Rede


Hildegard Müller: Eine Abstufung der Menschenwürde und des Lebensschutzes in den verschiedenen Entwicklungsstadien des Menschen ist für mich inakzeptabel und für mich persönlich unvereinbar mit dem Grundgesetz (Quelle: )
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Gegen eine Aufhebung des Stichtages

Rede zur Stammzellenforschung

22.a) Zweite und dritte Beratung des von den Abg. U.Flach,R.Stöckl K.Reiche(Potsdam) und weiteren Abgeordneten
Gesetz für eine menschenfreundliche Medizin - Gesetz zur Änderung des Stammzellgesetz
- Drs 16/7982(neu), 16/8658 -
22.b) Zweite und dritte Beratung des von
den Abgeordneten H.Hüppe,M.-L.Dött,M.Eichhorn und weiteren Abgeordneten
Änderung des Gesetzes zur Sicherstellung des Embryonenschutzes im Zusammenhang mit menschlichen embryonalen Stammzellen (Stammzel
- Drs 16/7983, 16/8658 -
22.c) Zweite und dritte Beratung des von den Abgeordneten R.Röspel, I.Aigner, J.Tauss und weiteren Abgeordneten
Gesetzes zur Änderung des Stammzellgesetzes
- Drs 16/7981, 16/8658 -
22.d) Beratung BeschlEmpf u Ber (18.A) zum Antrag der Abgeordneten P. Hinz (Herborn), J.Klöckner, Dr.H.Däubler-Gmelin und weiterer Abgeordneter
Keine Änderung des Stichtages im Stammzellgesetz - Adulte Stammzellforschung fördern
- Drs 16/7985(neu), 16/8658 -
22.e) Zweite und dritte Beratung des von den Abgeordneten P.Hinz (Herborn), J.Klöckner, Dr.H.Däubler-Gmelin und weiteren Abgeordneten
Stammzellgesetz/Änd
- Drs 16/7984, 16/8658 -

Herr Präsident!
Sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen!
 
Sie alle kennen vom Lebensmitteleinkauf die Frage: Darf es ein bisschen mehr sein? Ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger - im Alltag werden diese Mengenbezeichnungen oft verwendet. Sie schaden in der Regel auch nicht. Bisweilen kommt man sogar ganz gut damit durch, sich nicht nur auf eine Sache zu konzentrieren, sondern mal hier und mal da zu sein und sich mal mehr und mal weniger einzubringen.
 
Alles andere als Alltag sind jedoch die Abstimmungen, die uns nun unmittelbar bevorstehen. Es sind Abstimmungen, bei denen es um unsere persönlichen ethischen Grundsätze geht. Für uns alle stehen Entscheidungen an, bei denen es „ein bisschen“ oder „etwas“ nicht gibt.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU sowie des Abg. Hans-Michael Goldmann (FDP))
 
Die beiden großen christlichen Kirchen haben diese langsam zu Ende gehende Woche zur alljährlichen Woche für das Leben ausgerufen. Für unsere heutige Debatte hätte dies kaum passender sein können. Was heißt „für das Leben“? Das möchte ich vertiefen.
 
Leben - da bin ich ganz anderer Meinung als manch anderer heute hier - entsteht nicht nur ein bisschen.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU sowie des Abg. Hans-Michael Goldmann (FDP) und der Abg. Monika Knoche (DIE LINKE))
 
Leben in der Form einer befruchteten Eizelle ist vollständig da;
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU sowie der Abg. Monika Knoche (DIE LINKE))
 
es ist kein Zellklumpen; es ist Leben von Anfang an, ganz und vor allem unwiderruflich.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Monika Knoche (DIE LINKE))
 
Eine Abstufung der Menschenwürde und des Lebensschutzes in den verschiedenen Entwicklungsstadien des Menschen ist für mich inakzeptabel und für mich persönlich unvereinbar mit dem Grundgesetz. Deshalb stimme ich gegen eine Aufhebung des Stichtages.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
 
Geben wir uns nicht einer Illusion hin, wenn wir glauben würden, der wissenschaftliche Prozess ließe sich noch begrenzen, lieber Peter Hintze, wenn wir ihm nicht von Anfang an feste Grenzen setzen? Wir müssen uns auch politisch entscheiden, hier in diesem Haus bei allem, was wir an Forschung wollen, Grenzen zu setzen.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der FDP, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
 
Auch eine einmalige Verschiebung ist abzulehnen. Ich möchte den Spruch anbringen, der so gern verwendet wird: Einmal ist keinmal. Ich entgegne entschieden: Einmal ist jedes Mal. Den Stichtag zu verschieben, heißt ihn abzuschaffen.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
 
Vor uns steht eine Gewissensentscheidung. Ich wende mich insbesondere an die Kolleginnen und Kollegen, die noch Zweifel haben, denn trotz aller Diskussionen und Informationen ist dies auch heute nicht auszuschließen und menschlich nur zu verständlich. Deshalb möchte ich an dieser Stelle auf einen Punkt eingehen, der auch heute eine große Rolle gespielt hat. Das ist die Frage der Ethik des Heilens. Ich habe gerade deutlich gemacht, was ich unter Leben verstehe. Für mich steht die Ethik des Lebens vor der Ethik des Heilens. Die Ethik des Heilens dient der Ethik des Lebens.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
 
Sie kann nur positiv korrelieren. Das heißt nicht, dass wir uns gegen die Forschung stellen. Wir sind für die Forschung an Stammzellen. Diese positive Symbiose kann in diesem Bereich jedoch nur die adulte Stammzellforschung geben.
 
(Beifall der Abg. Julia Klöckner (CDU/CSU))
 
Es wurden heute viele Beispiele genannt. Ich möchte ganz praktisch an die Forschungsergebnisse von Herrn Prof. Strauer aus meiner Heimatstadt Düsseldorf erinnern: Adulte Stammzellforschung ist unbedenklich, die Stammzellen sind gut zu gewinnen, und die adulte Stammzellforschung trägt die Hoffnung auf Heilung in sich. Wir haben bereits heute praktische Anwendungsgebiete.
 
Liebe Kolleginnen und Kollegen, es gibt heute keinen Antrag, der einen Kompromiss zwischen den Positionen darstellt.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU sowie des Abg. Hans-Michael Goldmann (FDP))
 
Wer für die Aufhebung oder für eine einmalige Verschiebung des Stichtages stimmt, nimmt heute eine Abwägung zulasten des Lebens vor.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
 
Argumente, die einer einmaligen Verschiebung gelten, würden Sie selbst in Zukunft wieder infrage stellen. Wenn das Argument, dass man frische Zelllinien braucht, jetzt gilt, dann gilt es in einigen Jahren wieder.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
 
Gilt dieses Argument aber überhaupt? Warum sind seit Januar 2008 fünf Anträge auf den Import embryonaler Stammzellen genehmigt worden? Wissenschaftler glauben also offensichtlich nach wie vor an die Möglichkeit, mit und an alten Zelllinien zu forschen.
 
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wer zweifelt, den bitte ich, sich gegen eine Verschiebung auszusprechen, denn eine Entscheidung gegen den Schutz des Lebens ist unumkehrbar. Deshalb bitte ich alle, die zweifeln, für eine Beibehaltung des jetzigen Stichtages zu stimmen und sich für eine stärkere Förderung der adulten Stammzellforschung auszusprechen.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
 
Ich möchte Sie alle herzlich bitten und auffordern, das Gleiche zu tun, damit der 11. April 2008 ein Tag für den uneingeschränkten Lebensschutz wird und damit diese Woche eine wirkliche Woche für das Leben wird.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Monika Knoche (DIE LINKE))