Rede


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Die Katastrophe verhindern

Rede zu Antibiotika-Resistenzen vermindern

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Als im Juni des letzten Jahres beim G-7-Gipfel in Elmau die deutsche Präsidentschaft das Thema Antibiotikaresistenzen auf die Tagesordnung gesetzt hat, da hat mancher in den Medien und auch in der Politik zunächst einmal gefragt: Antibiotika- – was? Kümmern sich die G-7-Staats- und Regierungschefs nicht um die ganz wichtigen Fragen wie Frieden, Wirtschaftswachstum, Gerechtigkeit, Klimawandel? Ja, und dazu gehören eben auch Antibiotikaresistenzen. Es ist eine Frage, die genau in diese Dimension gehört. Deutschland ist hier Schrittmacher, und zwar nicht nur deshalb, weil wir dieses Thema auf die Tagesordnung der G 7 gesetzt haben, sondern weil wir auch konsequent handeln im nationalen wie im internationalen Rahmen.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)

Kollegin Schulz-Asche hat es ja angesprochen: Ein Rückfall in das Vor-Penicillin-Zeitalter wäre eine Katastrophe für die Medizin. Seit dem Zweiten Weltkrieg sind Antibiotika ein herausragendes Instrument zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Viele medizinische Eingriffe, vom Hüftgelenkersatz bis zur Transplantation, wären ohne vorbeugende Antibiotikabehandlungen nicht möglich.

Jedes Jahr sterben weltweit 700 000 Menschen an resistenten Keimen. Wenn die Kommission von Jim O’Neill im Auftrag der britischen Regierung sagt: „Diese Zahl kann bis 2050 auf 10 Millionen steigen, wenn wir nicht gegensteuern“ – das hieße mehr Tote durch multiresistente Keime als infolge von Krebserkrankungen –, dann macht das deutlich, wie ernst die Bedrohung ist. Ähnlich wie beim Klimawandel ist es so, dass sich die Entwicklung schleichend und weithin unsichtbar vollzieht. Deswegen ist es wichtig, hier gegenzuhalten.

Es geht um – es ist richtig, was Sie gesagt haben – die lokale, die nationale und die internationale Ebene, also um alle Ebenen. Ich will mich auf den Bereich der Medizin konzentrieren. Gleichzeitig danke ich dem Kollegen Schmidt herzlich für die gute Zusammenarbeit mit seinem Hause und dafür, dass wir vor Ort informieren und diskutieren. Frau Kollegin, Sie haben Kampagnen angemahnt. Ich lade alle dazu ein, die guten Materialien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu nutzen.

Ich war vor einigen Wochen mit Apothekerinnen und Apothekern meiner Heimatstadt mit diesen Materialien in der Fußgängerzone. Wir haben Eltern angesprochen und darauf hingewiesen, dass es falsch ist, ohne eine anständige Diagnostik vorschnell auf den Einsatz von Antibiotika zu drängen und die Behandlung nach einer vermeintlichen Besserung vorschnell abzubrechen. Auch damit werden Resistenzen gefördert. Natürlich betreiben wir öffentliche Aufklärung. Natürlich gibt es auch verbesserte Weiterbildungsangebote an die Ärzteschaft. Das Antibiotic-Stewardship-Programm mit der Universität Freiburg als Ankerorganisation bietet diese Weiterbildungen an. Natürlich gehört die Fülle der Maßnahmen vor Ort, die wir im Bereich Krankenhaushygiene ergreifen, auch dazu.

Vizepräsidentin Dr. h. c. Edelgard Bulmahn:

Herr Bundesminister, lassen Sie eine Zwischenfrage zu? Ich habe die ganze Zeit auf eine Redepause gewartet. Ich musste Sie jetzt aber unterbrechen.

Hermann Gröhe, Bundesminister für Gesundheit:

Gerne.

Vizepräsidentin Dr. h. c. Edelgard Bulmahn:

Frau Schulz-Asche.

Kordula Schulz-Asche (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Minister Gröhe, herzlichen Dank, dass Sie konkret auf meinen Vorschlag mit der Aufklärung eingegangen sind. – Wir haben die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Ich möchte Sie fragen, ob Sie beabsichtigen, nach dem Vorbild von Frankreich eine über Jahre dauernde, sehr breit angelegte und sehr intensive Informationskampagne zu machen und nicht nur auf die Broschüren der BZgA zu setzen?

Hermann Gröhe, Bundesminister für Gesundheit:

Wir bauen diesen Bereich aus. Nicht nur die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt Materialien heraus, sondern auch die örtlichen Gesundheitsämter und die Landesregierungen. Ja, wir werden sowohl im Bereich der Information seitens der öffentlichen Verwaltungen beharrlich und verstärkt arbeiten müssen – das ist nicht mit der einmaligen Ausgabe von Materialien getan –, als auch die Apotheken, die Ärzteschaft und die anderen Gesundheitsberufe mit einbeziehen müssen.

Natürlich müssen diese Arbeiten fortgesetzt und auch verstärkt werden; das steht übrigens im Antrag der Koalitionsfraktionen. Es gibt regionale Netzwerke für diese Arbeit, die beispielsweise durch das Robert-Koch-In­stitut unterstützt werden. Ja, all das gehört ausdrücklich dazu.

(Beifall bei der CDU/CSU – Kordula Schulz-Asche [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Also nein!)

– Doch. Ich habe ausdrücklich gesagt, dass wir diese Maßnahmen nachhaltig und verstärkt durchführen. Ich lade dazu ein, sie vielleicht erst einmal alle zur Kenntnis zu nehmen und selber auch einzusetzen. Das lohnt sich.

Wir haben im Bereich der Krankenhaushygiene nach den Verschärfungen des Infektionsschutzgesetzes zuletzt die Meldepflichten verschärft, damit bereits ein erstes Auftreten von Keimen rechtzeitig die entsprechenden Reaktionen auslösen kann. Wir führen seit 2014 eine Verbrauchs-Surveillance in Krankenhäusern durch, und zwar zusammen mit dem Robert-Koch-Institut und der Charité; über 200 Krankenhäuser machen bereits mit. Auch daraus gewinnen wir wertvolle Informationen für einen bestmöglichen Einsatz.

Wir arbeiten intensiv zusammen – neben Kollege Schmidt war Kollegin Wanka an der Erarbeitung der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie beteiligt –, wenn es um die Forschung geht. Eine gute Forschung, die international zusammenarbeitet, wurde angemahnt. Ich kann Ihnen sagen: Genau das geschieht. Das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung, das zur Helmholtz-Familie gehört und vom Bund nachhaltig gefördert wird, ist eine der herausragenden Forschungseinrichtungen. Gerade vor wenigen Tagen hat das in Braunschweig beheimatete Netzwerk zusammen mit acht anderen Spitzenorganisationen in der Welt eine Allianz gegründet, um das Erreichen der Ziele der UN-Resolution wissenschaftlich zu begleiten und anzumahnen. Die deutsche Forschung ist also an der Gründung dieser Allianz beteiligt. Die Bundesregierung hat zusammen mit anderen im Rahmen der WHO dafür geworben, noch in diesem Monat dieses Thema auf die Tagesordnung nicht nur der WHO, sondern auch der Vereinten Nationen zu setzen und dazu High-Level-Meetings und Beratungen durchzuführen.

Damit komme ich auf das zu sprechen, was wir im Rahmen von G 7 und in der EU – hier vor allen Dingen zusammen mit Großbritannien und den Niederlanden, aber auch mit anderen Staaten aus der Völkergemeinschaft – tun. Bereits im nächsten Monat wird – initiiert im Rahmen des G-7-Prozesses – ein Treffen internationaler Experten in Berlin stattfinden. Über 100 renommierte Experten werden über Forschungsanreize, den Zusammenhang von Tier- und Humanmedizin und über den klugen Einsatz von Antibiotika, aber auch über die Durchsetzung einer weltweiten Verschreibungspflicht diskutieren; auch Jim O’Neill wird daran teilnehmen. Wir haben uns entschlossen, im Mai nächsten Jahres erstmalig zu einer Konferenz der G-20-Gesundheitsminister einzuladen; denn wir sind der Überzeugung, dass wir bei Fragen betreffend die Antibiotikaresistenz eine Zusammenarbeit der forschungs- und wirtschaftsstarken G-7-Staaten und der großen – auch großagrarisch tätigen – Länder Lateinamerikas und Asiens brauchen.

(Beifall bei der CDU/CSU)

Ich bin ausgesprochen dankbar, dass die japanische G-7-Präsidentschaft unser Thema vorangetrieben hat und im April Indien, China und weitere asiatische Staaten eingeladen hatte, um sie für unsere Sache zu gewinnen. Unsere Anstrengungen, in denen wir nicht nur nicht nachlassen dürfen, sondern die wir auch verstärken müssen, werden nur Erfolg haben, wenn wir es schaffen, andere Staaten auf internationaler Ebene einzubinden. Im Gegensatz zu dem Eindruck, der gerade erzeugt wurde, wird Deutschland – fragen Sie in der WHO und der UNO – als Schritt- und Tempomacher und aufgrund seiner Strategie als Vorbild gesehen.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)

Ich bin davon überzeugt, dass es uns gelingen wird, die Katastrophe, die eintreten kann – zu diesem Schluss kommt man, wenn man den Report von O’Neill und die Berichte der Weltbank über die dramatischen wirtschaftlichen Schäden liest –, zu verhindern, wenn wir alle zusammenarbeiten und handeln. Wir werden in Kürze über die Ergebnisse des Pharmadialogs reden. Hier wird es um mehr Anreize für eine bessere Diagnostik, die Entwicklung neuer Antibiotika und auch um die Frage gehen, wie wir den nachlassenden Nutzen von Generika fair bewerten.

Also: Global und vor Ort handeln, das zeichnet uns aus. Der Antrag der Koalitionsfraktionen enthält dafür wichtige Punkte. Er macht Tempo und mahnt, am Ball zu bleiben. Ich begrüße dies sehr und freue mich auf die weiteren Beratungen.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)