Rede


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Gitta Connemann: "Der größte Kulturförderer ist und bleibt der Bürger"

Rede zu Teilhabe an Kultur in ländlichen Räumen

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wo wird dieses Jahr das international gefeierte Freiburger Barockorchester spielen? Wien, Paris oder Leer? Ja, tatsächlich in Leer, Ostfriesland, meiner Heimat.

Hand aufs Herz: Hätten Sie es gedacht?

(Michael Frieser [CDU/CSU]: Ja! – Marianne Schieder [SPD]: Nein! Ich hätte gedacht, es wäre in Bayern!)

Zugegeben: Bei uns steht kein Konzerthaus, kein Staatstheater; die nächste Oper ist weit entfernt. Und trotzdem gibt es in der vermeintlichen Provinz Kultur auf Weltniveau.

Möglich macht das der Verein junger Kaufleute in Leer. 720 Mitglieder, eine Aboauslastung von 95 Prozent – davon kann so manche staatliche Bühne nur träumen. Die Karten kosten 22 Euro pro Konzert; Schüler und Studenten bekommen für 5 Euro Musikgenuss auf höchstem Niveau. Andere reden über Teilhabe, dieser Verein lebt sie. Dort spielten übrigens schon Weltstars wie Yehudi Menuhin oder Anne-Sophie Mutter.

Meine Damen und Herren, wie funktioniert das? Das Zauberwort heißt „Ehrenamt“. Die Mitglieder des Vereins junger Kaufleute schenken ihre Zeit, ihre Kraft und ihr Geld. Sie stehen stellvertretend für Abermillionen Menschen in Deutschland, die sich ehrenamtlich für die Kultur engagieren: in Chören, Amateurtheatern, Museen, Büchereien, Kulturvereinen – in der Stadt und auf dem Land. Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterschied: In größeren Städten gibt es eine institutionalisierte Kultur, auf dem Land macht dagegen in der Regel der Bürger die Kultur.

(Marianne Schieder [SPD]: Und die Bürgerin!)

Um diese Kultur in ländlichen Räumen geht es heute. Für unsere Fraktion, die CDU/CSU, und für die Große Koalition ist dieses Thema ein Herzensthema. Deshalb zieht es sich auch wie ein roter Faden durch den Koalitionsvertrag.

Wir wissen: 60 Prozent der Menschen leben auf dem Land. Wir wissen: Der Staat kann dort keine flächendeckende Kulturversorgung leisten. Wir wissen: Die Kultur braucht dort zwingend das Ehrenamt. Deshalb stärken wir es, zum Beispiel durch das Bundesprogramm Ländliche Entwicklung. Dort ist das Projekt „Hauptamt stärkt Ehrenamt“ verankert. Morgen werden wir die Deutsche Ehrenamtsstiftung auf den Weg bringen; denn Vereine brauchen zum Beispiel Unterstützung bei komplexen Rechts- und Steuerfragen. Und wir müssen das Ehrenamt weiter entlasten: von Bürokratie, von Kosten, von organisatorischen Hürden. Deshalb wäre für uns ein Ehrenamtsstärkungsgesetz der richtige Weg.

(Beifall bei der CDU/CSU)

Wir wissen: Bürgerkultur ist unersetzlich, aber nicht unerschöpflich. Ehrenamt ist daher kein Ersatz für staatliche Kulturförderung. Auch Kultur in ländlichen Räumen braucht diese. Deshalb haben wir 2019 ein Soforthilfeprogramm für die Kinos im ländlichen Raum aufgelegt, und wir werden jetzt ein „Zukunftsprogramm Kino“ starten; denn die Filmtheater sind Kultur- und Begegnungsorte in der Fläche. Kino bietet Kultur für alle; deshalb muss die Förderung auch einem breiten Spektrum an Kinos offenstehen. Sie darf sich nicht auf ausgewählte Häuser beschränken. Gerade auf dem Land müssen Kinos ein breites Angebot abdecken können – auch in Zukunft.

Deshalb setzen wir das Bundesprogramm Ländliche Räume fort. Von den sogenannten Landmillionen haben im letzten Jahr Theater, Gedenkstätten und Literaturhäuser profitiert. In diesem Jahr stellen wir weitere 10 Landmillionen zur Verfügung. Damit sollen wichtige Kulturorte gerade auf dem Land gefördert werden. Hier sollten wir an ein Soforthilfeprogramm für Bibliotheken, an ein Soforthilfeprogramm für Heimatmuseen denken; denn es sind unverzichtbare Informations- und Bildungsorte.

Deshalb setzen wir das Förderprogramm TRAFO fort. Die Kulturstiftung des Bundes unterstützt damit Regionen, ihre Kulturangebote dauerhaft zu sichern; denn der demografische Wandel macht auch vor der Kultur nicht halt.

Deshalb werden wir auch in diesem Jahr wieder ein Denkmalschutzsonderprogramm auflegen. Damit fördern wir die Sanierung von Kirchen, von Parks, von historischen Gärten, von Orgeln. In Deutschland gibt es rund 1,3 Millionen Kulturdenkmäler. Ein Drittel davon ist gefährdet oder muss dringend saniert werden. Dieses kulturelle Erbe auch in der Fläche müssen wir erhalten.

Meine Damen und Herren, allein 2020 werden fast 80 Millionen Euro an Bundeskulturmitteln in die Fläche fließen. Das ist unser gemeinsames Bekenntnis zur Kultur in ländlichen Räumen – von Aurich bis Zingst, von Ahrenshoop bis Murnau. Wir wissen aber auch: Der größte Kulturförderer ist und bleibt der Bürger:

(Marianne Schieder [SPD]: Die Bürgerin!)

als Marktteilnehmer, als Spender von Zeit und Geld. – Jeder Cent ist es wert; denn ohne Kultur wäre am Ende alles nichts.

(Marianne Schieder [SPD]: Aber das meiste machen doch die Frauen!)

Vielen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU)