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Eine berufliche Ausbildung ist durchaus dem Abitur gleichwertig

Rede zur Berufsbildung

13.a) Beratung Antrag CDU/CSU, FDP

Gleichwertigkeit von Berufsbildung und Abitur gewährleisten

- Drs 17/8450 -

 

13.b) Beratung BeschlEmpf u Ber (18.A)

zum Antrag SPD
Gleichwertigkeit von Berufsbildung und Abitur sichern

zum Antrag B90/DIE GRÜNEN
Deutschen Qualifikationsrahmen zum Erfolg führen - Gleichwertigkeit von Abitur und Berufsabschlüssen sicherstellen

- Drs 17/7957, 17/8352, 17/8490 -

Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes haben 2010 50,2 Prozent der deutschen Bevölkerung als höchsten Bildungsabschluss eine Lehre absolviert bzw. eine Berufsausbildung im du­alen System abgeschlossen. Dies entspricht circa 35,5 Millionen Deutschen. Ich bin mir sicher, dass viele dieser Menschen in einer selbstkritischen Reflektion zu dem Schluss kommen würden, dass ihre Berufsausbil­dung dem Abitur gleichwertig ist. Auch deshalb warten sicherlich viele gespannt auf eine abschließende Einord­nung der Berufs- und Bildungsabschlüsse im Deutschen Qualifikationsrahmen.

Ich kann Ihnen zudem aus persönlicher Erfahrung versichern, dass eine berufliche Ausbildung durchaus dem Abitur gleichwertig ist. Ich habe schließlich ein eh­renwertes Handwerk erlernt, danach jahrelang als Hei­zungsinstallateur gearbeitet und auch ohne Abitur stu­diert, promoviert und stehe heute hier. Ich kann also aus tiefster Überzeugung das bestätigen, was mein Kollege Uwe Schummer in seiner hochspannenden und gewinn­bringenden Rede zum Jahreswirtschaftsbericht 2012 ge­sagt hat: Das Flaggschiff unserer Bildungslandschaft ist die duale Berufsausbildung.

Gutausgebildete Lehrlinge sind für die deutsche Wirt­schaft genauso wichtig wie Akademiker; sie sind not­wendige Standortvoraussetzung für erfolgreich agie­rende Unternehmen, seien es nun kleine, mittlere oder große. Ohne ihre Fachkräfte wäre die deutsche Wirt­schaft nicht so innovativ und erfolgreich, wie sie heute ist. Dies müssen wir auch zukünftig sicherstellen. Ge­rade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels müs­sen wir dabei auch die Attraktivität der dualen Berufs­ausbildung weiter steigern.

Mittelständische Unternehmen tragen – so besagt es der Innovationsreport des Büros für Technikfolgenab­schätzung beim Deutschen Bundestag aus dem Jahre 2010 mit dem Titel „Zukunftspotenziale und Strategien nichtforschungsintensiver Industrien in Deutschland“ – erheblich zur deutschen Wertschöpfung bei. Für Mittel­ständler ohne eigene Forschungsabteilung sind gutaus­gebildete Lehrlinge dabei der wichtigste innovationsre­levante Faktor.

Deshalb bin ich froh, dass wir heute hier in diesem Hohen Hause darüber einig sind, dass wir eine Gleich­stellung von Abitur und dualer Ausbildung im Deutschen Qualifikationsrahmen auf dem Weg zu einem Europäi­schen Qualifikationsrahmen wollen und brauchen. Auf diese Weise schaffen wir ein Instrument, das die Gleich­wertigkeit zwischen allgemeiner, hochschulischer und beruflicher Bildung abbildet.

Dabei haben alle Akteure – Bund und Länder, Sozial­partner, Wirtschaftsorganisationen, die Wirtschaftsmi­nisterkonferenz – in vertrauensvoller und konstruktiver Zusammenarbeit einen Vorschlag vorgelegt, der sinnvoll und realistisch erscheint, nämlich die Zuordnung des Abiturs auf Niveau 4 und der beruflichen Erstausbildun­gen auf den Niveaus 3 und 4.

Es ist für mich unverständlich, warum die Kultus­ministerkonferenz, KMK, sich auf ihrer 335. Sitzung im vergangenen Oktober im Gegensatz dazu für die Einord­nung des Abiturs auf Stufe 5 und der beruflichen Erst­ausbildungen auf den Niveaus 3 bis 5 ausgesprochen hat. Dies ist ein Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen der Realität in Deutschland. Ein x-beliebiger Unternehmer würde – vor die Wahl gestellt, ob er eher einen frischgebackenen Abiturienten oder einen ausgebildeten Facharbeiter ein­stellen würde – keinen Moment zögern, dem Facharbei­ter den Vorzug zu geben. Das Abitur im Sinne der KMK derart überzubewerten, ist aus meiner Sicht eine Fehlein­schätzung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Es gilt aber, diese beim DQR zur Kenntnis zu nehmen und auf die realistischen Einschätzungen der Sozialpartner und Wirtschaftsverbände zu hören. Sie sind es letztlich auch, die den DQR umsetzen und anwenden müssen.

Die Einordnung der KMK wird unserem Ziel der an­zuerkennenden Gleichwertigkeit von Abitur und berufli­cher Erstausbildung nicht nur nicht gerecht; sie ist auch deshalb befremdlich, weil wir Bildungspolitiker immer noch darauf warten, dass die KMK ihre eigentlichen Hausaufgaben erledigt. Wenn sie schon für eine Höher­bewertung des Abiturs gegenüber den dualen Berufsab­schlüssen plädiert, sollte sie auch dafür sorgen, dass end­lich einheitliche Bildungsstandards für die gymnasiale Oberstufe zur Pflicht werden, die ihrerseits die Voraus­setzung für eine echte Vergleichbarkeit der Schulab­schlüsse in den 16 Bundesländern schaffen.

Ich hoffe, dass die Kompromissbereitschaft aller Be­teiligten letzten Endes doch noch zu einer tragfähigen Lösung führen wird. Vielleicht kann mein Kollege Marcus Weinberg seinem Landsmann und neuen Präsi­denten der KMK, Herrn Rabe, noch einmal ins Gewissen reden. In den ersten Interviews von Herrn Rabe habe ich mit großem Interesse gelesen, dass er ebenfalls die hohe Qualifikation der dualen Ausbildung verdeutlichen will (Welt Online, 28. Dezember 2011). Das wäre eine gute Basis für eine Einigung im Sinne der Gleichwertigkeit.

Mit unserer praxisorientierten dualen Berufsausbil­dung setzen wir – ich will das einmal ganz selbstbewusst klarstellen – Maßstäbe in Europa. Duale Ausbildung ist eben nicht nur Praxis, sondern bedeutet auch schulische Ausbildung in einer erstaunlichen Tiefe und Komplexi­tät. Damit stellt diese Form der beruflichen Qualifizie­rung eine Besonderheit dar, die ohne Weiteres der Quali­fikation des Abiturs entspricht. Dies gilt es, mit einer starken deutschen Stimme – und diese soll der DQR ha­ben – auch in Richtung Europa zu sagen. Pläne der Euro­päischen Kommission, dass zum Erlernen von Heil- und Pflegeberufen notwendigerweise das Abitur vorliegen müsse, würden so ad absurdum geführt. Ein Blick auf europäische Anstellungspraxis verdeutlicht dies; denn auch wenn in den nordischen Ländern das Abitur für Krankenschwestern, Pfleger und vergleichbare Berufs­gruppen obligatorisch ist, gibt es eine Vielzahl von Ini­tiativen, um das in Deutschland abiturfrei, aber dual aus­gebildete Personal für den Einsatz in diesen Ländern abzuwerben.

Die grundsätzliche Übereinstimmung aller Beteilig­ten hier im Hause wird durch die in weiten Teilen in­haltsgleichen Anträge deutlich. Wir sind der Meinung, dass die Zuordnung der Qualifikation zum DQR im Konsens mit allen Beteiligten getroffen werden muss. Wir sind uns auch einig darüber, dass die Zuordnung von allgemeiner Hochschulreife gleichwertig mit den min­destens dreijährigen dualen Ausbildungen auf einem Ni­veau erfolgen soll. Allerdings – und das ist der wesentli­che Unterschied zu den Anträgen der SPD und der Grünen – sind wir der Meinung, dass der Bundestag nicht die richtige Institution ist, um konkrete Festlegun­gen zur Einordnung der Abschlüsse zu beschließen. So wie die Eingruppierung der Berufsbilder von den Sozial­partnern im Konsens und in allgemeiner Tarifautonomie vereinbart wird, so wie die Prüfungsordnungen von den Kammern einvernehmlich geregelt werden, so sind es auch hier die Bildungsakteure und Sozialpartner vor Ort, die konkrete Entscheidungen im Zuge der Festlegungen zum DQR zu treffen haben. Dies ist nicht Aufgabe des Parlaments.

Wir fordern in unserem Antrag die Bundesregierung auf, gegenüber den Bundesländern darauf hinzuwirken, dass die Gleichwertigkeit von allgemeiner bzw. fachge­bundener Hochschulreife und mindestens dreijähriger dualer Ausbildung durch deren übereinstimmende Ein­ordnung auf ein und derselben Niveaustufe des DQR zum Ausdruck kommt. Zweijährige berufliche Erstaus­bildungen dürfen unserer Auffassung nach nicht mehr als eine Niveaustufe unterhalb der allgemeinen bzw. fachgebundenen Hochschulreife angesiedelt werden.

Ich persönlich stehe der Zuordnung der allgemeinen Hochschulreife auf Stufe 4 positiv gegenüber, weil ich diesen Vorschlag für realistisch halte. Falls sich aber alle Akteure darauf einigen, dass das Abitur auf Stufe 5 ein­geordnet werden soll, dann sollten und müssen sich auch die dreijährigen Berufsabschlüsse auf dieser Stufe wie­derfinden. Alles andere ist für mich und meine Fraktion inakzeptabel.

Für den Fall, dass eine entsprechende Einigung nicht erzielt werden kann, sollte auf die Einordnung allge­meinbildender Schulabschlüsse im DQR zunächst ver­zichtet werden. Auch in Frankreich sind Schulab­schlüsse bisher kein Bestandteil von Qualifikationsrahmen. Dies wäre zwar nicht die optimale Lösung, aber aus meiner Sicht besser als die Nichtgleichstellung von Abitur und dualer Berufsausbildung. Dies wäre ein fata­ler Fehler, der unbedingt verhindert werden muss. Inso­fern bin ich gespannt auf die endgültigen Festlegungen, die Ende des Monats erfolgen sollen.

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