die Lage

„Kinder müssen online genauso geschützt werden wie offline“

Für Kinder und Jugendliche sind soziale Medien Fluch und Segen zugleich: Sie eröffnen Chancen auf Bildung, Vernetzung und Teilhabe. Zugleich verbreiten sie schädliche Inhalte und fördern Suchtverhalten. Sie setzen Minderjährige Druck, Manipulation und Radikalisierung aus. Über wirksamen Jugendschutz sprach „die Lage“ mit Anne König, der familien- und jugendpolitischen Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Frau König, verlieren wir die Jugend an die sozialen Medien?

König: Wir riskieren gerade, einen Teil ihrer Kindheit den Geschäftsmodellen großer Plattformen zu überlassen. Soziale Medien können Wissen vermitteln, Gemeinschaft stiften und politische Teilhabe erleichtern. Zur Realität gehört aber auch: endloses Scrollen, Schlafmangel, Cybermobbing, sexualisierte Ansprache, Hass, Desinformation und der ständige Vergleich mit einem inszenierten Leben, das mit der eigenen Wirklichkeit oftmals kaum etwas zu tun hat. Rund ein Viertel der 10- bis 17-Jährigen nutzt soziale Medien inzwischen in einer Weise, die Ärzte und Jugendpsychologen als problematisch ansehen.

Müssen Eltern ihre Kinder besser schützen?

König: Verantwortung dafür allein den Eltern zuzuweisen, wäre zu kurz gegriffen. Wenn Plattformen so gebaut sind, dass Kinder möglichst lange dort verweilen, möglichst häufig klicken und möglichst viele Daten preisgeben, ist das kein privates Erziehungsproblem mehr. Dann geht es um Gesundheits-, Verbraucher- und Kinderschutz. Deshalb gilt: Kinder müssen online genauso geschützt werden wie offline. Die Filmfreigabe für Kinos wirkt geradezu absurd, wenn Jugendliche sich Horrorfilme mit Echtaufnahmen bei TikTok anschauen können.

Was muss auf rechtlichem Gebiet getan werden?

König: Ich halte ein Mindestalter von 16 Jahren für soziale Netzwerke für rechtssystematisch stimmig. Denn auch im Datenschutzrecht ist die Einwilligung erst ab 16 möglich. Viele Länder handeln bereits. Die Regierung in Großbritannien bereitet ein Social Media Verbot für unter 16-Jährige vor. Auch das Europaparlament und die Europäische Kommission starten Initiativen. Es ist an der Zeit, diese Maßnahmen so zusammenzuführen, dass sie einen wirksamen Schutz unserer Kinder in ganz Europa garantieren. Gemeinsam können wir stärkeren Druck aufbauen, der Medienkonzerne zwingt, den Standards zu folgen, die wir von ihnen erwarten. Es ist auch für uns Zeit zu handeln: Für die CDU/CSU-Bundestagsfraktion heißt das: altersgerechte Zugänge, verbindliche Schutzstandards und spürbare Sanktionen, wenn Plattformen ihre Pflichten verletzen.

Ich begrüße es, dass die EU weitere Schutzvorschriften gegen den Missbrauch insbesondere von jungen Mädchen und Frauen durch Deepfakes auf den Weg bringen will. Grundsätzlich müssen große Plattformen nachweisen, dass ihre Systeme Kinder nicht gefährden. Wer mit Minderjährigen Geld verdient, trägt Verantwortung besondere für ihre Sicherheit. Das gilt für Algorithmen, Moderation und Werbung. Wer gegen rechtliche Regeln verstößt, muss mit empfindlichen Bußgeldern rechnen.

Aber natürlich lösen Verbote und Strafen allein das Problem nicht. Wir brauchen Medienbildung in Schulen, Unterstützung für Eltern und Beratungsangebote. Wir brauchen darüber hinaus analoge Räume, in denen Kinder Sport treiben, Freunde treffen und auch mal Langeweile aushalten müssen.

Welche technischen Lösungen streben Sie an?

König: Zuerst brauchen wir eine verlässliche Altersverifikation, die mit möglichst wenig Daten auskommt. Ein Klick bei „Ich bin über 13“ ist kein Jugendschutz. Bis Anfang 2027 soll in enger Abstimmung mit der EU in jedem Mitgliedstaat eine EUDI-Wallet nach gemeinsamen Standards verfügbar sein. Deutschland plant die erste Stufe der staatlichen EUDI-Wallet bereitzustellen, wie die EU sie vorsieht. Mit dieser App kann man sich online wie offline sicher ausweisen, wichtige Dokumente digital verwalten und jederzeit über die eigenen Daten verfügen. Die App soll anonym funktionieren, so dass man damit auch nur das Alter bestätigen kann.

Zweitens müssen Plattformen für Minderjährige anders voreingestellt sein: keine personalisierten Suchtspiralen, kein permanenter Push-Druck, kein Autoplay als Dauerreiz, keine manipulativen Designs. Empfehlungsalgorithmen dürfen Kinder nicht in immer extremere Inhalte treiben, sei es Selbstverletzung, Essstörung, Pornografie, Gewalt, Hass oder politische Radikalisierung.

Drittens brauchen Kinder einfache Beschwerdewege. Wer gemobbt, bedroht oder sexuell belästigt wird, darf nicht in den Irrgarten eines Hilfemenüs geschickt werden. Die Melde- und Blockierfunktion muss schnell, verständlich und altersgerecht funktionieren.

Ein Phänomen verdient Beachtung: die Beeinflussung Jugendlicher von Seiten islamistischer Influencer. Wie gravierend ist das und wie wollen Sie dagegen vorgehen?

König: Das ist gravierend, weil diese Szene längst nicht mehr nur mit langen, langweiligen Predigten arbeitet. Sie nutzt kurze Videos, Humor, Musik, Popkultur, um ihre Botschaften zu verbreiten. Sie vermittelt das Gefühl von Zugehörigkeit. Junge Menschen, die Verunsicherung oder Ausgrenzung erleben, werden mit einfachen Antworten angesprochen: Du bist Opfer, die Gesellschaft ist gegen dich, Demokratie ist wertlos, wir geben dir Identität. Genau darin liegt die Gefahr.

Es geht hier übrigens nicht nur um muslimische Jugendliche, nicht nur um Religiosität oder strenge Frömmigkeit. Es geht um gezielte verfassungsfeindliche, antisemitische, frauenverachtende und demokratiefeindliche Einflussnahme. Deshalb müssen wir diese extremistischen Netzwerke konsequent beobachten und im frühen Stadium gegen sie vorgehen. Dafür wiederum müssen Sicherheitsbehörden und Plattformen besser zusammenarbeiten.

Plattformen dürfen sich nicht herausreden. Wenn extremistische Inhalte massenhaft empfohlen, neu hochgeladen oder über Ausweichaccounts verbreitet werden, reicht es nicht, nach öffentlichem Druck einzelne Videos zu löschen. Wir brauchen schnelle Sperrungen illegaler Inhalte, Erkennung wiederkehrender Muster und Transparenz darüber, wie solche Inhalte Reichweite bekommen. Gleiches gilt natürlich auch für politischen Extremismus. 

Zum Schluss: Wie sollte man mit Eltern umgehen, die ihre Kinder als Aushängeschild im Netz benutzen, das sogenannte Sharenting?

König: Kinder sind keine Kulisse für die Selbstdarstellung Erwachsener und kein Geschäftsmodell. Viele Eltern teilen Fotos aus Stolz, nicht aus böser Absicht. Die Kinder können verspottet, die Bilder kopiert, bearbeitet und sexualisiert werden. Sie können auch Jahre später noch gefunden werden. 

Deshalb brauchen wir zuerst Aufklärung. Eltern müssen verstehen, dass auch kleine Kinder ein Recht auf Privatsphäre haben. 

Wo Kinder kommerziell vermarktet werden, reicht jedoch Aufklärung nicht aus. Beim sogenannten Family-Influencing brauchen wir klare Regeln: Beteiligungsrechte der Kinder, Schutz vor Überforderung, Kontrolle durch zuständige Stellen und eine Absicherung der Einnahmen zugunsten des Kindes. 

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