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"Christen fürchten um Sicherheit"

Volker Kauder mahnt internationale Hilfe für den Nordirak an

Volker Kauder fordert im Interview mit der "Schwäbischen Zeitung" weitere Anstrengungen für die Menschen im nordirakischen Kurdengebiet. Die Terrormiliz IS sei zwar militärisch besiegt, aus dem Untergrund heraus aber weiter aktiv. Daher bräuchten die Menschen weiter Hilfe. Bleibe diese Hilfe aus, würden sich erneut viele Flüchtlinge auf den Weg nach Europa machen, so Kauder.

Nach dem Sieg über die Terrormiliz ist die akute Bedrohung für die Menschen im Irak und Syrien sicher zurückgegangen. Das Leid ist damit aber nicht zu Ende. Man muss erwarten, dass versprengte IS-Kämpfer weiter Anschläge verüben. Und die Region liegt nach dem Ende der Kämpfe in Trümmern, so etwa auch die ehemalige Millionenstadt Mossul, aber auch die Ninive-Ebene, die Heimat vieler Christen. Nach den Schilderungen, die ich erhalte, sind die Christen, die in die autonome Kurdenregion im Nordirak geflüchtet sind, erleichtert über die Befreiung der Heimat von der Terrorherrschaft. Sie wissen dennoch nicht, wie es weitergeht. Einige haben die Orte, aus denen sie geflohen sind, besucht und standen fassungslos vor ihren zerstörten Häusern, Kirchen, Friedhöfen. Die Herrschaft des IS hat zudem das Vertrauen zu den arabischen Nachbarn zerstört, von denen einige von dieser Herrschaft profitiert haben. Viele fragen sich, ob überhaupt wieder ein friedliches Zusammenleben möglich wird.

Wie hat sich die Lage der Christen in den vergangenen Monaten entwickelt?

In den letzten Monaten hat sich die Situation kaum verändert. Vielerorts haben sich die geflüchteten Menschen in den Notunterkünften eingerichtet. Auf Initiative der Kirchen sind sie leidlich versorgt. Aber alles ist weiter in der Schwebe. Die gesamte Situation hat sich durch die Auseinandersetzungen zwischen der irakischen Zentralregierung und der kurdischen Autonomieregierung in Erbil verschärft.

Welche Perspektiven sehen Sie für den Fortbestand christlichen Lebens in der Ninive-Ebene?

Die Christen vor Ort wollen in ihre Heimat zurückkehren. Sie fürchten aber dort um ihre Sicherheit. Auch politisch ist die Lage unübersichtlich, weil fraglich ist, ob die Rechte von Minderheiten in den Verhandlungen über eine dauerhafte Befriedung und Neuordnung der Region gewahrt werden. Ich bin davon überzeugt, dass sich hier die internationale Gemeinschaft einschalten muss: Es geht um Finanzhilfen, um den Wiederaufbau zu fördern, aber auch um eine Begleitung der Verhandlungen zwischen irakischer Zentralregierung und der kurdischen Autonomieregierung.

Am wichtigsten ist eine Verständigung zwischen der irakischen Zentralregierung und der kurdischen Autonomiebehörde. Ohne die ist für die Menschen nicht absehbar, wie sich die Zukunft der Region entwickelt.

Was kann Deutschland tun, um Christinnen und Christen, Jesidinnen und Jesiden, eine Perspektive für ihr Leben in ihrer Heimat, dem Nordirak, zu geben?

Deutschland leistet schon heute in bemerkenswertem Umfang humanitäre Hilfe für die Notleidenden im Nordirak – in der Form von Privat-initiativen, durch Hilfswerke aber auch durch Mittel der Bundesregierung, die entweder direkt oder über die Vereinten Nationen ausgegeben werden. Durch die Winterhilfe, die Hilfe für Traumatisierte, die medizinische Nothilfe, die Unterstützung bei der Einrichtung von Schulen, aber auch mit vielen Projekten, die Hilfe zur Selbsthilfe leisten, hat unser Land dazu beigetragen, dass die Geflüchteten ihr Leben und ihre Hoffnung nicht verloren haben. Klar ist, dass unsere Anstrengungen hier nicht nachlassen können. Ansonsten würden sich die Menschen auf den Weg über die Landesgrenzen und letztlich auch nach Europa machen.

Nach dem Referendum über die Unabhängigkeit in Kurdistan hat sich die politische Lage zugespitzt. Was fordern Sie von den Beteiligten im Irak, damit der Staat nicht zerfällt?

Ich rufe alle Beteiligten dazu auf, ihre Differenzen auf friedliche Weise zu lösen. Bewaffnete Auseinandersetzungen sind keine Lösung.

Wie sehen Sie die weitere Entwicklung der kurdischen Autonomie?

Es spricht sehr viel dafür, die Einheit des Irak zu erhalten. Die Region ist ohnehin instabil genug. Der Autonomiestatus der Kurden muss dabei strikt gewahrt bleiben. Die Kurden waren diejenigen, die Christen und Jesiden, aber auch viele Muslime einst lange als Einzige vor dem IS-Terror geschützt haben. Das dürfen wir nicht vergessen.