Deutschland nimmt Abschied von Rita Süssmuth. Beim Trauerstaatsakt im Berliner Reichstag würdigten Bundeskanzler Friedrich Merz, Bundestagspräsidentin Julia Klöckner und der Publizist Heribert Prantl die ehemalige Bundestagspräsidentin als prägende Politikerin und engagierte Demokratin. „Wir werden ihr, der Humanistin, der Wissenschaftlerin, der Bundestagspräsidentin, der Christdemokratin, wir werden Rita Süssmuth ein ehrendes Andenken bewahren“, sagte Merz.
Der Kanzler bezeichnete Süssmuth als Ausnahmepolitikerin – beharrlich, streitbar und unbequem, aber ihrer Zeit oft voraus, etwa in ihrer modernden Familienpolitik oder ihrer wegweisenden Aidspolitik. „Sie war eine Antreiberin für Reformen“, sagte er. Alles stets kritisch zu prüfen, das sei ihre Lebensmaxime gewesen. Die Professorin für Erziehungswissenschaften, die 1985 überraschend von Helmut Kohl zur Ministerin für Jugend, Familie und Gesundheit berufen wurde und die ab 1988 für zehn Jahre das Amt der Bundestagspräsidentin ausübte, war am 1. Februar 2026 im Alter von 88 Jahren gestorben.
Am Trauerstaatsakt nahmen neben dem Bundespräsidenten und den ehemaligen Kanzlern Angela Merkel und Olaf Scholz auch alle noch lebenden Bundestagspräsidenten teil. Die amtierende Bundestagspräsidentin Klöckner sagte zur Wirkmacht ihrer Vorgängerin: „Ihre Strahlkraft reicht über ihren Tod hinaus.“ Rita Süssmuth habe die Möglichkeiten des Amtes neu definiert, indem sie Debatten angestoßen und sich eingemischt habe: „Sie hat unser Parlament als moralische Institution gestärkt“. Alles in allem stehe Rita Süssmuth in einer Reihe mit den großen Frauen der Demokratiegeschichte.
Heribert Prantl nannte Süssmuth eine „späte fünfte Mutter des Grundgesetzes“ – neben Elisabeth Selbert, Friederike Nadig, Helene Weber und Helene Wessel. Wie diese vier Mitglieder des Parlamentarischen Rates habe Süssmuth sich besonders für Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frauen eingesetzt. „Vielleicht hätte es ohne eine Rita Süssmuth nie eine Kanzlerin Angela Merkel gegeben“, sagte Prantl augenzwinkernd. „Die Selbstbestimmung von Frauen war ihr roter Faden“, sagte auch Klöckner zu Süssmuths politischem Engagement. Zuletzt hatte sie sich für die Parität im Bundestag eingesetzt. Denn: Wo Frauen fehlten, fehle die Hälfte der Perspektive.
„Lovely Rita“ - beliebt bei den Menschen
Die politische Seiteneinsteigerin Süssmuth war 1981 der CDU beigetreten. Als Ministerin hatte sie es mit Herausforderungen wie der Ausbreitung der tödlichen Infektionskrankheit Aids zu tun. Dabei setzte Süssmuth auf Aufklärung. Ihre Devise lautete: „Wir müssen die Krankheit bekämpfen, nicht die Kranken.“ 1987 errang sie ein Direktmandat für den Bundestag. In der Bevölkerung war die Wissenschaftlerin im Amt der Ministerin beliebt, die Medien nannten sie in Anlehnung an einen Beatles-Song „Lovely Rita“.
1988 übernahm Süssmuth auf Vorschlag von Bundeskanzler Kohl das Amt der Bundestagspräsidentin, das sie bis 1998 innehatte. Nach der Wiedervereinigung leitete sie die Reform des Parlaments ein und organisierte seinen Umzug nach Berlin. Auch für die Verhüllung des Reichstags, einem Projekt der Künstler Christo und Jeanne-Claude 1995, hatte sie sich stark gemacht. Nach ihrem Ausscheiden aus dem zweithöchsten Amt im Staat blieb sie Mitglied des Deutschen Bundestages bis 2002.
Den Trauerstaatsakt hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier angeordnet. Das Zeremoniell ist Ausdruck höchster Würdigung für Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich um das deutsche Volk in hervorragender Weise verdient gemacht haben. Vor dem Staatsakt hatte ein ökumenischer Gottesdienst für Rita Süssmuth in der St.-Hedwigs-Kathedrale stattgefunden.