Rede


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Die Freien Berufe lassen unser Gemeinwesen funktionieren

Rede zur Lage der freien Berufe

47.a) Beratung der Unterrichtung der Bundesregierung

Bericht der Bundesregierung über die Lage der Freien Berufe

- Drs 17/13074 -

 

b) Beratung Antrag CDU/CSU, FDP

Freie Berufe - Wachstumstreiber in der Sozialen Marktwirtschaft

- Drs 17/13714 -

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Der irische Schriftsteller George Bernhard Shaw hat einmal festgestellt: Freiheit heißt Verantwortung. Deshalb wird sie von den meisten Menschen gefürchtet. – Dieser Satz mag für viele stimmen, aber nicht für Selbstständige, nicht für Freiberufler. Sie nutzen die Freiheit, übernehmen Verantwortung. Dazu zählen Ärzte und Rechtsanwälte, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, Architekten und Ingenieure, Künstler und Kreative. Sie tragen Verantwortung für sich und unsere Gesellschaft. Ärzte stellen die gesundheitliche Versorgung sicher. Ingenieure sind die geistigen Eltern unserer Technik und unserer Autos. Wirtschaftsprüfer sorgen für Transparenz und damit für das Funktionieren der Gesamtwirtschaft. Architekten gestalten unsere Städte und Gemeinden, unsere Infrastruktur und unsere Landschaften. Anwälte sichern den Rechtsfrieden. Kulturschaffende und Kreative sorgen für ein buntes und vielfältiges gesellschaftliches Leben.

Das zeigt: Die Freien Berufe lassen unser Gemeinwesen funktionieren. Ihre hochwertigen Leistungen sind immens wichtig. Nicht zuletzt deshalb ist auch ihr Ansehen in der Bevölkerung hoch; die Allensbacher Berufs-prestige-Skala bestätigt das jedes Mal aufs Neue. Seit -ihrem ersten Erscheinen 1966 ist der Arztberuf unangefochten Spitzenreiter der am meisten geachteten Berufe; bei der letzten Umfrage 2011 sahen das 82 Prozent der Deutschen so. – Übrigens: Jede dritte Arztpraxis ist mittlerweile in der Hand einer Frau, und es werden immer mehr. – Der Ingenieur folgte mit 33 Prozent an der fünften, der Rechtsanwalt mit 29 Prozent an der siebten Stelle. Was uns, meine Damen und Herren, zu denken geben sollte: Auf dem drittletzten Platz der Liste finden wir uns als Politiker wieder, geachtet von nur 6 Prozent der Bevölkerung. Weniger Achtung erhalten lediglich Banker und Fernsehmoderatoren, was jedoch von Letzteren in den Talkrunden weniger erkannt wird.

Die Freien Berufe sind nicht nur eine tragende Säule unserer Gesellschaft, sondern auch Wirtschafts- und Wachstumsmotor. Die Zahlen wurden hier schon sehr häufig genannt; ich brauche sie nicht zu wiederholen. Aber wie andere Bereiche auch wird die Zukunft der Freien Berufe vom demografischen Wandel und von seinen Auswirkungen geprägt. Einerseits eröffnen sich Chancen, neue Angebote für eine alternde und schrumpfende Gesellschaft zu entwickeln und anzubieten. Andererseits aber droht den Freien Berufen, gerade bei den Ärzten und Ingenieuren, ein Fachkräftemangel. Das Statistische Bundesamt hat errechnet, dass das gesamte Arbeitskräftepotenzial in Deutschland bis 2030 – das ist in 17 Jahren; es kommt aber schneller, als man manchmal denkt – um bis zu 7,6 Millionen Menschen abnehmen wird. Die Bundesregierung steuert dieser Entwicklung entgegen und hat kluge Weichenstellungen vorgenommen. Das werden wir unter Bundeskanzlerin Angela Merkel auch nach der Wahl weiter fortsetzen.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Wir brauchen eine Mobilisierung der Fachkräfte. Dazu zählt ohne Frage auch, dass wir mehr Frauen auf dem Arbeitsmarkt, mehr Frauen in den Unternehmen, mehr Frauen als Freiberufler brauchen. Gut ist, dass der Anteil der Frauen unter den Selbstständigen in den Freien Berufen in den letzten 25 Jahren, also ab 1988, zugenommen hat: bei den Tierärzten um mehr als 25 Prozentpunkte, bei den Rechtsanwälten um 21 Prozentpunkte, bei den Zahnärzten und Ärzten um rund 16 Prozentpunkte, bei den Apothekern um mehr als 10 Prozentpunkte. Aber, meine Damen und Herren, wenn man sich alle Gruppen ansieht, stellt man fest, dass auch hier leider der Grundsatz gilt: mehr Geld – mehr Männer; weniger Verdienstmöglichkeiten – mehr Frauen.

Die Situation der Hebammen wurde eben angesprochen. Die Bundesregierung hat hier etwas getan. Es werden 30 Millionen Euro jährlich zur Verfügung gestellt, um die Hebammen zu stärken. Aber ich sage ganz ehrlich: Das ist nicht genug.

(Beifall der Abg. Hans-Michael Goldmann [FDP] und Patrick Kurth [Kyffhäuser] [FDP])

Es kann nicht sein, dass eine Frau, die einen so unglaublich wichtigen Beruf für die Frau, für das neugeborene Kind ausübt, im Schnitt einen Stundenlohn von 7,50 Euro bekommt. Wir sollten uns alle ein bisschen schämen, dass wir das so lange zugelassen haben.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, der FDP, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Ich muss deutlich sagen: Das muss sich in der nächsten Legislaturperiode ändern.

Also, liebe Frauen, es gibt noch Luft nach oben, auch beim Verdienst. Wir müssen Frauen stärker ermutigen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Darum, liebe junge Frauen, die ihr Betriebswirtschaft, Jura, Sozialwissenschaften oder Medizin studiert und Superergebnisse erzielt: Habt keine Angst vor der Selbstständigkeit!

Ja, es stimmt: Der persönliche Einsatz ist hoch, der -Arbeitsaufwand enorm, und die soziale Absicherung – Krankenkasse, Alterssicherung – muss selbst in Angriff genommen werden. Das schreckt viele auf den ersten Blick ab. Doch schaut genauer hin! Die freiberufliche Tätigkeit bietet unglaublich viele Chancen: fachliche Unabhängigkeit, Eigenverantwortung, gesellschaftliches Ansehen, hohe Flexibilität, freie Wahl der Arbeitszeiten und des Arbeitsortes. Zeigt Mut! Wagt den Schritt in die Selbstständigkeit! Denn diese Freiheit, die Freiheit, die eigene Chefin zu sein, sich die Arbeit frei einteilen zu können, hat einen bedeutenden Vorteil: Sie schafft Freiräume, auch wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht.

Übrigens: Beim Weg in die Selbstständigkeit erhalten Frauen, wenn sie es möchten – – Eine Zwischenfrage, Herr Präsident.

(Heiterkeit – Zuruf: Die hat sie bestellt!)

Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Bitte schön, Frau Fischbach. Wenn Ihnen schon das Wort erteilt ist, will ich das nicht behindern.

Rita Pawelski (CDU/CSU):
Danke, Herr Präsident; ich vertrete Sie gerne.

Ingrid Fischbach (CDU/CSU):
Ich danke Ihnen sehr. – Frau Kollegin, ich habe eine Frage. Sie haben gerade die Vereinbarkeit von Familie und Beruf angesprochen. Welche Ansatzpunkte und Hilfeleistungen hat die Bundesregierung geschaffen, damit Frauen, die sich selbstständig machen wollen, Familie und Beruf auch wirklich miteinander vereinbaren können?

(Andrea Wicklein [SPD]: Das Betreuungsgeld!)

Rita Pawelski (CDU/CSU):
Verehrte Kollegen, dass Frau Fischbach eine Frage stellt, war nicht abgestimmt; aber ich beantworte die Frage gerne.

(Patrick Kurth [Kyffhäuser] [FDP]: Ja, ja! „Herr Präsident, eine Zwischenfrage!“)

Die Bundesregierung unter Angela Merkel hat wie keine andere Bundesregierung vor ihr die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert.

(Ingo Egloff [SPD]: Das Betreuungsgeld, oder was?)

Wir haben die Betreuung der unter Dreijährigen ausgebaut. Ab August gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz. Dieser Rechtsanspruch, der eigentlich von den Kommunen und den Ländern erfüllt werden müsste, wird vom Bund mit über 4,7 Milliarden Euro befördert. Wir zahlen das Elterngeld, um den Einstieg in die Elternzeit finanziell abzufedern. Wir fördern die Teilzeitarbeit. Teilzeitarbeit darf aber nicht zu einer Sackgasse, zu einem Karrierehemmer werden. Daher werden wir uns in der nächsten Regierung dafür einsetzen, dass Mütter und Väter – die ja auch zunehmend Teilzeit in Anspruch nehmen – einen Rechtsanspruch darauf bekommen, in die Vollzeitbeschäftigung zurückzukehren, damit sie ihre Karriere fortsetzen können. Angela Merkel ist die richtige Bundeskanzlerin für unser Land, und sie wird es ab September für mindestens vier weitere Jahre bleiben.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP – Patrick Kurth [Kyffhäuser] [FDP]: Vier gute Jahre!)

Ich war gerade dabei, deutlich zu machen, dass die Bundesregierung Frauen, die in die Selbstständigkeit -gehen wollen, unterstützt. Es gibt die „bundesweite gründerinnenagentur“ mit einem entsprechenden Internetauftritt; sie hilft den Frauen auf dem Weg in die Selbstständigkeit.

Meine Damen und Herren, wir müssen diese Chancen, diese Vorteile und diese Möglichkeiten der Unterstützung noch populärer machen, noch stärker transportieren. Nur so werden wir erreichen, dass mehr junge Menschen – und gerade junge Frauen – den Schritt in die Selbstständigkeit wagen.

Herr Präsident, ich bitte um eine halbe Minute Redezeit; denn das ist möglicherweise die letzte Rede, die ich vor diesem Bundestag halte. Meine Damen und Herren, ich war sehr, sehr gerne Mitglied dieses Bundestages. Ich gehe freiwillig; ich gehe aber trotzdem schweren Herzens. Ich bitte alle um Entschuldigung, denen ich irgendwann zu nahe getreten bin, und danke allen, die mir geholfen haben.

(Anhaltender Beifall)