Rede


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Kai Whittaker: "Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck"

Rede zu Arbeit 4.0 – Arbeitswelt von morgen gestalten

Frau Präsidentin! Werte Kollegen! Ich nehme diese Debatte nicht als Gestaltungsdebatte wahr, sondern eher als Angstdebatte.

(Beate Müller-Gemmeke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann müssen Sie mal richtig zuhören!)

Führen wir uns einmal die Schlagwörter vor Augen, die in dieser Debatte und in vielen anderen Diskussionen benutzt werden: Da geht es um „Ausbeutung“, um „Entgrenzung“, um „Verdichtung von Arbeit“ und um „ständige Erreichbarkeit“. Arbeit 4.0 heißt für die linke Seite des Hauses: vier Ängste und null Lösungen. Das ist ein Lehrstück, wie man den Leuten erst Angst einjagt und sich dann zum Heilsbringer aufschwingt, um sie zu beschützen.

Dass die Menschen von links nichts zu erwarten haben, konnte man meiner Meinung nach, liebe Frau Mast, am vergangenen Sonntag erleben.

(Lachen der Abg. Katja Mast [SPD])

Das deutsche Silicon Valley liegt definitiv nicht bei Würselen.

(Beifall bei der CDU/CSU – Zurufe von der SPD: Oh! – Katja Mast [SPD]: Aber auch nicht in Baden-Baden!)

Wer das nicht glaubt, dem empfehle ich – das gilt auch für die Zuschauerinnen und Zuschauer an den Fernsehgeräten –, einfach einmal online zu gehen und sich die Rede Ihres sogenannten Spitzenkandidaten herauszusuchen, den Text herunterzuladen und nach dem Wort „Digitalisierung“ zu fahnden. Wissen Sie, wie oft er es benutzt hat? Ein einziges Mal kommt das Wort vor, und er benutzt es noch nicht einmal im Zusammenhang mit Arbeit 4.0, sondern im Zusammenhang mit dem Breitbandausbau. – Liebe Kollegen von der SPD, herzlich willkommen in der Bundesregierung! Das machen wir seit vier Jahren. Unser Minister Dobrindt hat gerade diese Woche wieder entsprechende Förderbescheide übergeben.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Kerstin Andreae [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ein ganz schlechtes Beispiel! – Zurufe von der SPD)

Das Schöne an der Digitalisierung ist ja, dass sie Transparenz ermöglicht: Man sieht große Zusammenhänge und sieht, worüber geredet worden ist. Da gibt es die Möglichkeit, sogenannte Wortwolken zu erstellen, und dann sieht man, wo der Schwerpunkt einer Rede lag. Das habe ich natürlich mit der Rede vom vergangenen Sonntag gemacht. Sie kann man auf meiner Facebook-Page sehen; aber ich habe sie auch einmal mitgebracht. Wenn man sich die Worte einmal zusammensucht und daraus einen Satz bildet, dann kommt aus den wichtigsten Wörtern der letzten Rede folgender Satz heraus: Liebe Genossinnen und Genossen, Deutschland hat Menschen. – Ein beeindruckendes Programm für die Zukunft unseres Landes!

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Vizepräsidentin Dr. h. c. Edelgard Bulmahn:

Herr Whittaker, lassen Sie eine Zwischenfrage des Kollegen Ernst zu?

Kai Whittaker (CDU/CSU):

Nein. Ich würde jetzt gerne mit der Rede fortfahren.

Meines Erachtens sollten wir hinsichtlich der Digitalisierung drei Dinge feststellen. Erstens. Die Digitalisierung hat doch schon längst angefangen.

(Dr. Martin Rosemann [SPD]: Wir sind nicht auf dem CDU-Parteitag!)

Die Menschen nehmen das doch nicht als eine Revolution wahr, die kommt, sondern als etwas, in dem wir schon mittendrin sind: Wir buchen unsere Urlaube online, wir bekommen Tickets für die Deutsche Bahn online, wir haben Maschinen, die sich miteinander vernetzen. Wir arbeiten mit dem Laptop von überall aus. Die Firmen haben mehr Wissen über die Kunden und können sich deshalb besser auf sie einstellen. In Zukunft werden Drohnen die Arzneimittel zu den älteren Menschen bringen, und sie müssen nicht mehr den langen Weg zur Apotheke gehen.

Aber es bedeutet auch, dass jetzt schon über die Hälfte der Deutschen online arbeitet. So hat es zumindest das Institut der Deutschen Wirtschaft herausgefunden. Es ist auch keine böse Revolution, die da aus Amerika über uns hereinschwappt. Die Menschen haben doch keine Angst davor, weil sie ja tagtäglich mit diesen Themen umgehen. Die Menschen fühlen sich nicht unter Druck gesetzt, sondern sie sind wesentlich produktiver. Das hat übrigens das Bundesarbeitsministerium für das Weißbuch herausgefunden.

Die Digitalisierung führt eben auch nicht zu einer Massenverelendung durch Crowd- und Click-Working. Das betrifft die absolute Minderheit. Lediglich 4,2 Prozent in der IT-Wirtschaft arbeitet danach. Die weit überwiegende Mehrheit der Deutschen sieht, dass die Vorteile die Nachteile überwiegen. Selbst bei den Geringqualifizierten, die ja am ehesten skeptisch gegenüber der Digitalisierung eingestellt sein müssten, sagt über die Hälfte, dass sie sich von der Digitalisierung Positives versprechen und durch sie in ihrer körperlichen Arbeit entlastet werden. – Auch das stammt nicht von mir, sondern wurde vom BMAS festgestellt.

Die Menschen in Deutschland sind viel weiter als manch einer hier in diesem Saal. Wir müssen anfangen, diese Debatte als Chance zu begreifen; aber wir werden – das bringt mich zum zweiten Punkt – diese Chance nicht mit den alten Mustern nutzen können.

Herr Ernst, ich finde schon, es ist ein falsches Bild, wenn man glaubt, dass es auf der einen Seite den bösen Arbeitgeber gibt, der seine Mitarbeiter wie im 19. Jahrhundert ausbeuten möchte, während auf die andere Seite eventuell der faule Arbeitnehmer gesetzt wird, der Neues blockieren will. Beide Bilder sind Zerrbilder.

(Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]: Das hat auch keiner gesagt!)

Es wird in Zukunft nur gemeinsam gehen. Wenn sich diese Menschen eben nicht gemeinsam als Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammentun, dann werden wir noch mehr solche Negativbeispiele wie vor fünf Jahren haben, als Kodak einfach vom Markt gefegt wurde, obwohl es die Digitalkamera erfunden hat. Kodak hat es nicht geschafft, auf die neuen Zeichen der Zeit zu setzen.

Wir sollten ebenso nicht den Fehler machen, zu bewerten, was gut oder schlecht ist, sondern wir sollten versuchen, die Dinge zu ermöglichen. Wer sagt denn, dass die Menschen in Zukunft alle sozialversicherungspflichtig arbeiten wollen? Die Mitarbeiter werden in Zukunft nicht nur für einen Arbeitgeber, sondern für mehrere tätig sein, als Dienstleister beim Kunden, in mehreren Betrieben, auf längere Zeit, in gemischten Teams, über viele Länder hinweg.

Wir haben in dieser Legislaturperiode die Zeitarbeits- und Werkverträge reformiert, vor allem mit Blick auf diejenigen Branchen, die damit Schindluder getrieben haben, gar keine Frage. Aber ich bin mir nicht sicher, ob wir uns damit nicht vielleicht auch die eine oder andere Chance für die Zukunft verbaut haben, dieser Entwicklung gerecht zu werden.

Der dritte Punkt, den ich anführen möchte, ist, dass die Digitalisierung kein Selbstzweck ist. Vielmehr müssen wir den Menschen erklären, warum wir die Digitalisierung brauchen. Die Antwort lautet eben nicht, dass es darum geht, dass Deutschland in 20 Jahren wirtschaftlich weiterhin so stark ist. Das ist allenfalls das Ergebnis einer guten Politik, die wir heute machen. Die Menschen wollen doch mit ihrer Arbeit etwas bewirken, ihre Umwelt verändern. Das sehen wir beim automatisierten Fahren. Was bedeutet das? Es bedeutet in Zukunft weniger Staus, effizienteres Fahren, weniger Unfälle, also eine bessere Lebensqualität. Wenn die Maschinen sich vernetzen und sich melden, bevor sie kaputtgehen, dann erspart uns das in Zukunft nervenaufreibende Wartezeit, oder wenn wir mit dem 3‑D-Drucker von zu Hause aus Gegenstände ausdrucken können, dann bedeutet das weniger Warten, weniger Transportkosten, weniger Ressourcenverbrauch. Sprich: Vieles wird für die Menschen erschwinglicher und besser.

Wir können diese Dinge nur ermöglichen, wenn wir uns auf zwei Punkte konzentrieren.

Der erste Punkt ist: Wir müssen den Menschen mehr zutrauen, was ihre Arbeitszeiten und Arbeitsformen angeht. Ich sehe das in meinem eigenen Freundeskreis; Kollege Lagosky hat es schon angesprochen. Es ist nun einmal der Fall, dass man morgens die Kinder in den Kindergarten bringt und vormittags in der Firma arbeitet. Nachmittags kommt man nach Hause und verbringt Zeit mit der Familie. Nachts wird dann die zweite Arbeitsschicht von zu Hause aus eingelegt. Dadurch kommen die Menschen, auch heute schon, mit unseren Arbeitszeitgesetzen in Bedrängnis. Deshalb: Wenn die Leute so erwachsen sind, eine Entscheidung zu treffen, wo und wie sie arbeiten wollen, dann sollten wir es ihnen auch ermöglichen und nicht verbieten.

(Beifall bei der CDU/CSU)

Der zweite Punkt ist: Wir müssen den Menschen helfen, diesen Wandel mitzugestalten. Dabei geht es um ihre Qualifikation. Ja, einige Tätigkeiten werden verschwinden; das ist die bittere Wahrheit. Aber dafür entstehen genauso viele, wenn nicht sogar noch mehr neue Jobs: 3‑D-Druckspezialisten, Webentwickler, Mobile Developer, Scrum Master, das alles sind Jobs, die es vor zehn Jahren noch gar nicht gab. Was braucht man dafür? Wir brauchen digitale Kompetenzen in der Schule. Estland zum Beispiel ist uns da voraus. Dort gibt es bereits das Fach Programmieren. Wir brauchen das digitale Know-how auch in unseren Ausbildungsberufen, weil die duale Ausbildung nun einmal die Stütze unserer mittelständischen Wirtschaft in Deutschland ist. Wir müssen auch unsere Einstellung ändern. Man hat eben nicht mehr mit 18 oder Mitte 20 ausgelernt, sondern es geht immer weiter. Wir müssen Anreize setzen, um die Menschen in Weiterbildung zu bringen. Frau Mast, ich finde, Ihr ALG Q ist großer Quatsch; denn Sie versuchen, die Leute erst dann zu qualifizieren, wenn sie schon arbeitslos sind,

(Dr. Martin Rosemann [SPD]: Stimmt doch gar nicht!)

wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.

Wir müssen vorher ansetzen, wir müssen die Menschen qualifizieren, bevor es so weit kommt.

(Beifall bei der CDU/CSU – Katja Mast [SPD]: Wie billig!)

Deshalb sollten wir eher darüber nachdenken, welche steuerlichen Anreize wir geben können, damit die Menschen die Zeit und das Geld haben, sich weiterzubilden.

Arbeit 4.0 bedeutet für uns: Vier weitere Jahre mit der Union ergibt null Probleme bei der Digitalisierung. Das ist unsere Agenda 2020 für Deutschland.

(Beifall bei der CDU/CSU – Zurufe von der SPD)