Rede


Dr. Hermann Kues (Quelle: )
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Erfahrungen, Wissen und Fähigkeiten mit Anderen teilen

Rede zu Altersbildern in Deutschland

11.a) Beratung Antrag Fraktion der CDU/CSU und FDP

Altersbilder positiv fortentwickeln - Potenziale des Alters nutzen

- Drs 17/8345 -

 

11.b) Beratung der Unterrichtung der Bundesregierung

6.Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland - Altersbilder in der Gesellschaft und Stellungnahme der Bundesregierung

- Drs 17/3815 -

Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Herbstgold ist der Titel eines wunderbaren Dokumentarfilms, den das Bundesfamilienministerium vor einiger Zeit unterstützt hat. Es geht darin um fünf alte Menschen, die sich für die Senioren-Leichtathletikweltmeisterschaften qualifizieren wollen. Der älteste Teilnehmer geht im Alter von 100 Jahren nach einer Hüft-OP am Rollator an den Start, und zwar als Diskuswerfer. Lebensfreude, Optimismus, Humor und Abenteuerlust, das alles strahlen die betagten Sportler aus.

In einer Gesellschaft, in der jeder alt werden will, aber niemand alt sein will, ist es leider nicht selbstverständlich, im Alter das Herbstgold zu sehen. Zumeist denken wir als Erstes an Falten, Krankheit und Gebrechen, wenn vom Altsein die Rede ist. Der Sechste Altenbericht, über den wir heute diskutieren, räumt mit solchen Klischees auf. Er zeigt, dass die vorherrschenden Altersbilder in unserer Gesellschaft der Vielfalt der Lebensphase „Alter“ nicht gerecht werden und dass wir dem Potenzial älterer Menschen, dem Herbstgold, noch viel zu wenig Beachtung schenken. Die Sachverständigenkommission hat mit diesem Bericht wichtige Grundlagenarbeit für die Gesellschaftspolitik in Zeiten des demografischen Wandels geleistet. Ich bedanke mich bei allen Mitgliedern der Kommission, insbesondere bei ihrem Vorsitzenden, Herrn Professor Kruse.

(Beifall bei der CDU/CSU)

Eine alternde Gesellschaft braucht facettenreiche Bilder vom Alter, Bilder, die zeigen, dass die steigende Zahl älterer Menschen in unserer Gesellschaft nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine große Chance ist. Wir brauchen ihre Erfahrung und ihre Tatkraft in den Familien, in der Arbeitswelt und im Ehrenamt. Das unterstreicht der vorliegende Antrag der Koalitionsfraktionen. Diese Überlegungen fließen auch in die Demografie-strategie der Bundesregierung ein, die im Moment unter Federführung des Innenministeriums erarbeitet wird.

Die Lebensphase „Alter“ spielt dabei in doppelter Hinsicht eine zentrale Rolle: zum einen als Lebensphase, in der Menschen auf Hilfe und Fürsorge angewiesen sind, zum anderen als Lebensphase, in der Menschen viel zu geben haben und sich engagieren wollen. Das stellt letztlich den gesellschaftlichen Zusammenhalt vor neue Herausforderungen. Die Älteren sind dabei nicht das Problem, sondern die Lösung.

Was für unsere Gesellschaft vielfach noch Zukunftsmusik ist, ist ja in der Familie längst gelebter Alltag. Alt und Jung sind füreinander da. Auf Oma und Opa ist in den meisten Fällen Verlass, sie nehmen sich gerne Zeit. Aus dem Deutschen Alterssurvey wissen wir: Für drei von vier Personen ist es wichtig oder sogar sehr wichtig, Großmutter oder Großvater zu sein. Ältere wollen die Enkelkinder auf ihrem Weg ins Leben begleiten. Sie unterstützen damit ihre eigenen, häufig berufstätigen Kinder. Wenn die Enkelin Windpocken hat oder das künftige Kinderzimmer des Enkels renoviert werden muss, dann funktioniert der Zusammenhalt in der Familie, und zwar egal ob man Tür an Tür wohnt oder Hunderte Kilometer voneinander entfernt lebt. Umgekehrt können die meisten alten Menschen auf ihre Angehörigen zählen, wenn sie pflegebedürftig werden. Genau das ist der familiäre Zusammenhalt zwischen den Generationen, den wir uns für unsere Gesellschaft generell nur wünschen können.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Menschen, die sich aufeinander verlassen können und die füreinander Verantwortung übernehmen.

Mit der Familienpflegezeit, die seit dem 1. Januar 2012 die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege erleichtert, stützen wir Familie als Verantwortungsgemeinschaft. Entgegen allen Vermutungen und Vorhersagen ist es so, dass diese gesetzliche Regelung von vielen Betrieben angenommen wird. Insofern haben wir hier tatsächlich eine Lösung für einen erheblichen Teil der Bevölkerung hinbekommen. Wir tragen damit nicht nur der stetig steigenden Zahl pflegebedürftiger Menschen Rechnung, sondern mit diesem Konzept stärken wir auch den Zusammenhalt zwischen den Generationen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir der Vielfalt der Lebensphase Alter, so wie wir sie in den Familien längst erleben, auch in unserer Gesellschaft Raum geben müssen. Dazu soll das Europäische Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen dienen, das am 6. Februar mit einer offiziellen Auftaktveranstaltung beginnt. Wenn wir es schaffen, Strukturen hinzubekommen, die die Fähigkeiten und Stärken der älteren Menschen zur Geltung bringen, dann ist das ein Gewinn für die ganze Gesellschaft.

Ich will ein weiteres Beispiel nennen. Wir haben den neuen Bundesfreiwilligendienst in Deutschland sehr bewusst auch für Seniorinnen und Senioren geöffnet. Es ist eine absolute Erfolgsgeschichte, um das ganz deutlich zu sagen.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Markus Grübel [CDU/CSU]: Eine sehr gute Entscheidung!)

Dazu gab es anfangs eine sehr kritische Diskussion. Das begann damit, dass vermutet wurde, man würde überhaupt keine Freiwilligen bekommen. Die Menschen haben solche Einschätzungen Lügen gestraft. Wir haben Freiwillige. Die Zahl der Verträge steigt von Woche zu Woche. Wir haben jetzt eher das Problem, dass wir uns fragen müssen: Wie viel soll der Staat Jahr für Jahr fördern? Wie geht er damit um?

Rund 28 000 Verträge sind seit Juli geschlossen worden, darunter auch viele mit älteren Menschen. Dabei sind einige über 75 Jahre. Die älteste Teilnehmerin, die ich kenne, ist 83 und kommt zufällig aus meinem Wahlkreis.

(Dorothee Bär [CDU/CSU]: Meine Mutter! – Dagmar Ziegler [SPD]: Die liest Ihnen was vor! – Heiterkeit)

Sie hat gesagt: Ich helfe bei der Tafel mit; wenn ich den ganzen Tag zu Hause sitze, bekomme ich nur einen steifen Rücken. – Das sind positive Beispiele; daran sollten wir weiter arbeiten.

Auch der große Erfolg der Mehrgenerationenhäuser zeigt letztlich, welche Dynamik passende Engagementangebote für die ältere Generation entfalten können. Wir haben deswegen das Folgeprogramm „Mehrgenerationenhäuser II“ aufgelegt, das zum Jahresanfang gestartet ist. Auch das sind attraktive Angebote für Menschen, die Zeit haben, um Verantwortung zu übernehmen. Es sind gerade die jungen Alten, die nicht daran denken, sich im Ruhestand zur Ruhe zu setzen. Wir hoffen, dass diese Strukturen sich weiterentwickeln, auch über die Angebote und die Anreize des Bundes hinaus.

Im Übrigen gilt auch heute noch, was der königlich preußische Leibarzt Christoph Wilhelm Hufeland schon vor 200 Jahren gesagt hat: Alter ist nichts für Feiglinge. – Gerade deshalb braucht eine Gesellschaft des langen Lebens Altersbilder, die deutlich machen: Alter ist etwas für Leute, die ihren Schatz an Erfahrungen, Wissen und Fähigkeiten mit anderen teilen wollen. Ich bin jedenfalls fest davon überzeugt: Kaum etwas hält so jung wie das Gefühl, gebraucht zu werden.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)