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(Quelle: Laurence Chaperon)
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Stolz und Vorteil

Volker Kauder im Gastkommentar der Wirtschaftswoche

Die duale Ausbildung ist das Erfolgsgeheimnis unserer Exportwirtschaft.  Höchste Zeit, dass wir den Berufsschulen mehr Anerkennung zollen. Und sie besser ausstatten. 

Der Bundestagswahlkampf 2017 ist schon vor dem Wahltag oft kritisiert worden - weil er angeblich zu unaufgeregt, zu langweilig sei. Ich sehe aber keinen Nachteil darin, Argumente sachlich auszutauschen. Es ist ein Irrglaube, dass sich die Bürger nach Streit sehnten. Nein, die meisten wollen schlicht erfahren, was wir Politiker mit dem Land, mit ihrem Land vorhaben.

Bedauerlich ist allerdings, dass wir zu wenig über die wirklich wichtigen Themen sprechen. Dass in dem TV-Duell zwischen der Bundeskanzlerin und Martin Schulz keine einzige Frage zur wirtschaftlichen Zukunft der Bundesrepublik gestellt wurde, war bezeichnend. Leider ist gerade bei SPD und Grünen - von den Linken und der AfD will ich gar nicht sprechen, da ist der Glaube weit verbreitet, die gute Wirtschaftslage unseres Landes sei quasi ein Naturgesetz.

Wie naiv! Die Herausforderungen sind gewaltig, die WirtschaftsWoche hat mit 49 Thesen kürzlich zu Recht darauf hingewiesen. Als da wären: Digitalisierung, demografische Entwicklung, Bewahrung des freien Welthandels. Und viele weitere mehr.

"Der Wirtschaft noch viel mehr Aufmerksamkeit widmen"

Das kann nur bedeuten: Wir müssen in der kommenden Wahlperiode der Wirtschaft noch viel mehr Aufmerksamkeit widmen. Den Menschen und dem Land wird es auch in Zukunft nur dann gut gehen, wenn es der Wirtschaft gut geht. Mir ist bewusst, dass diese Aussage fast wie eine Banalität klingt. Richtig bleibt sie dennoch.

Spricht man mit Firmen- und Verbandsvertretern, unterscheiden sich die Sorgen von Branche zu Branche recht stark - was die Sache für uns Politiker nicht einfacher macht. So empfinden viele Unternehmen die steigenden Energiepreise zunehmend als schwere Last. Keine Frage: Wir müssen noch stärkere Anstrengungen unternehmen, um den Kostenanstieg zu bremsen. Zudem ist nicht hinnehmbar, dass das wirklich schnelle Internet noch in weiter Ferne liegt. Mit der Geschwindigkeit von 50 Megabit pro Sekunde im Netz surfen zu können (zur Erinnerung: das ist das bisherige Ziel!) wird es nicht getan sein. Wir müssen in den Gigabitbereich vordringen - was nur mit flächendeckenden Glasfaserkabelnetzen und dem modernen Mobilfunkstandard 5G gelingen wird. Die Anstrengungen müssen hier vervielfacht werden. Sonst wird es nichts mit dem autonomen Fahren, mit der Telemedizin, mit dem Internet der Dinge - kurzum: mit der Zukunft.

"Mehr Frauen in Vollzeit"

Unerlässlich für Unternehmen sind qualifizierte Arbeitskräfte. Denn fehlendes Personal könnte zu einem regelrechten Wachstumskiller werden. Von daher müssen sich Unternehmen und Politik darum kümmern, dass mehr Frauen einer Vollzeittätigkeit nachgehen können. Denn nur teilweise werden wir diese Lücken mit Arbeitnehmern aus dem Ausland schließen können. Die Anwerbung aus Nicht-EU-Ländern wollen wir mit einem Fachkräfte-Zuwanderungsgesetz erleichtern. Darüber hinaus müssen wir aber vor allem im Anwerbemarketing von Talenten besser werden.

Neben der fortlaufenden Weiterbildung der Arbeitnehmer ist eine weitere zentrale Aufgabe, die jungen Leute fit für den Arbeitsmarkt der Zukunft zu machen. Wir registrieren seit Jahren den Trend, dass immer mehr Abiturienten an die Hochschulen gehen. Offen gesagt: Ich persönlich verfolge das mit Skepsis, weil ich mich frage, ob dort oft am Arbeitsmarkt vorbei ausgebildet wird.

Zwar sagt der Bericht zur Fachkräftesicherung der Bundesregierung voraus, dass in Deutschland trotz der steigenden Zahl der Hochschulabsolventen bald 1,5 Millionen Akademiker fehlen. Gleichwohl bleiben meine Zweifel bestehen. Denn noch größere Engpässe gibt es nach meinen Erfahrungen in Facharbeiter-, Meister- und Technikerberufen.

"Gebühren für Meisterprüfung erstatten"

Wir haben schon einiges getan, um diese attraktiver zu machen. So haben wir die Aufstiegsmöglichkeiten in nicht akademischen Berufen verbessert. Mit einem Bafög für Meister hat der Staat bereits zwei Millionen junge Menschen mit insgesamt 7,5 Milliarden Euro unterstützt. Bei den Förder- und Zuschussbeträgen haben wir 2016 sogar extra noch einmal nachgelegt. In der kommenden Wahlperiode wollen wir noch einen Schritt weiter gehen und bei bestandener Meisterprüfung angefallene Gebühren ganz oder teilweise erstatten.

"Berufsschulen stärken"

Doch selbst das wird nicht ausreichen. Wir müssen auch die Berufsschulen, die Basis der beruflichen Ausbildung, stärken. Es kann doch nicht sein, dass das duale System ein deutscher Exportschlager ist, den wir stolz in die Welt tragen, im eigenen Land die Berufsschulen aber zum Stiefkind unseres Bildungssystems geworden sind.

Als Erstes ist es deshalb dringend erforderlich, dass diese Schulen rasch an das schnelle Internet angeschlossen werden. Der rasante digitale Fortschritt, der in den Unternehmen stattfindet, muss sich auch im Unterricht widerspiegeln. Um ein Zeichen der Wertschätzung zu setzen, wäre es überlegenswert, den Berufsschulen sogar einen Ausbauvorrang einzuräumen.

"Beruf als lohnenswerte Alternative zum Studium"

Der Bund muss die Länder außerdem in der Weiterbildung der Lehrer und Ausbilder unterstützen. Darüber hinaus sollten wir auch die duale Ausbildung beleben, indem wir die Aufstiegschancen von Meistern verbessern. Auch damit können wir den jungen Leuten zeigen: Es gibt eine Alternative zum Studium, die sich lohnt.

Die Bundeskanzlerin hat ein schönes Bild für diese Herausforderungen gefunden: Wir müssen eine Menge tun, damit Deutschland nicht eines Tages zu einem Technikmuseum wird. Unsere Wirtschaft ist momentan noch gut aufgestellt. Eine solide Aufstellung allein reicht aber nicht. Das Spiel muss gewonnen werden.