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"Leugnen darf nicht sein"

Bundestag gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus

Zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz hat der Bundestag der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. „Je weiter die Zeit zurückliegt, desto wichtiger ist die Erinnerung“, sagte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble bei der Gedenkveranstaltung am Mittwoch. Als „eine der rapide verschwindenden Augenzeugen“ hielt die Gedenkrede die Holocaust-Überlebende und deutsch-britische Cellistin Anita Lasker-Wallfisch.

„Aus der Schuld, die Deutsche in den zwölf Jahren der NS-Diktatur auf sich geladen haben, wächst uns nachfolgenden Generationen eine besondere Verantwortung zu“, mahnte der CDU-Politiker Schäuble. Er zeigte sich beunruhigt über wiederaufflammenden Antisemitismus, etwa wenn auf deutschen Plätzen antijüdische Parolen gegrölt oder israelische Flaggen verbrannt werden. „Jede Form von Antisemitismus ist unerträglich. Das gilt für alle, die hier leben, auch für diejenigen, für die die deutsche Vergangenheit nicht die eigene ist.“ Anlass zur „Selbstbeunruhigung“ seien darüber hinaus Ausgrenzungstendenzen. Dabei verwies er auf Verrohung im Internet, Anfeindungen gegen Muslime und Angriffe auf Flüchtlinge.

„Juden waren Freiwild“

Anita Lasker-Wallfisch berichtete mit nüchternen Worten darüber, wie sie als Jugendliche den Zivilisationsbruch in Deutschland erlebte, wie ihre Familie nicht glauben konnte, „dass die Deutschen diesen Wahnsinn mitmachen“. Mit ihrer älteren Schwester saß sie nach versuchter Flucht vor den Nazi-Schergen zunächst im Gefängnis, was für sie beide ein „Riesenglück“ gewesen sei. Denn „es war vorteilhafter als Verbrecher eingestuft zu werden denn als Jude“, sagte Lasker-Wallfisch. „Verbrecher bekamen einen Prozess, Juden waren Freiwild.“

Nach ihrer Deportations ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau habe sie nur deshalb überlebt, weil sie Cello spielen konnte und eine Cellistin für das Mädchenorchester gesucht wurde. Die meisten Gefangenen hätten maximal drei Monate überlebt, berichtet die 92-Jährige. Eine winzige Chance habe man nur gehabt, wenn man irgendwie gebraucht wurde. „Ich hatte die Chance, ich wurde gebraucht.“ Das Orchester spielte zu offiziellen Anlässen, zur Täuschung von Besuchern und zur Beruhigung von Neuankömmlingen. Musik – Kunst im Allgemeinen – war nach den Worten Schäubles für die Gefangenen auch ein innerer Zufluchtsort, ein Überlebensmittel.

Zuflucht in der Musik

Anita Lasker-Wallfisch, die 1946 nach Großbritannien auswanderte, wo sie das Londoner English Chamber Orchestra mitbegründete und erfolgreich als Cellistin spielte, hat Deutschland, wie sie selbst sagte, langezeit grenzenlos gehasst. Nie wieder wollte sie deutschen Boden betreten. Erst in den 90er Jahren kehrte sie zurück und unternahm viele Vortragsreisen. „Ich kann es der heutigen Jugend nicht verübeln, dass sie sich nicht mehr mit den Verbrechen identifizieren will, aber Leugnen – das darf nicht sein.“ Es gehe auch um die „Sicherheit, dass so etwas nie, aber auch nie wieder hier geschehen kann“.

Am 27. Januar jährte sich die Befreiung von Auschwitz durch die Sowjet-Armee zum 73. Mal. Seit 1996 ist dieser Tag in Deutschland offizieller Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Gastredner der vergangenen Jahre waren unter anderen der russische Schriftsteller Daniil Granin, der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck, die amerikanische Schriftstellerin Ruth Klüger sowie die Publizistin Sigrid Falkenstein und der Philosoph Hartmut Traub.