Bundeswehr leistet in der Corona-Pandemie Amtshilfe

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(Quelle: picture alliance/ imageBROKER)
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Mit der „eisernen Reserve“ gegen das Virus

Bundeswehr leistet in der Corona-Pandemie Amtshilfe – „Helfende Hände“ gefragt

In Corona-Zeiten beschafft die Bundeswehr Material, stellt Transportkapazitäten, schickt „helfende Hände“. Jetzt hat sie erstmals in ihrer Geschichte 15.000 Soldatinnen und Soldaten als "Reserve" aufgestellt, falls das Gesundheitswesen an seine Grenzen kommen sollte. 

Die Corona-Pandemie breitet sich in Deutschland weiter aus. Auch wenn das Robert-Koch-Institut in jüngster Zeit feststellte, dass sich die Ausbreitung verlangsamt, so lässt sich noch nicht vorhersagen, wie stark die Belastung des Gesundheitssystems ausfallen wird.

Damit steht auch der Bundeswehr die größte Herausforderung noch bevor, vermutet der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Johann David Wadephul. Deshalb sei es gut, dass mit den 15.000 „eine Art eiserne Reserve“ bereitstehe. „Ich bin mir sicher, dass die Männer und Frauen der Bundeswehr, mit und ohne Uniform, diese Notlage dann meistern werden“, sagt er. 

Bundeswehr leistet in der Corona-Pandemie Amtshilfe
Foto: picture alliance/dpa

Sanitätsdienst in vollem Einsatz

Auch der verteidigungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Henning Otte, hebt die Bedeutung des Kontingents hervor. „Das ist eine vorsorglich getroffene Hilfsmöglichkeit, um schnell und verzugslos handeln zu können“, sagt er und weist darauf hin, dass jetzt zusätzlich 17.000 Soldatinnen und Soldaten des Sanitätsdienstes der Bundeswehr die zivilen Krankenhäuser unterstützen. Außerdem bringen „die vier Bundeswehrkrankenhäuser etwa 80 Prozent ihrer Kapazität in die zivile Gesundheitsversorgung ein“.

Bundeswehr darf Amtshilfe leisten

Die Bundeswehr darf laut Grundgesetzartikel 35 Amtshilfe leisten – etwa in Form von technisch-logistischer Unterstützung oder im Fall von Naturkatastrophen und besonders schweren Unglücksfällen. Beispiele aus dem vergangenen Jahr sind die Schneekatastrophe im südlichen Bayern oder die Waldbrände bei Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern, in denen die Bundeswehr mit anpackte. Die Fälle von Amtshilfe beschränkten sich bisher auf einzelne Bundesländer. Dass die Bundeswehr gleich im ganzen Land angefordert wird, gilt als neue Dimension. 

„Die Lage ist ernst“

Der Nationale Territoriale Befehlshaber Generalleutnant Martin Schelleis erläutert, dass die Bundeswehr in ihrer 65-jährigen Geschichte in Notfällen immer nur mit dem Personal und Material eingesprungen ist, das gerade abrufbar war. Erstmalig sei nun ein Kontingent im Vorgriff auf mögliche Hilfeleistungen aufgestellt worden, sagt Schelleis, der die Amtshilfe in Sachen Corona-Virus koordiniert, in einem Statement auf der Bundeswehr-Webseite: „Das zeigt, wie ernst die Lage ist.“ 

Alle Bundesländer haben Unterstützung angefordert

Neben dem Bundesgesundheitsministerium haben alle Bundesländer personelle und materielle Unterstützung bei der Bundeswehr angefordert. Über 300 Anträge liegen vor. Besonders gefragt sind dabei die „helfenden Hände“. Ein Großteil der Anfragen beziehen sich auf die sanitätsdienstliche Versorgung; aber auch Transport-, Unterkunfts- und Quarantänemöglichkeiten werden im Inland oft gebraucht. Soldaten in Berlin nahmen teil an der Erprobung einer Tracking-App, mit der Kontaktketten von Infizierten aufgespürt werden können. Auf einem Messegelände in Saarbrücken organisiert die Bundeswehr ein „Drive-in“ für sichere Corona-Tests. Bis zu 600 Tests am Tag sind möglich. In der Nähe von Koblenz betreiben Soldaten in einer Halle eine „Fieberstraße“, in der sich Bürger auf das Virus testen lassen können. 

„Europa steht in der Krise zusammen“

Beansprucht werden auch die Luftverkehrskapazitäten. So hat die Bundeswehr deutsche Bürger, die in der chinesischen Metropole Wuhan gestrandet waren, zurückgeholt. Außerdem hat sie mit ihren MedEvac-Spezialmaschinen schwerkranke Patienten aus europäischen Nachbarländern zur intensivmedizinischen Behandlung nach Deutschland gebracht, etwa aus den überlasteten Kliniken in Norditalien oder aus Frankreich. „Das ist eine wichtige Geste für unsere europäischen Freunde, denen es deutlich schlechter geht als uns“, sagt Johann David Wadephul. Otte liegt am Herzen, „dass Europa geeint in dieser Krise zusammensteht“.

Wenn Anträge auf Amtshilfe aus den Bundesländern abgelehnt werden, dann meist aufgrund fehlender eigener Ressourcen. So kommt der Sanitätsdienst allmählich an seine Grenzen, weil er an seinen Standorten ohnehin schon in die zivile Pflege eingebunden ist. Auch muss die Bundeswehr wegen der angespannten Versorgungslage auf dem Weltmarkt sparsam mit ihrer persönlichen Schutzausstattung und ihrem medizinischen Gerät umgehen.

Durchhaltefähigkeit erhöhen 

Um sich selbst zu schützen, müssen die Soldaten bei ihrer täglichen Arbeit den obligatorischen Mindestabstand von 1,5 Meter einhalten. Die Sitzordnung in den Räumlichkeiten wurde entsprechend aufgelockert. Wer kann, arbeitet seit Mitte März von zu Hause aus und meidet persönliche Kontakte. Besprechungen finden dann - wie anderswo auch - per Video- oder Telefonkonferenz statt. Die Durchhaltefähigkeit soll so erhöht werden. Das Risiko, dass ganze Einheiten ausfallen könnten, soll auf ein Minimum begrenzt werden. 

Reservisten übernehmen wichtigen Part

Einen wichtigen Part bei der Corona-Hilfe übernehmen die Reservisten – ehemalige Soldatinnen und Soldaten, die als Bindeglieder zwischen Bundeswehr und Zivilgesellschaft fungieren. In Krisenzeiten sind sie unverzichtbar für die Durchhaltefähigkeit der Truppe. Der Präsident des Reservistenverbandes, der CDU-Abgeordnete Patrick Sensburg, berichtet, dass sich auf den Aufruf der Verteidigungsministerin, des Kommandos Sanitätsdienst und des Bundesamtes für Personalmanagement der Bundeswehr inzwischen mehr als zehntausend ehemalige Soldatinnen und Soldaten gemeldet hätten. Viele von ihnen hätten zeitnah eingesetzt werden können. 

Die Reservisten leisten Dienst in den Bundeswehrkrankenhäusern, helfen beim Aufbau von medizinischer Infrastruktur, beraten in den Kreis- und Verbindungskommandos die Katastrophenschutzstäbe und arbeiten in den Personalstäben der Bundeswehr zahlreiche Meldungen ab. In Berlin etwa unterstützt ein Reservist, der Facharzt für Mikrobiologie ist, den Aufbau eines Testzentrums, in dem Abstrichproben auf Covid-19-Infektionen getestet werden sollen.