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(Quelle: Tobias Koch)
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Gedenkdebatte zum Völkermord an den Armeniern

Koalitionsfraktionen rufen Armenien und die Türkei zur Aussöhnung auf

Zum 100. Jahrestag der Massaker an den Armeniern haben die Abgeordneten über einen Antrag debattiert, der die Ereignisse von 1915 ganz klar als Völkermord bezeichnet. Auch Bundespräsident Joachim Gauck hat sich dieser Bezeichnung angeschlossen.

"Das, was mitten im Ersten Weltkrieg im Osmanischen Reich stattgefunden hat, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, war ein Völkermord", sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert zu Beginn der Gedenkdebatte.

Mit solch klaren Worten riskieren die Abgeordneten des Deutschen Bundestages den Unmut der türkischen Regierung. Die reagierte bislang scharf auf die Bewertung der Massaker als Völkermord und wies sie als Verunglimpfung der Türkei zurück. „Wir haben uns hier nicht versammelt, um jemanden an den Pranger zu stellen. Wir wollen der Opfer gedenken“, stellte Erika Steinbach, Vorsitzende der AG Menschenrechte und humanitäre Hilfe in der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, richtig. 

Die Koalitionsfraktionen von CDU/CSU und SPD hatten zuvor einen Antrag eingebracht, in dem der Bundestag - als das deutsche Parlament - erstmals die Massaker an den Armeniern als Genozid bezeichnet. Wörtlich heißt es in dem Papier: "Ihr Schicksal steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gekennzeichnet ist."  

„Nicht übersehen dürfen wir die unrühmliche Rolle des Deutschen Reiches, das über die Vorgänge informiert war und nichts dagegen unternommen hat. Daraus erwächst für uns Deutsche eine besondere Verantwortung“, mahnte Bernd Fabritius (CSU), Mitglied im Ausschuss für Menschenrechte, in seinem Debattenbeitrag. Auch Norbert Lammert war in seiner Eröffnungsrede darauf eingegangen: "Nur wenn wir diese eigene Mitschuld deutlich und klar aussprechen und anerkennen, können wir auch die Türkei dazu ermutigen, sich aufrichtig und objektiv mit dem Verbrechen des Genozids auseinanderzusetzen."

In diesem Antrag erinnern die Koalitionsfraktionen aber nicht nur an die Ereignisse von 1915. Sie würdigen darin auch die Initiativen und Beiträge von Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Kunst und Kultur in der Türkei, die die Aufarbeitung der Verbrechen an den Armeniern zum Ziel haben und zur Versöhnung beider Völker beitragen. 

Am 24. April 1915 wurden in Konstantinopel die ersten Armenier verhaftet und deportiert. Im Anschluss daran wurden in ganz Anatolien Armenier auf Todesmärsche geschickt, erschossen, verbrannt und auf andere Arten getötet. Nach armenischen Angaben starben bis zum Jahr 1917 etwa eineinhalb Millionen Menschen.