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Viren sind keine Indikation für Antibiotika

Rede zu Antibiotika-Resistenzen vermindern

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Zunächst möchte ich eine Gemeinsamkeit mit allen meinen Vorrednern herausstellen. Mein Dank gilt den Arbeitsgruppen für die gute und lehrreiche Kooperation. Ich schließe in meinen Dank besonders Lothar Riebsamen und Tino Sorge aus unserer Arbeitsgruppe „Gesundheit“, die kräftig mitgearbeitet haben, ein und auch meinen Büroleiter Herrn Böckler, der mir sehr viel geholfen hat.

Lassen Sie mich auf eine kleine Differenz hinweisen: Ich bin kein Tierarzt, und deswegen kann ich nicht mit tiermedizinischer Kompetenz sprechen. Aber ich glaube, es gibt für die Tierheilkunde wie für die Humanheilkunde einen klaren Grundsatz für den Einsatz von Antibiotika. Er lautet: So oft wie notwendig, aber so selten wie irgend möglich.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)

Mit dieser Debatte haben wir die Chance, diese Botschaft nach draußen zu transportieren. Wenn ich mir im Bereich der Medizin eines wünschen dürfte, dann wäre es, dass wir mithilfe dieser Debatte der gesamten Bevölkerung klarmachen: Antibiotika helfen nicht gegen Viren!

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Antibiotika helfen gegen Bakterien. Aber Viren und Bakterien sind etwas Unterschiedliches. Eine Grippe ohne Superinfektion, also ohne zusätzliche bakterielle Infektion, ist eine Viruskrankheit. So gerne man auch mit einem Antibiotikum nach Hause möchte: Wenn der Arzt sagt, das hilft nicht gegen Viren, dann ist das ein Grund, ihm stärker zu vertrauen und nicht etwa zu sagen: Der hilft mir nicht genug.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie der Abg. Kathrin Vogler [DIE LINKE] und Kordula Schulz-Asche [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Viren sind keine Indikation für Antibiotika. Wenn es eine Zusatzinfektion mit Bakterien gibt, dann wird man natürlich Antibiotika einsetzen. Warum ist das so wichtig? Das ist so wichtig, weil Antibiotika zu den größten Errungenschaften der Medizin, zu unseren größten Schätzen überhaupt gehören. Seit der Entdeckung des Penicillins und seit seinem Einsatz als Medikament – 1941 erstmals eingesetzt – ist es eines der wirksamsten Instrumente, und das droht uns verloren zu gehen. Das Weltwirtschaftsforum zählt Antibiotikaresistenzen zu den größten Risiken der Weltwirtschaft.

Es wird eine Debatte darüber geführt, was uns die neue Entwicklung kostet. Wir haben in unserem Antrag zum Beispiel für den Bereich der Krankenhäuser – Minister Hermann Gröhe hat darauf hingewiesen – die Antibiotic-Stewardship-Programme in den Mittelpunkt gestellt. Man darf sich nun nicht vorstellen, dass diese Antibiotic-Stewardship-Programme keine Folgen in Bezug auf den Einsatz hätten. Es gibt ein paar Kernkomponenten in diesen Programmen, die für jedes einzelne Krankenhaus maßgeschneidert werden müssen. Kernkomponenten sind zum Beispiel die Etablierung eines multidisziplinären Teams für Antibiotic Stewardship, die Einrichtung der Funktion eines beauftragten Arztes oder eines infektiologischen Konsiliardienstes, die Fortbildung des Klinikpersonals, die Durchführung von Surveillance-Aktivitäten, spezifische Maßnahmen, zum Beispiel die Bereitstellung von lokalen Therapieleitlinien, die Erstellung einer hauseigenen Antiinfektiva-Liste, die Durchführung einer Verordnungsanalyse.

Es reicht nicht alleine, mit Stolz und mit Recht festzustellen, dass wir in der Tierheilkunde seit 2011, seit es die neue gesetzliche Grundlage gibt, einen Rückgang der Antibiotikaverordnungen um 53 Prozent haben und dass wir die Antibiotikaverordnungen in der Humanmedizin abgesenkt haben; beispielsweise sind Antibiotika auf der Liste der verordnungsstärksten Arzneimittel von Platz zwei im Jahr 2013 auf Platz fünf im Jahr 2014 abgerutscht, übrigens auch unter Minderung der Verordnungen von Cephalosporinen und Fluorchinolonen, die als Reserveantibiotika betrachtet werden.

Das sind Erfolge; aber sie alleine reichen nicht aus. Man muss sich klar sein, welches Risiko hier besteht. Die EU rechnet heute schon mit Kosten aufgrund von Antibiotikaresistenzen in der EU in Höhe von 1,5 Milliarden Euro pro Jahr. Die OECD – ich schenke den Zahlen der OECD ja nicht immer Glauben, aber in diesem Fall sind sie sehr beeindruckend, selbst wenn es am Ende 30 Prozent Abweichung gäbe – rechnet bis 2050 mit Kosten in Höhe von 2,9 Billionen US-Dollar, wenn nicht gegengesteuert wird, und das nur in den OECD-Staaten. Das sind die Staaten mit den kleineren Problemen. Überall sonst in der Welt – in Staaten, in denen es zum Teil einen völlig freien Zugang zu Antibiotika gibt und dafür gar keine Rezepte ausgestellt werden, weil man einfach in einen Laden gehen und sich Antibiotika kaufen kann – sind die Probleme noch größer.

Insofern glaube ich: Ja, man braucht in der Tat auch zusätzliches Personal. Und ja, ich glaube, dass die hohe Arbeitsdichte das größte Risiko im Hinblick auf noso­komiale Infektionen im Krankenhaus darstellt. Aber gemessen an den Kosten von 2,9 Billionen US-Dollar, die dort drohen, ist doch jeder Euro, den wir da reinstecken, gut investiertes Geld. Ich glaube, das ist in der Debatte, in der Diskussion ein ganz wichtiger Punkt.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und der Abg. Kordula Schulz-Asche [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich möchte gerne damit schließen, dass ich noch einmal sage, welche Punkte von ganz besonders hoher Bedeutung sind: Wir müssen die Wirksamkeit der vorhandenen Antibiotika erhalten. Wir müssen Infektionen durch Prävention, durch Einhaltung allgemeiner Hygienestandards, auch durch Steigerung der Impfquoten entgegentreten. Wir müssen grundsätzlich für das Thema der Resistenzen sensibilisieren. Wir brauchen bessere Informationen für die Ärzte und Tierärzte, aber vor allem auch für die Bevölkerung und die Patienten darüber, was es mit Antibiotika, ihrem Einsatz in der Therapie und ihrer Wirksamkeit auf sich hat. Wir brauchen auch eine bessere Ausgestaltung des öffentlichen Gesundheitsdienstes,

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

der helfen kann und vor Ort handlungsfähig sein muss; er braucht auch von den Landesregierungen Unterstützung, damit er weiß, was er in konkreten Situationen tun soll. Und wir brauchen ein besseres betriebliches Gesundheits- und Hygienemanagement. Ich sage jetzt mal als Arzt: Auch in der Nutztierhaltung brauchen wir das; wir brauchen den Einsatz schneller diagnostischer Tests mit hoher Spezifität und Sensitivität.

(Beifall der Abg. Kordula Schulz-Asche [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Ich schließe damit, dass ich sage: Ja, Antibiotikaeinsatz ist gut, aber nur, wenn er so oft wie notwendig und so selten wie möglich passiert.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)

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