Thema des Tages

„Ich bin Eure Stimme“

Auschwitz-Überlebende Tova Friedman am Rednerpult des Deutschen Bundestags während der Gedenkstunde zum Tag der Opfer des Nationalsozialismus
  • Holocaust-Überlebende Friedman ruft zum Kampf gegen Antisemitismus auf
  • Gedenkstunde im Bundestag für die Opfer des Nationalsozialismus
  • Klöckner erinnert an besondere Verantwortung der Deutschen

Mit eindringlichen Worten hat die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman Deutschland und die Deutschen aufgerufen, sich dem wachsenden Antisemitismus weltweit entgegenzustemmen. „Möge die Erinnerung zu Verantwortung führen“, sagte Friedman während der Holocaust-Gedenkstunde des Bundestages. Auch Bundestagspräsidentin Julia Klöckner sprach von der besonderen Verantwortung der Deutschen, „dem wieder aufgekommenen Hass auf Juden entgegenzutreten“.

Die polnisch-amerikanische Jüdin Friedman, die als Kind das Vernichtungslager Auschwitz überlebte, erinnerte an die sechs Millionen ermordeten Juden und Jüdinnen, an ihre Schicksale, an ihr unermessliches Leid. In seinem Wahn habe Hitler die Maxime ausgegeben, dass niemand überleben dürfe, weil es für die nationalsozialistischen Verbrechen keine Zeugen geben dürfe. Dem setzte sie im Bundestag entgegen: „Ich bin Eure Zeugin. Ich bin Eure Stimme.“ Bis an ihr Lebensende werde sie ihre Erinnerungen weitergeben, damit sich ein solches Menschheitsverbrechen nicht wiederhole.

„Neutralität bedeutet Zustimmung“

Und trotzdem habe sich, mehr als 80 Jahre später, wieder ein Großteil der Welt gegen Israel und die Juden gewandt, hielt sie fest. „Der Antisemitismus ist nicht verschwunden, er hat sich angepasst.“ Er verbreite sich erschreckend schnell über soziale Medien. Tova Friedman zeigte sich erschüttert, dass junge Juden auch in ihrer Wahlheimat USA wieder Nachteile befürchten müssen, wenn sie sich zu ihrer Identität bekennen. Von Deutschland, das mehr als jedes andere Land wisse, was passiert, wenn Hass zur Normalität wird, erwarte sie, dass es sich deutlich gegen Antisemitismus positioniere. Denn: „Neutralität im Angesicht des Hasses ist keine Neutralität. Sie bedeutet Zustimmung.“

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„Wenn es Dein Land sein soll, ist es auch Deine Geschichte!“

Auch Julia Klöckner unterstrich die Verantwortung von Politik und Gesellschaft für den Schutz jüdischen Lebens in Deutschland. „Wer Bürgerin oder Bürger dieses Landes ist, darf dem Antisemitismus nie gleichgültig gegenüberstehen.“ Sie wandte sich damit ausdrücklich an alle, die hier leben, auch an Zuwanderer. Wer hier lebe, genieße die Freiheit und den Schutz des Grundgesetzes. Wer den deutschen Pass besitze – ob von Geburt an oder durch Einbürgerung –, habe den Rahmen der Ordnung zu respektieren. Das sei „kein Vorschlag zur Güte“, sondern „kategorischer Imperativ“. Klöckner unterstrich: „Wenn es Dein Land sein soll, ist es auch Deine Geschichte!“

„TovaTok“-Kanal mit 500.000 Followern

Die Bundestagspräsidentin warb dafür, sich mit der Zukunft des Gedenkens auseinanderzusetzen, in einer Welt ohne Zeitzeugen. „Diese Lücke darf nicht zu einem Vakuum werden. Wir müssen neue Wege finden, die Erinnerung lebendig zu halten.“ Tova Friedman hat mit ihrem Enkel den Tiktok-Kanal TovaTok gegründet, mit dem sie die Erinnerung an die Schoah wachhält. Ihren bewegenden Clips folgen 500.000 Menschen.