Rede


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Nadine Schön: Wir dürfen nicht nachlassen, für die Frauen in unserem Land und auch weltweit zu kämpfen

Rede zum Weltfrauentag

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Am 8. März, also kommende Woche, ist Weltfrauentag. Das ist der Tag, an dem wir uns gemeinsam anschauen, was sich denn in den letzten Jahren in unserem Land bewegt hat, bei dem wir aber auch einen Blick über den Tellerrand werfen sollten. Es ist nämlich der Weltfrauentag. Deshalb steht es uns gut an, auch die Perspektive der Frauen in der ganzen Welt in den Blick zu nehmen. Es steht uns ebenso gut an, uns damit auseinan­derzusetzen, was eigentlich die Fragen und Ansprüche sind, die die einzelnen Frauen an uns, an die Politik und auch an die Gesellschaft stellen, welches die Erwartungen sind, die aus der Perspektive der einzelnen Frauen an diesen Tag gerichtet sind und mit diesem Tag verbunden werden. Diese Erwartungen können sehr unterschiedlich sein, je nachdem, welche Frau man fragen wird.

Nehmen wir die Mutter in Nigeria, deren Tochter von Boko Haram verschleppt worden ist. Sie wird die berechtigte Erwartung an uns alle, an die Weltgemeinschaft stellen, dass man diesen Terror beendet; den Terror, der die Frauen zu Opfern und zur Kriegswaffe macht, der speziell die Frauen leiden lässt, um Machtansprüche zu erfüllen und zu verfestigen.

Nehmen wir die Frau in Afghanistan, die mit einem Mikrokredit eine kleine Näherinnenwerkstatt aufgebaut hat und damit ihre Familie ernährt, die Vorbild für viele andere Frauen im Dorf ist. Sie stellt zu Recht an uns alle den Anspruch, dass man ihre Rolle, nämlich eine starke und wichtige Rolle beim Aufbau der Gesellschaft in einer krisengeschüttelten Region, weiter stärkt und sie dabei unterstützt, dass mehr Frauen eine solch starke Rolle erfüllen können.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP)

Nehmen wir in unserem Land die 92-jährige Oma, die vier Kinder erzogen hat, die unser Land als Trümmerfrau mit aufgebaut hat, die jetzt vielleicht in einem großen Haus irgendwo im Sauerland sitzt und sich fragt, ob denn ihre Lebensleistung von Politik und Gesellschaft wertgeschätzt wird. Auch sie hat Erwartungen an den Weltfrauentag, Erwartungen an uns.

Nehmen wir die 32-Jährige, die eine gute Ausbildung hat, die jetzt schwanger ist und sich fragt, ob denn Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ihre bisherige Leistung, ihre Fähigkeiten, die sie mitbringt, auch in den nächsten Jahren respektieren werden und ob sie die verschiedenen Erwartungen, die sie für ihre Familie und ihr Berufsleben hat, optimal erfüllen kann.

Oder nehmen wir die 14-Jährige, die vielleicht an diesem Tag vor dem Spiegel steht und schaut, wie ihr Hüftumfang und ihre Körbchengröße sind, und sich dann die Magermodels ansieht, die ihr von den Werbeanzeigen entgegenlächeln, und die sich fragt, ob das, was ihr die Gesellschaft da vermittelt, das optimale Frauenbild ist.

Das sind ganz unterschiedliche Erwartungen, Ansprüche, Fragen, die sich Frauen an diesem Weltfrauentag stellen und auf die wir als Politik Antworten geben müssen.

Wir alle wissen, dass Frauenpolitik eben nicht statisch ist, dass wir immer wieder weitermachen müssen und dass es viel Kraft braucht, damit wir bei all diesen Punkten vorankommen und uns weiterentwickeln. In den letzten 107 Jahren, seit es den Weltfrauentag gibt, hat sich weltweit vieles bewegt, teilweise zum Guten, teilweise leider auch zum Schlechten, also eine Rolle rückwärts. Die Entwicklung in unserem Land ist in meinen Augen größtenteils eine Entwicklung zum Guten.

Wenn man einmal bedenkt, dass noch in den 60er-Jahren Frauen die Einwilligung ihres Mannes brauchten, um arbeiten zu gehen, wenn man bedenkt, dass Frauen erst seit 100 Jahren wählen dürfen, wenn man bedenkt, was wir allein in der letzten Legislaturperiode an Gesetzen gemacht haben, die darauf abzielen, dass mehr Frauen in Führungspositionen kommen, dass das Thema „gleicher Lohn für gleiche oder gleichwertige Arbeit“ eine Selbstverständlichkeit ist,

(Lachen bei Abgeordneten der LINKEN)

wenn man einmal sieht, dass wir in der letzten Legislaturperiode beim Thema Sexualstrafrecht mit dem neugefassten Paragrafen im Strafgesetzbuch – Stichwort „Nein heißt Nein“ – einen Meilenstein erreicht haben, dann sieht man, dass wir in diesen Jahren eine große politische Verantwortung haben, in den verschiedensten Bereichen voranzukommen, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass sich Frauen genauso wie Männer selbst verwirklichen können, dass sie ihren Platz in der Gesellschaft und im Berufsleben finden. Leider ist vieles von dem, was wir uns als Idealzustand vorstellen, noch nicht eingetreten.

Deshalb bin ich wie die Ministerin der Meinung, dass wir mit dem Koalitionsvertrag eine gute Grundlage schaffen, um auch in dieser Legislaturperiode weiter voranzukommen. Wir dürfen nicht nachlassen in unserem Bemühen, für die Frauen in unserem Land und auch weltweit zu kämpfen. Deshalb danke ich Ihnen, dass wir über dieses Thema heute in der Kernzeit des Deutschen Bundestages debattieren können.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie der Abg. Britta Katharina Dassler [FDP])

Ich danke Ihnen; aber, ehrlich gesagt, erwarte ich es auch. Ich erwarte, dass wir alle dieser Verantwortung gerecht werden, und dies nicht nur am Weltfrauentag, sondern das ganze Jahr über. Mit diesem positiven Ausblick darf ich mich auf die weitere Debatte freuen.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)