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(Quelle: picture alliance/ dpa)
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Wohin steuert die Maritime Wirtschaft?

Rüdiger Kruse über verlässliche maritime Politik mit ambitionierten Zielen

Der Deutsche Bundestag begleitet erneut die Nationale Maritime Konferenz mit einem Koalitionsantrag und setzt dabei ganz eigene Akzente. Welchen Chancen und Herausforderungen sich die maritime Branche stellen wird, erklärt der Beauftragte der Unionsfraktion für Maritime Wirtschaft, Rüdiger Kruse, im Kurzinterview.

Herr Kruse, befindet sich die Maritime Wirtschaft im Krisenmodus?
 
Die Branche ist heute geprägt durch einen modernen, hochspezialisierten Schiffbau und Zulieferer mit starken Positionen im weltweiten Wettbewerb, durch international führende Reedereien, eine leistungsfähige Hafenwirtschaft, eine innovative meerestechnische Industrie sowie renommierte Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen. Als CDU/CSU-Bundestagsfraktion haben wir in den letzten Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, um den Wandel der maritimen Branche zu begleiten und gemeinsam eine Perspektive für die Zukunft zu entwickeln. Infolge der Schifffahrtskrise, dem Werftensterben und der anhaltenden Konsolidierungsphase im internationalen Markt in den vergangenen Jahren wurde ein Umbruch eingeleitet, der die gesamte maritime Branche nachhaltig beeinflusst hat. Die deutsche Handelsflotte hat sich reduziert, seit 2013 um etwas mehr als 20 Prozent. Auch die Anzahl der Schifffahrtsunternehmen ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Der Anteil der Schiffe an der Welthandelsflotte, die unter deutscher Flagge fahren, ist gesunken – mit deutlichen Auswirkungen auf Beschäftigung und Ausbildung deutscher Seeleute. Hier haben wir umfangreiche Maßnahmen getroffen, um die Konkurrenzfähigkeit der Deutschen Flagge sicherzustellen und dem Trend zur Ausflaggung zu begegnen. Nur mit ausreichend Deutschen Flaggen auf den Weltmeeren können maritime Ausbildung und Beschäftigung hierzulande langfristig gesichert werden. Der Weltschiffbau ist nach wie vor in einer schwierigen Lage und steht einem deutlich negativen Trend gegenüber. Die deutschen Werften können sich diesem Trend bisher jedoch erfolgreich widersetzen und haben eine vergleichsweise positive Auftragsbilanz vorzuweisen und das obwohl sie mit teilweise staatlich subventionierten Konzernen im Ausland konkurrieren und faire Wettbewerbsbedingungen oftmals nicht gegeben sind. Viele Schiffbauunternehmen haben die Herausforderung gemeistert, in diesem schwierigen Marktumfeld strukturelle Anpassungen an die veränderten Marktverhältnisse vorzunehmen.
 
Warum muss sich gerade Deutschland für eine umweltfreundliche Schifffahrt einsetzen?
 
Als Politik müssen wir unsere Stimme in der Staatengemeinschaft nutzen, um den Rahmen und internationale Regularien zum umfassenden Schutz der Weltmeere zu setzen. Die Ökosysteme der Küsten, Meere und Polarregionen gilt es nachhaltig zu schützen und dadurch die Nutzung ihrer Ressourcen und die Funktionen der Ökosysteme für die Zukunft zu sichern. Die Seeschifffahrt ist – bezogen auf die Transporteinheit – der umweltfreundlichste und energieeffizienteste aller Verkehrsträger. Die Belastung der Umwelt durch den wachsenden Schiffsverkehr muss jedoch noch weiter vermindert werden. Aber es ist richtig - Deutschland ist nicht maßgebend in der Verschmutzung der Weltmeere, es ist jedoch global maßgebend in der technischen Innovation. Die maritime Industrie Deutschlands kann hier eine wesentliche Rolle übernehmen. Selbst ohne zusätzliche Regularien werden künftig viele Akteure an einer Reduzierung der Schadstoffbelastung durch die Seeschifffahrt interessiert sein, um für ihre Produkte eine verbesserte Umweltbilanz vorweisen zu können. „Green shipping“ entwickelt sich damit zunehmend zum Wettbewerbsfaktor. Die Förderung umweltfreundlicher und ressourcenschonender Zukunftstechnologien im Bereich Schifffahrt, Schiffbau und Häfen zählt für mich daher zu den entscheidenden Maßnahmen. Greentech - “made in Germany” - bedeutet Umweltschutz auf hohem Niveau. Alternative Kraftstoffe können einen erheblichen Beitrag zur Emissionsminderung auf See und in den Häfen leisten. LNG (liquefied natural gas – Abk. LNG) gilt als Schiffskraftstoff der Zukunft, als eine ökologische, wirtschaftlich sinnvolle und gesellschaftlich akzeptable Alternative. Insbesondere in Stadthäfen, wie dem Hamburger Hafen, ist es von höchster Bedeutung, die Umweltbelastung bei steigendem Wachstum zu verringern. Auf Initiative des Bundestages wurde ein Förderprogramm etabliert, das gezielte Anreize zur Diversifizierung der Kraftstoffbasis im Schiffsverkehr durch Förderung des Einsatzes von Erdgas setzt. Durch die Förderung von Schiffsausrüstung und –umbau für die Nutzung von LNG sollen Erfahrungen in Entwicklung und Bau von LNG Antriebssystemen sowie im Schiffbau für LNG-Antriebssysteme in Deutschland gewonnen werden. Mit den durchzuführenden Projekten wird es der maritimen Industrie ermöglicht, ihre Kompetenz für den internationalen Markt für LNG-Systeme unter Beweis zu stellen. Gleichzeitig wird mit dem Förderprogramm die Nachfrage nach LNG als Schiffskraftstoff in Deutschland gesteigert, um damit Anreize für den Aufbau der entsprechenden LNGVersorgungsinfrastruktur in See- und Binnenhäfen für wirtschaftlich agierende Unternehmen der Gasbranche zu geben. Zur Reduktion von Schadstoffemissionen können neben neuen Kraftstoff- und Antriebskonzepten auch weitere Technologien einen wichtigen Beitrag leisten.
 
Wie wird sich das im Herbst 2016 beschlossene Deutsche Maritime Zentrum (DMZ) in diese Branche einreihen?
 
Das Deutsche Maritime Zentrum (DMZ) in Hamburg soll die Koordinierung von Forschung, Entwicklung und Innovation im Bereich der maritimen Wirtschaft sicherstellen. Ich habe mich insbesondere für die Etablierung des DMZ eingesetzt, um den Ideenreichtum der kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) der Branche für die Entwicklung umweltfreundlicher Technologien umfassend nutzbar zu machen. Die breit aufgestellte maritime Industrie in Deutschland ist bereits heute in weiten Teilen technologieführend. Bei Spezialschiffen sowie in den Marktsegmenten der hochkomplexen Fahrgast- und Kreuzfahrtschiffe, Yachten, modernen Fähren und Marineschiffe konnten die deutschen Werften durch technologische Spitzenleistungen, ausgeprägte Systemkompetenz und hohe Flexibilität ihre guten Marktpositionen halten. Zunehmend geraten aber auch diese Segmente unter hohem Konkurrenzdruck. Als Politik wollen wir diesen Umbruch nutzen, für die maritime Branche eine zentrale Institution zu schaffen, mit dem klaren Ziel, Forschung und Entwicklung zu fördern und die Innovation als Wettbewerbsvorteil zu verstetigen. Greifen politischer Wille und die technische Innovationskraft der maritimen Industrie effizient ineinander, kann Deutschland hier neue Umweltstandards in einer Schlüsselindustrie der Globalisierung setzen und für diese auch in internationalen Gremien (z.B. der IMO) werben.