Teilen

Deutschland im demografischen Wandel

Fraktionskongress befasst sich mit der Frage, was Zuwanderung leisten kann

Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache: Bis zum Jahr 2050 wird sich die deutsche Bevölkerung drastisch reduzieren. Und nicht nur das: Sie wird auch immer weiter altern. Demografen sehen steigende Flüchtlingszahlen als Chance, um dieser Entwicklung vorzubeugen. Doch was kann Zuwanderung leisten und was nicht? Das hat die Unionsfraktion jetzt auf ihrem Demografiekongress mit Experten aus Politik und Wissenschaft beleuchtet.

Klar ist, dass wir in einer alternden Gesellschaft leben. Jeder vierte in Deutschland ist bereits jetzt über 60 Jahre alt. In vierzig Jahren werden die über 65-Jährigen ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen. Das verändert alle Lebensbereiche, angefangen von der Situation, wie und wo wir künftig wohnen, bis hin zu veränderten Prozessen am Arbeitsmarkt.

Alternde Bevölkerung ist kein Defizitmodell

„Wir dürfen die alternde Bevölkerung aber nicht als ein Defizitmodell betrachten“, warnte Unionsfraktionschef Volker Kauder. „Wir müssen den demografischen Wandel als etwas Positives betrachten“, sagte er und blickte ebenso wie der Demografiebeauftrage der Fraktion, Michael Frieser, nach Japan. Dort schreitet der demografische Wandel bereits jetzt viel schneller voran, als hierzulande, stellt jedoch weniger Probleme dar. Wirtschaft und Gesellschaft gingen dort anders mit dem Thema um, dieses Bewußtsein brauche es auch hierzulande, sagte Kauder.

Sorgen über Strukturänderungen ernst nehmen

Dass Menschen angesichts des gesellschaftlichen Wandels zu Recht Antworten von der Politik erwarten, betonte Günter Krings, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesinnenminister. „Wenn Kindergärten in Großstädten hoffnungslos überfüllt sind, andernorts aber wegen des Mangels an Kindern schließen müssen, wenn in Ballungsgebieten die Wohungspreise explodieren, in ländlichen Räumen aber dauerhaft leerstehende Immobilien zum Problem werden, wenn Jugendclubs schließen müssen, damit Einrichtungen für pflegebedürftige Menschen errichtet werden können, oder in einigen Gebieten eine hohe Arbeitslosigkeit herrscht, anderswo aber keine Fachkräfte zu finden sind“, dann müsse man diese Sorgen über sich ändernden Strukturen sehr ernst nehmen.

Digitalisierung als Chance

Als eine Lösung nicht nur der Probleme am Arbeitsmarkt, sondern auch, um ländliche Gebiete für Menschen wieder attraktiv zu machen, nannten Krings und auch Volker Kauder die fortschreitende Digitalisierung: „Der einzige Weg, um langfristig Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, ist der energische Vorantrieb der Digitalisierung“, sagte Kauder.

Was kann Zuwanderung leisten?

Themenschwerpunkt des Fraktions-Kongresses war auch die Frage, was Zuwanderung in diesem Zusammenhang leisten kann. Stellen steigende Flüchtlingszahlen Chancen für einen Arbeitsmarkt dar, wo schon heute jährlich alleine in technischen Berufen über 160.000 Ausbildungsplätze nicht besetzt werden können?

Hier wurde deutlich: Steigende Zuwanderung bietet mit Blick auf den sich abzeichnenden Fachkräftemangel und Wohnungsleerstände gerade in ländlichen Gebieten auf den ersten Blick große Chancen. Gleichzeitig bringt sie aber auch enorme Herausforderungen für Staat und Gesellschaft mit sich. Denn von den momentan zu uns kommenden Migranten hätten 80 Prozent keine formale Qualifikation. Lediglich 8 Prozent von ihnen seien Akademiker, 11 Prozent fachlich Qualifizierte. Das machte die Staatsministerin beim Bundesaußenminister, Maria Böhmer, deutlich.

Integrationsvereinbarungen sind erfolgreiches Mittel 

Gerade junge Flüchtlinge müssten daher so früh wie möglich in Bildung und Ausbildung. Zudem brauche es gute soziale Kontakte, um später auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein. Der Staat müsse hier eine aktive Steuerungspolitik betreiben, sich um die motivierten und erfolgreichen Zuwanderer bemühen, sagte Maria Böhmer. Als ein erfolgreiches Mittel nannte sie Integrationsvereinbarungen, die die Chancen für Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt nach ersten Erfahrungen deutlich erhöhen. Dennoch müsse man auch bedenken, dass die Hälfte aller Flüchtlinge nach einiger Zeit unser Land wieder verlasse.

Zuvor hatte Günter Krings bereits darauf hingewiesen, klar zwischen Flüchtlingen und Menschen zu unterscheiden, die bewußt zum Arbeiten nach Deutschland einwandern.

„Die Bewältigung der demografischen Herausforderung ist von der Frage, wie wir mit der hohen Zahl von Flüchtlingen umgehen, erst einmal unabhängig zu beantworten. Wir gewähren Asyl auf Grund von humanitären Gründen“, sagte er.

EU-Bluecard bringt Hochqualifizierte nach Deutschland

Dem gegenüber stünden Menschen, die innerhalb der EU-Freizügigkeit aus Gründen der Arbeitsmigration zu uns kämen. Gerade hier seien die positiven Effekte sehr deutlich spürbar, so Krings. Denn dies seien oft hochqualifizierte Menschen, welche Sprachbarrieren und Integrationshemmnisse leichter überwinden. Die Blue Card der EU stellt für sie eine große Chance dar. Deutschland gibt europaweit über 90% dieser Karten aus, ist also bei ausländischen Akademikern sehr beliebt. Dennoch müsse man im Marketing für Deutschland noch besser werden, sagte Krings.

Maria Böhmer machte in diesem Zusammenhang deutlich, dass sich deutsche Auslandsvertretungen diesem Marketing verpflichtet sehen. In Staaten wie den Phillipinen werben sie um Fachkräfte etwa für Pflegeberufe. Wichtig sei hier insbesondere „dass es eine Brücke geben muss zwischen dem Arbeitssuchenden etwa in Indien oder anderswo und dem Arbeitgeber in Deutschland. Wenn wir diese Brücke nicht haben, ist die Gefahr groß, dass wir Zuwanderung in die Sozialsysteme bekommen“, machte Günter Krings dazu deutlich.