- Simone Borchardt über die Digitalisierung des Gesundheitswesens
- Elektronische Systeme müssen einen Mehrwert schaffen
- Videosprechstunden und Telemonitoring ersetzen lange Fahrten
Elektronische Patientenakte, elektronische Krankschreibung, E-Rezept: Allmählich kommt die Digitalisierung des Gesundheitswesens in Gang. Darüber ein Gespräch mit der gesundheitspolitischen Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Simone Borchardt.
Frau Borchardt, die elektronische Patientenakte wurde über Jahre herbeigesehnt. Nun wird sie nur zögerlich genutzt, weil sie angeblich zu kompliziert ist. Warum geht es bei der Digitalisierung so schleppend voran?
Borchardt: Die elektronische Patientenakte ist aus meiner fachlichen Sicht genau richtig. Niemand will doch, dass Befunde, Arztbriefe und Medikationsdaten weiter über einzelne Daten-Silos verstreut liegen. Seit Oktober 2025 müssen Praxen und Kliniken ihre Dokumente deshalb wirklich in die Akte einstellen.
Zäh läuft es aktuell weiterhin, weil die Digitalisierung im Gesundheitswesen zu lange von den Erfordernissen der Technik beeinflusst wurde und der Versorgungsalltag eine zu geringe Rolle spielte. Gerade bei der Technik hakt es. Lassen Sie es mich mal konkret machen: Wenn eine Ärztin im Sprechzimmer ewig nach einem Dokument suchen muss, wenn dann noch der Zugriff langsam ist oder der Upload nicht funktioniert, dann spart die ePA niemandem Zeit. Und genau das berichten mir aktuell viele Praxen.
Die Praxen selbst ziehen ja mit. Bei einer Umfrage der Kassenärztlichen Vereinigung Anfang des Jahres hatten acht von zehn schon Dokumente in die Akte gestellt. Die Akzeptanz hängt aber davon ab, ob das System im Behandlungszimmer zuverlässig funktioniert und Mehrwert schafft. Wenn eine Anwendung im Alltag hilft, wird sie genutzt. Das sieht man am E-Rezept, denn dort sind inzwischen mehr als eine Milliarde Verordnungen eingelöst worden.
Genau hier setzen wir mit dem „Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen“ an. Es soll die ePA weiterentwickeln, die Telematikinfrastruktur verbessern, Störungen reduzieren und digitale Anwendungen attraktiver machen. Außerdem sollen neue ePA-Anwendungsfälle hinzukommen, die den Alltagsnutzen erhöhen.
Welche weiteren elektronischen Anwendungen halten Sie für vordringlich und warum?
Borchardt: Dringend ist für mich alles, was im Alltag direkt hilft. Ganz oben steht da die elektronische Medikationsliste. Viele Menschen, gerade Ältere, nehmen ja mehrere Medikamente gleichzeitig. Und wenn Hausarzt, Facharzt, Klinik und Apotheke immer nur ihren eigenen Bereich sehen, steigt das Risiko, dass sich Medikamente nicht vertragen oder doppelt verschrieben werden. Alles, was übers E-Rezept läuft, landet automatisch in der Liste.
Der zweite Punkt ist die elektronische Überweisung, zusammen mit der digitalen Terminvermittlung und einer ersten Einschätzung, zu welchem Arzt man überhaupt gehen muss – zum Hausarzt, zum Facharzt, zum Bereitschaftsdienst oder doch in die Notaufnahme?
Über die ePA-App sollen diese Schritte zusammenlaufen: Der Bedarf wird eingeschätzt und der Patient zur passenden Stelle gelotst. Im besten Fall kann er dort gleich einen Termin buchen. Die Praxen selbst haben weniger unnötige Anfragen. Unterm Strich spart das auch Geld, weil weniger doppelt untersucht und getestet wird.
Welchen Nutzen hat die Digitalisierung bei der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum?
Borchardt: Gerade im ländlichen Raum kann die Digitalisierung ganz konkret helfen. Ich komme aus Mecklenburg-Vorpommern und hier sind die Wege deutlich länger. Hier müssen Patienten für jede Rückfrage, jede Verlaufskontrolle oder jeden Befundtermin weit fahren. Das kostet Zeit und belastet auch die Praxen. Telemedizin kann hier Wege sparen, etwa über Videosprechstunden oder Telemonitoring.
Lassen Sie es mich mal konkret machen: Ein älterer Patient mit mehreren Vorerkrankungen nimmt verschiedene Medikamente und kommt gerade aus dem Krankenhaus. Wenn der Hausarzt gleich in die ePA schauen kann, muss er den Entlass-Brief nicht erst suchen oder telefonisch anfordern. Die Nachsorge kann zum Teil über die Videosprechstunde laufen.
Gerade auf dem Land, wo die Wege weit sind, ist die Notfallversorgung entscheidend. Wer nachts nicht weiß, ob er in die Notaufnahme oder zum Bereitschaftsdienst gehört oder ob er gar einen Rettungswagen braucht, benötigt schnell Unterstützung von der richtigen Stelle. Genau dafür sieht die Notfallreform ein gemeinsames Gesundheitsleitsystem vor, in dem die Rufnummern 112 und die 116117 zusammengeschaltet sind. Und die Rettungsdienste werden an die Telematikinfrastruktur angeschlossen, so dass sie direkt auf die wichtigen Notfalldaten aus der ePA zugreifen können. Das spart im Zweifel entscheidende Zeit.
Sie sehen also: Es geht nicht darum, die alten Abläufe einfach digital nachzubauen. Es geht mir wirklich darum, sie besser zu machen.