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Antje Lezius: "Auf Arbeitgeber und Arbeitnehmer warten neue Anforderungen"

Rede zu Arbeit 4.0 – Arbeitswelt von morgen gestalten

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir als Union haben uns auf Parteiebene und innerhalb der Fraktion eingehend und schon lange mit dem wichtigen Zukunftsthema „Arbeit 4.0“ befasst. Wir haben hierzu zahlreiche Fachgespräche mit allen beteiligten Akteuren geführt. Dabei hat uns die Frage geleitet, wie Arbeit in Zukunft definiert wird. Das bedeutet auch, die Frage nach dem Sinn der Arbeit zu stellen: Werden wir arbeiten, um zu leben, oder leben wir, um zu arbeiten?

In den Veränderungen durch die Digitalisierung sehe ich in erster Linie eine Chance, Herr Ernst, und zwar nicht nur für Arbeitgeber, sondern gerade auch für Arbeitnehmer; eine Chance, die wir alle gemeinsam wahrnehmen und zum Wohle aller gestalten werden.

Der digitale Wandel ist dazu da, den Menschen zu dienen, ihnen die Arbeit und das Leben zu erleichtern. Wenn er uns zum Beispiel körperliche Arbeit abnimmt, können wir die freiwerdende Zeit anders organisieren, zum Beispiel in der Pflege, in der intelligente Assistenzsysteme vielen nützen und Freiräume für ein menschlicheres Miteinander schaffen können. Homeoffice-Lösungen oder flexiblere Arbeitszeitmodelle könnten mehr Möglichkeiten für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf schaffen, und in vielen Unternehmen gibt es hierzu bereits Betriebsvereinbarungen, von denen alle profitieren und die gern genutzt werden.

Durch die Digitalisierung verändert sich aber nicht nur das Arbeitsleben, sondern auch unser gesamtes Alltagsleben: die Art, wie wir miteinander kommunizieren und in der modernen Welt unseren Alltag organisieren. Menschen werden heute schon in Echtzeit über Kontinente hinweg – ob über E-Mail oder Skype – verbunden. Das, was vor ein paar Jahren noch undenkbar schien, ist heute gelebte Alltagsrealität.

Allerdings ist diese Entwicklung nicht für alle einfach; das haben wir schon gehört. Gerade in Gesprächen mit älteren Menschen erfahre ich oft Skepsis darüber, ob alle technischen Neuerungen, die die moderne Welt bereithält, auch wirklich gebraucht werden. Bei Smartphones gibt es zum Beispiel Dutzende von Funktionen, von denen nur wenige genutzt werden. Mit digitaler Technik sind viele Menschen überfordert. Viele wollen sich auch nicht darauf einlassen. Gleichzeitig sind aber mehr ältere Menschen berufstätig als noch vor einigen Jahren, auch jenseits der Rente. Laut Statistischem Bundesamt war im Jahr 2015 jeder siebte 65- bis 70-Jährige erwerbstätig. Diese Zahl hat sich binnen eines Jahrzehnts mehr als verdoppelt auf 225 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte über 65 Jahren und fast 1 Million Minijobber.

Das Deutsche Zentrum für Altersfragen stellt dabei erfreulicherweise fest, dass es den meisten arbeitenden Rentnern nicht nur um eine Aufbesserung ihrer Rente geht: Sie wollen weiterarbeiten. Dabei ist es ihnen wichtig, etwas Sinnvolles zu tun und ihre Erfahrungen weiterzugeben.

Gleichzeitig ist die digitale Arbeitswelt besonders für Ältere eine große Herausforderung. Es wird viele Umbrüche in gewohnten Berufsbildern geben. Auf Arbeitgeber und Arbeitnehmer warten neue Anforderungen, nicht nur in der Digitalisierung. Hier wird die berufliche Weiterbildung zunehmend wichtiger. Betriebe sind darauf angewiesen, dass ihre Angestellten sich auf das notwendige lebenslange Lernen auch einlassen. Dabei haben nicht nur die Arbeitnehmer einen Wettbewerbsvorteil, die sich weiterbilden, sondern auch für Arbeitgeber sind gute Weiterbildungsangebote ein Alleinstellungsmerkmal, um Fachkräfte zu gewinnen und an den Betrieb zu binden.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Weiterbildung braucht aber von beiden Seiten Zeit, Geld und Initiative. Hier wirken Anreize unserer Ansicht nach besser als gesetzliche Vorgaben. Weiterbildung und Qualifizierung könnten so bei Modellen der Bildungsteilzeit stärker steuerlich entlastet werden. Auch der Einsatz von Lebensarbeitszeitkonten könnte für kleine Betriebe attraktiver gemacht werden. Dabei haben wir als Union auch jene Betriebe im Blick, die nicht tarifgebunden sind.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Staatliche Weiterbildungsoffensiven werden aber insbesondere von mittelständischen Betrieben oft kritisch wahrgenommen. In zahlreichen Gesprächen habe ich erfahren, dass auch Mitnahmeeffekte durch nicht relevante Weiterbildungsmaßnahmen erwartet werden. Andererseits fürchten besonders kleinere Unternehmen auch, dass die Mitarbeiter während der Fortbildungsmaßnahmen an ihrem Arbeitsplatz fehlen. Eine Möglichkeit, die gerade die Digitalisierung bietet, wäre hier Training on the Job. Arbeitgeber könnten mit den passgenauesten Mitteln der beruflichen Weiterbildung experimentieren. Durch E-Learning könnten sie Zeit und Geld sparen.

Uns ist wichtig, dass gerade KMUs Weiterbildungsmöglichkeiten und Qualifizierungsmaßnahmen für ihre Angestellten besser nutzen, und zwar unbürokratisch und übersichtlich. Hier setzen wir auf bessere Vernetzung der an der Weiterbildungsberatung beteiligten Institutionen. Ein Recht auf Homeoffice, wie Sie es in Ihrem Antrag fordern, halte ich weder für rechtlich möglich noch für praktikabel.

(Kerstin Andreae [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Warum?)

Zur Qualifizierung gehört zunächst auch die Ausbildung. Die Berufswahlvorbereitung sollte bereits in den allgemeinen Schulen beginnen. Dazu könnten Betriebspraktika und Projektwochen im Austausch mit der Wirtschaft häufiger angeboten werden. Berufswünsche könnten so besser an die Begabungen des einzelnen Schülers angepasst werden.

Die Arbeitsagenturen nehmen ihren gesetzlichen Auftrag dabei in vorbildlicher Weise wahr. In meinem Wahlkreis Bad Kreuznach verfolgt die dortige Arbeitsagentur das Ziel, auf eine möglichst hohe Ausbildungsquote hinzuwirken. Durch Berufsberatung und Netzwerke zu den Schulen, den Kammern und den Betrieben wird viel getan, um jungen Menschen bei der Orientierung zu helfen und sie zu vermitteln und um das duale System der Berufsbildung zu stärken, zum Beispiel durch Ausbildungsbörsen.

Im Hinblick auf die berufliche Orientierung halte ich die Einführung eines Schulfachs Wirtschaft für einen großen Schritt in die richtige Richtung. Schüler würden lebensnah und praxisnah wichtige Kompetenzen für das spätere Berufsleben lernen.

Darüber hinaus müssen auch Ausbilder immer weiter fortgebildet werden, damit ihr Wissen auf dem neuesten Stand ist. Ich habe selbst eine Ausbildereignungsprüfung abgelegt, und ich habe auch ausgebildet. Ich weiß, dass Wissen veralten kann. Aber gerade in der Ausbildung brauchen wir kontinuierliche Fortbildung und erweiterte Möglichkeiten zur Weiterbildung, damit junge Menschen eine zeitgemäße Ausbildung bekommen.

Liebe Kollegen und Kolleginnen der Grünen, es ist nicht alles in Ihrem Antrag übertrieben. Wenn Sie eine Überprüfung der Ausbildungsordnung und bessere Beratung der Betriebe fordern, bin ich ganz bei Ihnen.

(Kerstin Andreae [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist aber schön!)

Um die Chancen der Arbeitswelt von morgen zu nutzen, haben wir gesamtgesellschaftlich viel Spielraum, wenn wir den digitalen Veränderungsprozess aktiv mitgestalten. Wir wollen Befürchtungen der Menschen abbauen und sie sowohl schützen als auch unterstützen.

Wir als CDU/CSU setzen uns für die Stärkung der Allianz für Aus- und Weiterbildung und die bessere Vernetzung aller beteiligten Akteure in der Weiterbildung ein. Hierfür brauchen wir aufgeschlossene Unternehmen, die Weiterbildung aktiv mit unterstützen.

Das lebenslange Lernen sollte aber für jeden selbstverständlich werden. Wir als Union wollen den Prozess der Digitalisierung in unsere soziale Marktwirtschaft einbetten. Uns ist es wichtig, den Wirtschaftsstandort Deutschland so stark zu halten, wie er ist. Deswegen werden wir als Politik mit Maß und Mitte vorgehen und die Rahmenbedingungen so gestalten, dass die Digitalisierung in der Arbeitswelt der Zukunft ein Erfolg wird.

Vielen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)

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