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Nadine Schön: "Die 20er-Jahre wird das Jahrzehnt der Frauen

Rede zum Internationalen Frauentag

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! „Das Jahrzehnt der Frauen“, das haben rund um den Jahreswechsel gleich mehrere Zeitschriften und Zeitungen getitelt. Die 20er-Jahre – das stehe fest – würden das Jahrzehnt der Frauen: Ursula von der Leyen als Kommissionspräsidentin, Jennifer Morgan als erste Frau im Vorstand des größten deutschen Softwarekonzerns, Christine Lagarde als Chefin der EZB. Ja, das sind gute Entwicklungen. Die 20er-Jahre können wirklich das Jahrzehnt der Frauen werden. Aber wir haben auch bedenkliche Entwicklungen:

Nach wie vor stirbt jeden dritten Tag eine Frau an den Folgen von Gewalt.

Der Frauenanteil in deutschen Parlamenten und Räten nimmt eher ab als zu.

Mobiles Arbeiten und Homeoffice, die digitale Welt, bieten ganz große Chancen, können aber auch leicht zum Karrierekiller für Frauen werden, nämlich dann, wenn vor allem derjenige beste Karrierechancen hat, der lange im Büro sitzt.

Frauenbilder, die über soziale Netzwerke und Plattformen vermittelt werden, sind leider oft stereotyp und oft auch sexistisch.

Und dass die neue digitale Welt in Start-ups und Tech-Unternehmen mehr von Männern gestaltet wird als von Frauen, wird nicht nur im Silicon Valley mittlerweile als Problem erkannt.

Wir sehen also: Es ist keine Zwangsläufigkeit, dass die 20er-Jahre das Jahrzehnt der Frauen werden. Wir haben eine Verantwortung als Politik und als Gesellschaft.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)

Machen wir die 20er-Jahre zu einem Jahrzehnt der Frauen in der Politik.

Die aktuelle Situation kann uns nicht zufriedenstellen. Im Bundestag liegt der Frauenanteil bei 31 Prozent, in den Führungsetagen der obersten Bundesbehörden bei 36 Prozent. Für die Verwaltung sieht das Bundesgleichstellungsgesetz vor, dass Frauen und Männer gleichberechtigt in Führungspositionen vertreten sind. Hier müssen auch wir als Bund mit gutem Beispiel vorangehen.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)

Auch im Parlament wünschen wir uns eine paritätische Aufteilung. Deshalb finde ich es schade, dass wir uns nicht darauf einigen konnten, wie wir es besprochen hatten, eine Kommission – in diesem Fall eine Enquete-Kommission – einzusetzen. Aber die Hauptverantwortung liegt natürlich bei den Parteien. Hier gibt es einiges zu tun. Das kennen wir alle aus unserer tagtäglichen Arbeit vor Ort. Es gilt, Strukturen zu ändern. Wir brauchen eine andere Ansprache für Frauen. Wir brauchen Offenheit, eine Kultur der Offenheit in unseren Räten, in unseren Ortsverbänden. Wir müssen Frauen ermutigen, mitzumachen, gemeinsam mit uns die politische Zukunft zu gestalten.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)

Das Gleiche gilt für die Arbeitswelt. Machen wir die 20er-Jahre zu einem Jahrzehnt der Frauen in der Arbeitswelt. Denn auch hier gilt: Gemischte Teams sind besser als Teams, die überwiegend aus Männern bestehen. Im Schnitt sind sie – das ergeben Studien – fast 20 Prozent produktiver. Das haben Unternehmen erkannt und setzen ganz gezielt auf Diversität.

Auch unsere Gesetzgebung hat dazu beigetragen, den Wandel zu beschleunigen. Dort, wo es feste Quoten gibt, ist der Frauenanteil in den Aufsichtsräten von knapp 22 Prozent im Jahr 2015 auf 34 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen. Er hat sich also um 50 Prozent erhöht. Aber auch dort, wo die flexible Quote gilt, hat sich der Frauenanteil um 50 Prozent erhöht, in diesem Fall von 13,7 Prozent auf 21,6 Prozent.

Als Union sagen wir: Wir setzen weiter auf die Kombination von fester Quote und Flexiquote. Es muss weiterhin eine positive Entwicklung geben; das werden wir genau beobachten. Aber es kann nicht sein, dass es nach wie vor Unternehmen gibt, die sich für Aufsichtsräte und Führungspositionen eine Zielgröße null geben und das noch nicht einmal begründen.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP)

Ganz besonders am Herzen liegt mir der Bereich der Digitalisierung. Die Digitalisierung bietet gerade für uns Frauen ganz große Chancen; denn in der digitalen Welt sind Fähigkeiten, die vor allem Frauen zugeschrieben werden, besonders wichtig: Teamfähigkeit, vernetztes Denken und Arbeiten, auch eine empathische Art der Führung – das wird in Unternehmen immer mehr verlangt, weil die digitale Welt eben vernetzt ist.

Den Satz, dass sich durch Digitalisierung alles ändert, kann man ja eigentlich nicht mehr hören; aber er stimmt. Weil er stimmt, sage ich: Wenn sich durch die Digitalisierung alles ändert, dann müssen Frauen auch beim Bilden, bei der Erschaffung dieser neuen digitalen Welt dabei sein.

(Beatrix von Storch [AfD]: Was hat denn das mit dem Geschlecht zu tun? So ein Unfug!)

Wirft man aber einen Blick in die großen Tech-Unternehmen, wirft man einen Blick darauf, wer Unternehmen in unserem Land oder auch weltweit gründet, wer Start-ups gründet, dann stellt man fest, dass auch hier die Männer überrepräsentiert sind. Nach dem aktuellen Female Founders Monitor liegt der Frauenanteil bei Gründern bei nur 15 Prozent, und das ist zu wenig.

Wenn die neue digitale Welt gebaut wird, müssen Frauen dabei sein, und deshalb ist es wichtig,

(Beatrix von Storch [AfD]: Sie haben doch das Recht dazu! Das können sie doch machen!)

Frauen zu motivieren, Unternehmen zu gründen, Netzwerke zu stärken, die Gründerinnen unterstützen, schon in der Schule mit Coding und MINT-Bildung anzufangen und auch bei unserem neuen, großen Projekt, nämlich dem Zukunftsfonds – da bringen wir einen Fonds mit fast 10 Milliarden Euro auf den Weg –, den Gedanken, dass Frauen zu Gründerinnen und Investorinnen werden, mitzudenken und dies bei den Strukturen zu berücksichtigen. Wir brauchen die Frauen. Wenn die Zukunft digital gebaut wird, müssen Frauen dabei sein.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Wir haben es also gemeinsam in der Hand, dass die 20er-Jahre das Jahrzehnt der Frauen werden – in der Politik, in der Arbeitswelt und auch im Bereich der Digitalisierung. Wir haben also vieles zu tun. Unter diesem Zeichen sollte der diesjährige Weltfrauentag stehen.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)