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Anja Karliczek: Wir wollen mehr Jugendliche für die berufliche Bildung begeistern

Berufsbildungsbericht 2018

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Es gibt nur wenige Länder weltweit, in denen Jugendliche so gute Zukunftschancen haben wie hier in Deutschland.

(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Sehr richtig!)

Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei gut 6 Prozent. Das ist europaweit eine der niedrigsten Quoten. Ein wesentlicher Grund für diesen Erfolg ist unsere duale Berufsausbildung. Sie bietet jedes Jahr mehr als einer halben Million junger Menschen die Chance auf einen erfolgreichen Einstieg in die Berufswelt.

Ich will mit einigen konkreten Zahlen aus dem Berufsbildungsbericht beginnen. Für dieses Ausbildungsjahr hat die Wirtschaft über 556 000 Stellen angeboten. Das sind 10 000 mehr als im vergangenen Jahr. 523 000 Ausbildungsverträge wurden neu abgeschlossen. Damit haben wir endlich wieder mehr Auszubildende.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Besonders stark war die Zunahme der betrieblich geschlossenen Ausbildungsverträge. Dort ist die Zahl um fast 5 000 gestiegen. 100 Bewerbern standen also zuletzt 105 Ausbildungsangebote gegenüber. Die Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind so gut wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Das ist eine stolze Leistung, die wir hier gemeinsam erbracht haben. Ich persönlich bin froh über diese Art der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Staat, die wir im Bereich der beruflichen Bildung leisten.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)

In Europa und weltweit sind wir damit eine der führenden Berufsbildungsnationen; daran besteht kein Zweifel. Dennoch gibt sich diese Bundesregierung, gebe ich mich persönlich damit nicht zufrieden. Wir wollen noch besser werden. In den vergangenen Jahren haben wir sehr auf die Hochschulen geschaut. Dabei ist die berufliche Bildung im Verständnis der jungen Menschen ein wenig ins Hintertreffen geraten. Dabei sollen die sogenannten Abbrecherquoten für mich nicht das größte Problem sein; denn trotz vieler Falschmeldungen ist es tatsächlich so, dass die Zahl der Ausbildungsabbrüche sehr viel niedriger ist als im Hochschulbereich. Zudem – das möchte ich hier auch sagen –: Eine Vertragslösung mit Neubeginn ist eine freie, individuelle Entscheidung, die wir verteidigen und gerade nicht kritisieren sollten. Wichtig ist doch nur, dass den jungen Menschen die Tür geöffnet bleibt.

Ich sehe die Herausforderungen in der beruflichen Bildung vor allem in drei Bereichen: Erstens. Wir wollen wieder mehr Jugendliche für die berufliche Bildung begeistern. Zweitens. Wir wollen die berufliche Bildung fit machen für eine moderne digitalisierte Arbeitswelt. Drittens. Wir wollen wieder mehr Betriebe für die Ausbildung gewinnen.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)

Zum ersten Punkt. Mir ist wichtig, dass alle jungen Menschen in unserem Land die Chance haben, ihre Talente zu entfalten und erfolgreich ins Berufsleben zu starten. Dafür gibt es viele Möglichkeiten. Je nach Neigung und Fähigkeiten müssen sich junge Menschen für ihren Weg entscheiden können. Ich möchte, dass ihnen dabei bewusst ist: Akademische Bildung und berufliche Bildungswege sind gleichwertige Bildungswege.

(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP)

Gerade in dieser Zeit der schnellen Entwicklungen ist die enge Verzahnung von Theorie und Praxis eine solide Basis für die eigene berufliche Karriere. Das möchte ich noch stärker im Bewusstsein der Menschen verankern – bei den jungen Menschen, aber auch bei den Eltern.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)

Außerdem gilt: Unser Bildungssystem ist durchlässig. Wer eine Ausbildung macht, kann später studieren. Wer mit einem Studium beginnt, kann für die Weiterbildung die beruflichen Weiterbildungsstufen nutzen. Diese Karrierechancen in der beruflichen Bildung möchte ich noch weiter verbessern; denn gerade auch Leistungsträger sollen in der beruflichen Bildung gefördert werden.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP)

Wir werden klare und attraktive Fortbildungsstufen im Berufsbildungsgesetz etablieren, damit Personalabteilungen sofort erkennen können, welche Kompetenzen eine Kandidatin oder ein Kandidat mitbringt. Wir werden das Aufstiegs-BAföG mit einem attraktiven Angebot für jede Stufe ausbauen. Auch das sorgt für Gleichwertigkeit.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD – Michael Theurer [FDP]: Das reicht nicht aus!)

Ich möchte an dieser Stelle auch die Mindestausbildungsvergütung ansprechen. Sie ist ein klares Signal der Wertschätzung für die duale Ausbildung. Es gilt, soziale Schieflagen zu adressieren.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)

All das zeigt: Die Gleichwertigkeit der beruflichen Bildung steht für diese Bundesregierung ganz oben auf der bildungspolitischen Agenda, nicht nur abstrakt, sondern mit klaren Schritten und konkreten Verbesserungen.

Aber auch die jungen Menschen müssen sich bewegen. Insgesamt blieben zum 30. September 2017 fast 50 000 Ausbildungsstellen unbesetzt. Zur gleichen Zeit standen fast 25 000 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz da. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir müssen den jungen Menschen sagen, dass eine solide Ausbildung immer einen guten Start ins Leben bedeutet.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)

Denn die höchste Arbeitslosigkeit haben wir dort, wo Menschen ohne Schulabschluss und ohne Berufsabschluss unterwegs sind. Hier gilt es anzusetzen, und dazu werde ich meinen Beitrag leisten.

Flexibilität und Mobilität gehören zur Arbeitswirklichkeit der deutschen Wirtschaft. Mit dieser Wirklichkeit müssen wir auch die jungen Menschen vertraut machen, auch wenn sie häufig jünger sind als Studierende und deshalb vielleicht etwas zurückhaltender. Wenn die Ausbildungsplätze nicht am Heimatort angeboten werden, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder das Wohnen in der Nähe des Ausbildungsplatzes oder das tägliche Überwinden der Wegstrecke. Hier sehe ich dringenden Bedarf für neue Anreize und werde nach guten Lösungen suchen.

(Beifall des Abg. René Röspel [SPD])

Damit bin ich bei meinem zweiten Punkt. Wenn wir die Ausbildung zukunftssicher machen wollen, dann kommen wir um ein Thema nicht herum: die Digitalisierung. Die Anforderungen an Arbeitnehmer in den klassischen Berufen verändern sich, neue Berufe entstehen. Die Berufsausbildung muss junge Menschen darauf vorbereiten. Viele Ausbildungsordnungen sind schon angepasst, doch die Digitalisierung betrifft jeden Beruf. Deshalb werden wir die Modernisierung der Ausbildungsordnungen weiter gezielt vorantreiben.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie der Abg. Dr. Wiebke Esdar [SPD])

Auch die Aus- und Weiterbildung müssen wir an der Geschwindigkeit des modernen Lebens und Arbeitens ausrichten. Es geht dabei einerseits um die Ausstattung. Gute Berufsausbildung braucht entsprechende Ausstattung in der Berufsschule. Der Fortschritt der Unternehmen muss sich in den Berufsschulen abbilden. Andererseits geht es um gut ausgebildete Lehrkräfte, die fachlich und didaktisch anspruchsvollen Unterricht machen. Berufsschulen sind Orte, die in die moderne Arbeitswelt führen, und das muss jeder spüren, der sie betritt.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Michael Theurer [FDP] – Michael Theurer [FDP]: Kooperationsverbot!)

Nun zum dritten Punkt. Die Ausbildungsbetriebsquote stagniert bzw. ist 2017 leicht gefallen. Gerade der Anteil der Kleinstbetriebe nimmt ab. Ich werde mit der Wirtschaft, den Sozialpartnern und den Ländern darüber reden, wie wir gerade auch wieder kleine und mittlere Betriebe für die Ausbildung begeistern können. Wir wollen ihnen gezielt helfen, sich für die Ausbildung junger Menschen zu entscheiden. Gerade in kleinen Betrieben können junge Menschen die komplexe, arbeitsteilige Wirtschaft häufig sehr gut kennenlernen. Kurzfristig wollen wir deshalb Möglichkeiten schaffen, damit 6 000 Mitarbeiter in kleineren Betrieben eine Ausbilderqualifizierung mit Unterstützung des Bundes erhalten.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)

Außerdem will ich den geplanten neuen Berufsbildungspakt und die Allianz für Aus- und Weiterbildung nutzen. Ich werde dafür werben, dass sich möglichst viele Betriebe ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen und gute, attraktive Ausbildungsplätze anbieten. Nur so werden wir zusammen den sich abzeichnenden massiven Fachkräftemangel meistern.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir wollen die Berufsbildung neu denken. Berufliche Bildung ermöglicht es uns Menschen, uns zu entwickeln, zu zeigen, was in uns steckt, und erfolgreich unsere beruflichen Wege zu gehen. Berufliche Bildung hört nicht mit dem Ende der Erstausbildung im Jugendalter auf. Mir ist es sehr wichtig, dass alle Menschen lebenslang die Möglichkeit haben, zu lernen, und dass sie auch Freude daran haben: in der Schule, im Beruf, im Privaten und bis ins hohe Alter. Denn nur so eröffnen sich für jeden in einer sich rasant verändernden Welt Chancen für ein selbstbestimmtes Leben.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)