Rede


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Dr. Georg Kippels: Es gibt nicht für alles ein Patentrezept

Rede zu wissenschaftlicher Auswertung der Coronavirus-Maßnahmen

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine lieben Kolleginnen und Kollegen! Verehrte Damen und Herren, die zumindest über die digitalen Medien hier folgen können! Als mir heute Morgen der Antrag so gegen 9.26 Uhr auf den Schreibtisch flatterte und ich ihn zu lesen begann, hatte ich zumindest noch, verbunden mit einer gewissen Überraschung, das Gefühl, dass man sich mal Mühe gegeben hat, Fakten aufzutragen und sich auf allgemein zugängliche Quellen zu beziehen. Aber irgendwie hatte ich so das Gefühl und die Vorahnung, dass das im Grunde genommen nichts anderes als ein Wolf im Schafspelz ist, nämlich dass nur die Gelegenheit gesucht werden sollte, heute Nachmittag wieder die obligatorischen Verschwörungstheorien und die These „Wir haben es ja schon immer gewusst, und wir wissen es vor allen Dingen besser“ hier kundzutun.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD – Uwe Witt [AfD]: Was denn für Verschwörungstheorien?)

Ihre Rede, Herr Witt, ist ein leuchtendes Beispiel dafür gewesen, dass Sie im Grunde genommen das, was Sie hier behauptet und niedergelegt haben, mit Ihrem Wortbeitrag ins Gegenteil verkehren.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP – Uwe Witt [AfD]: Haben Sie die Rede überhaupt gehört, die ich gehalten habe? Sie sollten Anträge vielleicht auch nicht erst so kurz vorher lesen!)

Sie sprachen eben von Wissenschaft und Wissenschaftlern, die Sie konsultieren wollen, um die Coronakrise letztendlich systematisch aufzuklären – eine Aufgabe, die überhaupt keinen Widerspruch verdient. Selbstverständlich muss dies geschehen, akribisch geschehen und natürlich auch intensiv geschehen. Aber welche Wissenschaftler sollen das denn sein? Jedenfalls können es nicht die Wissenschaftler sein, die sich seit Wochen verantwortungsvoll, intensiv und vor allen Dingen im Bemühen um einen Schutz für unsere Bevölkerung diesem Thema sieben Tage die Woche widmen und mit Professor Wieler und allen anderen Mitarbeitern des RKI ja ganz offensichtlich die richtigen Empfehlungen getätigt haben. Denn wenn man den Vergleich mit unseren europäischen Nachbarn und auch weltweit zieht, dann stellt man fest, dass unsere Bevölkerung durch die Empfehlungen für bestimmte Verhaltensweisen richtig begleitet worden ist

(Zuruf von der AfD: Nee, nee, nee! Das waren nicht die Empfehlungen!)

und die Todesfälle tatsächlich weit hinter den Zahlen zurückbleiben, die auch in Industriestaaten mit modernsten Gesundheitssystemen an der Tagesordnung sind;

(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Fünfmal mehr in Großbritannien!)

siehe Amerika und siehe auch Großbritannien.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Wenn Sie hier schon einen derartigen Vortrag von sich geben, dann hätten Sie sich zumindest mal die Mühe machen können, Ihren Antrag zu aktualisieren, um zu verdeutlichen, welche enorme Dimension und Dynamik dieses Geschehen hat, dass es überhaupt keiner staatlichen Betrachtung zugänglich ist und dass man nicht über langjährige Studien herausfinden kann, ob man das, was im Januar, Februar, März, April und jetzt im Mai geschehen muss, erproben kann.

Als Sie dieses Machwerk niedergelegt haben – das war wohl offensichtlich am 16. April, auch wenn es heute Morgen dann erst in der Post war –, da waren es noch 3 000 Menschen, die verstorben sind. Und – oh Wunder –: Heute Morgen waren es tatsächlich 6 996. Aber – und das ist die entscheidende Botschaft – es sind weit weniger als in anderen Staaten, weil wir vor allen Dingen im Zusammenwirken mit der Bevölkerung und deren enormer Disziplin es geschafft haben, die Bedrohung unter Kontrolle zu bringen.

Dieser dynamische Prozess hat sich heute fortgesetzt. Im Zusammenwirken der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten wurde jetzt ein Lockerungsverfahren auf den Weg gebracht, das mit Maß und Ziel, mit einer exakten Betrachtung des Infektionsgeschehens und mit einem Zusammenwirken von Wirtschaft, Bevölkerung und den Schwächsten unserer Gesellschaft nun in den nächsten Wochen wieder eine Rückkehr zur Normalität ebnen soll.

Wenn man mit diesem Thema tatsächlich verantwortungsvoll umgeht, dann gehört dazu Respekt, und zwar vor denen, die in dieser Zeit gute Arbeit geleistet haben, alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben, die Erkenntnisse tatsächlich zu würdigen, und daraus dann auch die richtigen Schlüsse gezogen haben. Es gibt nicht für alles ein Patentrezept; es gibt keine Blaupause. Es muss auch schon mal aus der Erfahrung heraus gewürdigt und gewertet werden, und das ist in den vergangen Wochen geschehen. Dem werden wir uns in den nächsten Wochen und Monaten widmen, aber mit Vernunft und Anstand, ohne Vorurteile und vor allen Dingen mit der wissenschaftlichen Seriosität.

(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Also anders als der Antrag!)

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)