Rede


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Fußball als integrativen gesellschaftlichen Faktor entwickeln

Rede zu Fanrechten

14.) Beratung Antrag BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Alle Formen von Diskriminierungen thematisieren - Bürgerrechte von Fußballfans stärken - Für einen friedlichen und integrativen Fußballsport
- Drs 16/12115 -

Wir debattieren heute über einen Antrag der Grünen, der vom Thema doch etwas zusammenmengt, was irrefüh¬rend ist und teilweise Situationen beschreibt, die sich gut bewährt haben im Fußball. Der Thematik an sich, alle Formen von Diskriminierung abzulehnen, stehen wir auch positiv gegenüber. Bürgerrechte von Fußballfans stärken, das ist nicht nur ein Thema, sondern bedarf noch einer konkreten Analyse, und wir sind auch dafür, dass ein friedlicher und integrativer Fußballsport auf allen Ebenen des DFB stattfindet. Das Thema und der Inhalt beziehen sich also nicht nur auf die Ereignisse auf dem Rasen, sondern auch auf das Verhalten der Zuschauer bzw. den Umgang der Ordnungskräfte mit dem Zuschauer und Erscheinungen der Fanszenen.

Es ist richtig, dass sich die Fanszene entwickelt hat, das stellt unter anderem auch Professor Pilz, ein renom¬mierter Fanforscher der Universität Hannover, fest. Das heißt, wir unterscheiden zurzeit drei große Fansysteme: Da ist zum einen der Fußballfan, der ins Stadion geht, der guten Fußball sehen will, der natürlich seine Mannschaft anfeuert, der aber auch die gegnerischen Fangruppen mit Choreografien und Sprechchören ins Visier nimmt. Die zweite Gruppe sind die Hooligans, die ebenso ihre Plattform im Fußballstadion und auf den Fußballplätzen sehen, die aber vorrangig Ausschreitungen zwischen den Fangruppen und der Polizei und den Ordnungskräften provozieren wollen und auch das Spiel durch diverse Ak¬tivitäten wie Zünden von bengalischen Feuern, Rauch¬bomben oder andere provokativen Sachen stören wollen. Die dritte Gruppe, die sogenannten Ultras, haben sich zum Ziel gesetzt, im Vorfeld des Stadions, das heißt in der Stadt und im Stadion schon Hasspunkte, Gewaltpunkte, Krawallpunkte zu setzen. Und sie haben mit dem Fußball nichts mehr zu tun, stellen aber eine große Bedrohung dar, da sie sich beim Anmarsch und beim Rückmarsch der Fans zum und vom Stadion mit unter diese mischen und damit Ausschreitungen mit den Ordnungskräften und der Polizei provozieren. Und das ist auch diese gleitende Grenze, wo der Übergang vom Nicht-Stadionbereich in den Stadionbereich durch sie kritisiert wird, dass es da teilweise Leibesvisitationen gibt, dass es teilweise Detek¬toren gibt und andere Kontrollmaßnahmen und -mecha¬nismen, die ganz einfach nötig sind, um eine reibungslose und gewaltfreie Spieldurchführung zu gewährleisten. Wie wir wissen, gibt es aber vielfältige Möglichkeiten, so jetzt geschehen in Italien, wo solche Maßnahmen ausgehebelt werden, indem bereits im Vorfeld schon im Stadion Ge¬genstände platziert werden oder pyrotechnische Artikel, die dann im Stadion übernommen werden, um zum Ein¬satz zu gelangen. Hier muss man aber ganz klar sagen, es gibt Komplizen innerhalb der Ordnungskräfte, die diese Hooligans unterstützen, und gerade Italien ist ein sehr prägnantes negatives Beispiel.

In der Sportzeitschrift „Kicker“ vom 27. April 2009 sagte der ehemalige frühere Startrainer Arrigo Sacchi: „In den letzten Jahren hat sich die Situation in vielen Be¬reichen verschlechtert: Presse und Tifosi suchen meist Polemiken und Konfliktpotenzial, die Gewalt, auch poli¬tisch organisiert, zog in die Stadien ein. Viele Leute, de¬nen der Fußball egal war, wollten sich lediglich mit ihm profilieren.“

Wir wissen, dass natürlich auch die Stadionsituation in Italien nicht die beste ist, und können mit hervorragenden Arenen in Deutschland hier nachweisen, dass wir im Vor¬feld und auch in der Spieldurchführung gemeinsam mit dem DFB, mit der DFL, den Fanbeauftragten, mit den Fangruppen eine gute Arbeit leisten, dass solche Mög¬lichkeiten, wie sie in Italien gegeben sind, hier nicht pas¬sieren. Wir hatten das Glück, 2006 mit der Weltmeister¬schaft alle Stadien auf einen Top-Zustand zu bringen und damit auch dafür zu sorgen, dass die Qualität der Stadien einem Erlebnisbereich gleichzusetzen ist, man kommt also nicht nur mehr ins Stadion, um Fußball zu sehen, sondern verbindet das mit Freizeit, mit Erlebnis, mit Business, Gastronomie, mit Kontakting und natürlich auch der entsprechenden Fankultur.

Ein weiteres negatives Element, das in den letzten Jah¬ren in Ansätzen zu erkennen war, aber noch nicht offen ausgebrochen ist, ist der Punkt der Diskriminierung. Hier geht es nicht nur um ausländische Spieler, sondern auch um Randgruppen wie Lesben und Schwule. Hierzu muss ganz klar gesagt werden, es gibt schon Initiativen des DFB, der DFL, der Fangruppen, diesem Einhalt zu ge¬bieten. Nicht nur was die Fangruppen betrifft, sondern auch in der Gerichtsbarkeit sind in der letzten Zeit nicht nur Sportgerichtsurteile gesprochen worden, sondern wir erinnern uns an den Fall, der vor zwei Wochen entschie¬den wurde, dass ein ordentliches Gericht einen NPD-Funktionär wegen Verunglimpfung des Spielers Owomoyela zu einer Haftstrafe verurteilt hat. Es gibt also hier schon Handhabungen gegen solche Äußerungen und Hetze.

Wir dürfen nicht vergessen, dass in der Bundesliga zurzeit 51 Prozent aller Lizenzspieler Nichtdeutsche sind. Und das ist auch ein weiterer Ansatzpunkt, eine Initiative, die ich nicht nur im Auftrage der CDU/CSU im Europarat bereits vorgetragen, sondern auch der Kanzlerin nahe-gelegt habe, dieses mit den entsprechenden Verantwort¬lichen zu bereden, dass die 6-plus-5-Regelung greift. 6 plus 5 heißt, dass in jeder Startformation einer Fußball¬mannschaft mindestens 6 deutsche Spieler aufgeboten werden müssen, denn sonst haben wir eine Situation wie vor Jahren in Cottbus oder jetzt in Hoffenheim, dass nicht ein deutscher Spieler weder auf dem Platz stand noch auf der Ersatzbank Platz nehmen konnte. Ich denke, das ist auch ein wesentlicher Faktor von Integration im Fußball¬sport, aber auch Motivation für die Jugend, aus der Breite des Fußballs heraus den Weg in die Spitze zu fin¬den.

Die UEFA hat dazu auf ihrem ordentlichen Kongress im März dieses Jahres unter anderem die Arbeitsgrund¬lagen beschlossen. In diesen wird über den Breitenfußfall und Solidarität gesprochen, über finanzielles Fairplay und Regularität der Wettbewerbe, über das europäische Sportmodell und die Besonderheit des Sports und be¬sonders über den Respekt. Dazu wird gesagt, ich zitiere: „Respekt ist ein wichtiger Grundsatz im Fußball. Respekt gegenüber dem Spiel, der Integrität, der Verschiedenar¬tigkeit, der Würde, der Gesundheit der Spieler, den Spiel-regeln, dem Schiedsrichter, dem Gegner und den Fans. Unsere Botschaft ist klar. Null Toleranz gegenüber Ras¬sismus, Gewalt und Doping. Fußball eint Völker und überkommt Unterschiede. Für die UEFA ist nur die Farbe des Trikots wichtig und so wird es auch immer bleiben. Rassismus und Diskriminierung werden in keinerlei Weise toleriert, genauso wenig wie Gewalt auf dem Spiel¬feld oder in den Zuschauerrängen. Der Fußball muss mit gutem Beispiel vorangehen.“ Ich glaube, treffender kann man es nicht formulieren, wie die UEFA, der europäische Fußballverband, bereits damit seine Landesverbände ausrichtet und ihnen dabei Unterstützung gibt.

Meine Damen und Herren von den Grünen, Sie fordern Bürgerrechte von Fußballfans ein, sie sollen gestärkt werden, aber wenn ich ins Stadion gehe, bin ich zu Gast bei einem Verein, bei einer Fußballföderation, bei einem Verband, und dann muss ich mich auch benehmen und muss mich bestimmten Regularien unterwerfen. Es ist keine Diskriminierung der Fans, sondern im Interesse des Sportes gibt es Kontrollen, muss es Kontrollen geben zur Sicherheit der Fans, zur Sicherheit der Spieler, zur Si¬cherheit des Fußballs. Und ich glaube, da kann ich nicht von Stärkung von Bürgerrechten der Fußballfans reden. Ich glaube, dass der Sport an erster Stelle steht, hier spe¬ziell der Fußballsport, der politische Unterstützung in Sachen braucht, die er nicht selber regeln kann. Wir kön¬nen aber alles das, was Sie in Ihrem Antrag beschreiben, selber mit der Autonomie des Sportes in der Zusammen¬arbeit mit der Politik und der Administration selbst regu¬lieren.

Natürlich gibt es auch soziale Brennpunkte, die sich auch im Bereich des Sportes, im Bereich des Fußballs, ne¬gativ artikulieren. Wir hören immer wieder, dass es in Wohngegenden mit großem Migrationhintergrund, wie im Ruhrgebiet oder in Berlin, häufig auch im Nachwuchs-bereich zu schweren Auseinandersetzungen, zu Diskrimi¬nierungen, aber auch zu Spielabbrüchen kommt, weil ganz einfach die Regeln des Respekts, die Regeln des Fußballs und des normalen Zusammenlebens nicht ein¬gehalten werden. Aber wir können im Bereich des Nach¬wuchses der A- oder B-Junioren nicht die gleichen Ma߬stäbe wie bei einem Bundesligaspiel ansetzen. Hier ist die Gesellschaft gefragt, hier sind die Erzieher, die Trainer, die Übungsleiter, die Eltern gefragt, Einfluss zu nehmen auf ein sportliches faires Zusammenwirken. Integration heißt dann nicht, dass nur ausländische Mannschaften in einer Liga spielen, sondern dass die Liga gemischt ist und auch alle Nationalitäten Zugang zu dieser Mannschaft haben. Und ich denke, gerade hier in Berlin, in diesem Schmelztiegel der Nationen, gibt es viele positive Bei¬spiele, wie man das bewerkstelligen kann. So war ich im letzten Jahr Schirmherr der Mini-Europameisterschaft, das heißt, wir haben mit D-Jugend-Mannschaften das EM-Turnier nachgespielt. Dass heißt, wir haben ver¬sucht, dass die schwedische Mannschaft aus schwedi¬schen Kindern bestand, wir haben das über die Botschaft, über die Schule gemacht, türkische Mannschaft, italieni¬sche Mannschaft, natürlich die Deutschen. Und es war nicht nur eine Identifikation der Jugendlichen mit ihrer Nation, sondern es war auch eine sportliche Herausfor¬derung und Integration aller Nationen in einem solchen Turnier. Diese Turnierform wurde vom Berliner Senat ausgezeichnet, und ich glaube, das sind Ansätze, das sind Möglichkeiten, der Diskriminierung entgegenzutreten und den Fußball als integrativen gesellschaftlichen Fak¬tor zu entwickeln.

Ich glaube, ich habe Ihnen damit aufgezeigt, dass der Antrag von Ihnen nur mehr Bürokratie, aber keine Hilfe bringt, weil wir schon auf einem sehr guten Weg sind.