Rede


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Martin Patzelt: "Alle haben die gleiche Würde"

Rede zu Maßnahmen gegen Homo- und Transfeindlichkeit

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Gäste! Was soll man als letzter Redner zu der Debatte noch beitragen? Ich stelle mir am Ende dieser Debatte die Frage – ich halte es für wichtig, das zu sagen –: Haben diejenigen, die hier auf der Tribüne sitzen, jetzt den Eindruck, dass unsere Diskussion in dieser Aktuellen Stunde, in der ich die Argumente kaum habe verfolgen können, Homophobie, Abneigung und selektive Wahrnehmung in der Gesellschaft vermindert hat?

(Steffi Lemke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Bis auf eine Fraktion war das eine sehr gute Debatte!)

Ich denke, wir müssen lernen, einander anzuhören und Argumente auszutauschen. – Sehen Sie, das ist genau das, was ich meine. Ich kann meinen Satz gar nicht vollenden. Sie reden mir und anderen ständig dazwischen. Das ist doch unsere Kultur; deswegen machen wir doch die Aktuelle Stunde.

(Sven Lehmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Und wenn menschenfeindliche Äußerungen fallen?)

– Herr Lehmann, auch wenn ich mich aus bestimmten Gründen gegen die Ehe für alle entschieden habe, lasse ich mich noch lange nicht in die Nähe von faschistischen Einstellungen transportieren. Ich glaube, dass der Respekt voreinander und die Meinungen, die wir hier vertreten, hilfreich sind für das Anliegen, das uns – jedenfalls die meisten hier, würde ich sagen – verbindet.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Das heißt, wir wollen zu einer Gesellschaft reifen, in der das, was uns das Grundgesetz vorgibt, auch tatsächlich mit Leben erfüllt ist.

Bei dem, worüber wir hier diskutieren, gibt es ja eine Diskrepanz: Wir haben ein Grundgesetz, das Ansprüche stellt und aufweist, wohin wir wachsen, wohin wir uns entwickeln sollen; aber wir schaffen das noch nicht einmal selber. Das, was ich hier gehört habe – „Hetze“ und alles Mögliche –, zeigt, dass wir – ich sage es mal ganz positiv – lernbedürftig sind. Es ist schwer, eine Meinung auszuhalten, die ganz anders ist als die eigene.

Wir haben in der Debatte natürlich auch positiv erkannt, wo wir gesetzlichen Handlungsbedarf sehen. Aber auch da muss man genau überlegen, damit man nicht das Kind mit dem Bade ausschüttet. Wir müssen in den Ausschüssen sachlich darüber diskutieren, ob eine Gesetzesveränderung wirklich hilft. Ich persönlich bin der Meinung – ich bilde mir überhaupt nicht ein, dass damit das letzte Wort für mich gesprochen ist, auch nicht hinsichtlich der Ehe für alle; vielleicht lerne ich auch noch dazu –, dass man, wenn man das Grundgesetz ändert und die gleiche Würde der Menschen zerteilt und andere Gruppen dazunimmt, dann einen endlosen Katalog bekommt: zwischen Jung und Alt, zwischen Flüchtlingen und Einheimischen, Deutschen. Also, es geht um diesen Universalanspruch, nach dem alle Menschen gleich sind, egal ob sie gleichgeschlechtlich veranlagt sind oder heterosexuell sind. Alle haben die gleiche Würde. Eine Systematisierung würde am Ende einen endlosen Katalog hervorbringen. – Das ist im Moment meine Meinung. Ich weiß nicht, ob ich dabei bleibe. Ich möchte mit Ihnen darüber diskutieren, aber in einer Weise, dass ich die Argumente der anderen auch hören kann.

So, jetzt will ich mal davon abgehen. Ich glaube, wir haben alle erkannt, dass wir viel Handlungsbedarf haben, auch auf gesetzlicher Ebene. Da stehe ich vollkommen hinter Ihnen. Ich wünsche mir auch eine Gesellschaft, in der wir menschlich miteinander umgehen, in der unterschiedliche Menschen das Recht haben, ihr Leben zu leben, und nicht nur das, sondern auch mein Leben zu bereichern mit ihrer Eigenart; das kommt ja auch noch dazu.

Ich will den Blick vom Gesetzgeber auf uns alle als Privatpersonen lenken. Man muss sich doch Gedanken machen, wenn in Schulen und Ausbildungsstätten, also gerade bei jungen Menschen, diese Homophobie und das Maß an Aggressivität wieder ansteigen. Die Zahlen steigen. Ich sage Ihnen das als Berichterstatter für Erziehungskompetenz und als langjähriger Pädagoge: Kinder und Jugendliche imitieren unser Verhalten. Einstellungen und Haltungen werden nicht nur durch Wissenstransfer vermittelt, sondern sie werden insbesondere von Vorbildern übernommen, von handelnden Personen im Nahraum der Menschen, also von Lehrern, Eltern, Erziehern, sonstigen Verwandten. Die Frage richtet sich an uns alle: Wie leben wir denn mit dieser Herausforderung des Grundgesetzes? Sind wir mutig genug, einem Witz, einem Lächeln, einer Isolierung von Gleichgeschlechtlichen entgegenzutreten? Haben wir den Mut, eine klare Haltung zu zeigen?

(Steffi Lemke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Meine Fresse! Machen Sie es doch einfach! Probieren Sie es mal aus! Es geht!)

Sind wir eigentlich mit uns selber im Reinen? Ich möchte uns alle, mich eingeschlossen – damit ich hier keinen stigmatisiere –, ermuntern, nicht immer nur andere zu stigmatisieren, sondern in den Lebenszusammenhängen, in denen wir leben, den Kontakt, einen natürlichen und nicht einen besonderen Umgang mit gleichgeschlechtlich liebenden Menschen zu suchen, zu leben und unseren Kindern und Enkeln vorzuleben. Ich glaube, das hat eine viel größere Langzeitwirkung als Bildungsprogramme, in die wir alles hineinstecken; auch wissen wir noch nicht, ob die Kinder das in diesem Alter angemessen beurteilen können.

Es ist schade, dass wir so miteinander kämpfen, anstatt zu sagen: Wir suchen gemeinsamen einen Weg.

(Beifall bei der CDU/CSU und der AfD – Steffi Lemke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Manchmal reicht zuhören nicht aus!)