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Thomas Rachel: "Erasmus und Erasmus+ sind eine Erfolgsgeschichte"

Rede zur Bildung in Europa - ERASMUS-Programm

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Am Sonntag wurde der Unterzeichnung der Römischen Verträge vor 60 Jahren gedacht. Diesen Mittwoch hat Großbritannien den Austritt aus der Europäischen Union beantragt; ein bitterer Tag für uns, für die Briten und auch für die Europäische Union insgesamt.

Vor 70 Jahren war es übrigens ein Brite, nämlich Winston Churchill, der in seiner Rede an der Universität Zürich die „Neuschöpfung der europäischen Völkerfamilie“ gefordert hat, und das nach zwei verheerenden Weltkriegen. Das war wahrlich visionär. Seine Vision ist Wirklichkeit geworden: ein gemeinsames Europa, die Europäische Union. Aber: Sie ist nicht mehr unbestritten.

Der Brexit ist ein tiefgreifender Einschnitt im Prozess der europäischen Einigung. Er ist für uns alle ein Weckruf. Seine genauen Auswirkungen kennen wir noch nicht. Nicht nur bei uns, auch in anderen europäischen Ländern gibt es nationalistische und populistische Anfeindungen, die uns herausfordern.

Natürlich ist die Europäische Union nicht perfekt. Oft wirkt sie im Stillen. Sie hat uns viele Freiheiten und Vorteile gebracht, die wir leider im täglichen Leben manchmal nicht mehr wahrnehmen. Sie werden uns erst dann wieder richtig bewusst, wenn sie plötzlich infrage gestellt werden, wie gerade in Großbritannien das Aufenthaltsrecht für EU-Ausländer.

Wie erleben heutzutage eigentlich junge Menschen Europa? Ich denke, zunächst durch das freie Reisen, durch Freizügigkeit für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, durch die Ausbildung und das Studium im benachbarten Ausland. All das war vor 60 Jahren undenkbar.

Kein Programm macht Europa für die junge Generation so erlebbar wie Erasmus+.

(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Vor 30 Jahren war es meist nur wenigen vorbehalten, im Ausland zu studieren. Das Erasmus-Programm hat dies grundlegend geändert. Breite Schichten in allen Mitgliedstaaten haben mittlerweile diese Möglichkeit. Fast 10 Millionen junge Menschen haben in dieser Zeit dank Erasmus im europäischen Ausland studiert, Praktika gemacht oder gelehrt, darunter fast 1,3 Millionen Menschen aus Deutschland. Diese Generation Erasmus lernt andere Kulturen, Arbeitsweisen und Lebensgewohnheiten kennen – in der beruflichen Bildung, im Studium, in anderen europäischen Schulen, aber auch in der Erwachsenenbildung und in der europäischen Jugendarbeit. Für die Generation Erasmus ist ein Europa mit nationalen Grenzen unvorstellbar. Sie verstehen und fühlen sich als europäische Bürger, und das ist auch gut so.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie des Abg. Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Das aktuelle, um 40 Prozent ausgebaute, mit 17,4 Milliarden Euro finanzierte Programm Erasmus+ läuft bis 2020. Wo besteht Reformbedarf für die Zukunft?

Erstens. Das gemeinsame europäische Dach ­Erasmus+ hat große Vorteile, weil es sichtbar ist; aber für jeden einzelnen Bildungsbereich muss künftig eine zielgruppenspezifische Ansprache gelingen. Die einzelnen Programmbereiche sollen größere Sichtbarkeit erhalten,

(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das haben wir schon vor vier Jahren gefordert!)

die ihrem jeweiligen Stellenwert entspricht.

Zweitens. Der Zugang zum Programm muss vereinfacht werden. Antrags-, Berichts- und Abrechnungsverfahren müssen in einem vernünftigen Verhältnis zu der zur Verfügung gestellten Fördersumme stehen.

Schließlich drittens. Dieses große europäische Mobilitätsprogramm verdient eine nachhaltige finanzielle Aufstockung durch die Europäische Union.

(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und der LINKEN sowie des Abg. Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Gerade den Auszubildenden wollen wir mehr Mobilität und Erfahrungen in anderen europäischen Betrieben ermöglichen, damit sie ihre kulturelle Einbettung kennenlernen können. Angesichts von Nationalismus und Abschottung setzen wir hier – ich denke, gemeinsam – auf mehr Mobilität von Jugendlichen, von Auszubildenden und Studenten in Europa; denn nichts prägt die europäische Identität und die Identifikation mit Europa mehr als persönliche Begegnungen sowie erlebtes und gelebtes Miteinander über Ländergrenzen hinweg.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Erasmus und Erasmus+ sind eine Erfolgsgeschichte. Wir wollen dieses Programm gemeinsam mit dem Parlament für die Zukunft ausbauen.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)