Chance dürfe „niemals und nirgends vertan werden“. Das „Nie Wieder“, das Deutschland sich auf seine Fahnen geschrieben hat, müsse „gelebte und unverrückbare Wirklichkeit werden“, sagte der Sportjournalist, dessen Vater den Holocaust nur knapp überlebt und zeitlebens über seine Erfahrungen geschwiegen hatte. 

Der Sohn hatte erst nach dessen Tod davon erfahren, dass der Vater in letzter Sekunde aus einem Deportationszug gerettet worden war. Das Schweigen des Vaters habe ihm eine fröhliche und sorgenfreie Kindheit im Land der Täter ermöglicht. Er selbst habe diesen „warmen kuscheligen Mantel seines Schweigens“ mit Respekt und Dankbarkeit angenommen. Doch auch die Angst, Unfassbares hören zu müssen, habe ihn davon abgehalten, nachzufragen. Was der Vater ihm aber mit auf den Weg gegeben habe, sei die Essenz seiner Erfahrung gewesen – der Appell: „Sei ein Mensch!“