Forschung: Labor - Wissenschaftlerin mit Pipette und Reagenzglas

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(Quelle: Picture alliance / JOKER)
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Faktencheck | Corona-Impfstoff

Auf der Suche nach dem Impfstoff - Fragen und Antworten

Nein, es wird keine Impfpflicht gegen das Corona-Virus geben. Und ein Immunitätsnachweis wird auch nicht verlangt. Dennoch: Die Suche nach einem Impfstoff wird vorangetrieben. Mythen und Fakten hier im Check. 

Gegen das neuartige Coronavirus – auch bekannt unter den Namen COVID-19 und SARS-CoV-2 – ist niemand immun. Bislang gibt es kein Medikament und keinen Impfstoff dagegen. Aber die Forschung vor allem nach einem Impfstoff läuft weltweit auf Hochtouren. Schon im nächsten Jahr könnte ein solcher zur Verfügung stehen, heißt es immer wieder. Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Georg Nüßlein, nennt die Entwicklung eines Impfstoffs entscheidend dafür, dass wir wieder zu unserem gewohnten Leben zurückkehren können, wie es vor der Pandemie war. Deshalb werde die Forschung auf verantwortungsvolle Weise sehr zügig vorangetrieben. Auch das Engagement privater Stiftungen nannte er sehr wertvoll.  

Wie lange dauert es, einen Impfstoff zu entwickeln?

Normalerweise dauert es sehr lange, einen wirksamen Impfstoff zu entwickeln. Klaus Cichutek, der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel und damit in Deutschland für Impfstoffe zuständig, hält 15 Jahre im Regelfall für realistisch. Allerdings gibt es Hoffnung, dass es in Sachen Coronavirus schneller gehen könnte. So dauerte beispielsweise die Entwicklung des Ebola-Impfstoffes nur vier bis fünf Jahre, weil viele Schritte komprimiert wurden. 

Bei SARS-CoV-2 könnte es noch einmal schneller gehen, denn die Forschung profitiert davon, dass schon viel Vorarbeit geleistet wurde. So wurde nämlich bereits an Impfstoffen gegen die verwandten Viren SARS und MERS geforscht, die sich Anfang des Jahrtausends ausbreiteten. Gen-Abschnitte des neuartigen Coronavirus können in die seitdem vorhandenen Impfstoffe eingeschleust werden. 

Nach der Entwicklung des Impfstoffes muss er getestet werden, zunächst an Zellen, dann an Mäusen und zuletzt in sogenannten klinischen Studien an Menschen. Dabei werden mehrere tausend, wenn nicht gar zehntausende Probanden mit dem neuen Impfstoff geimpft. Auf diese Weise findet man heraus, ob der Impfstoff überhaupt wirksam ist und welche Nebenwirkungen auftreten können. Sobald Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffes gewährleistet sind, kann er zugelassen werden. Mit der Zulassung eines Impfstoffes gegen COVID-19 rechnet das Paul-Ehrlich-Institut in etwas mehr als einem Jahr. Bevor der Impfstoff jedoch in großem Maßstab verfügbar ist, müssen zunächst die Produktionskapazitäten geschaffen werden.  Auch das nimmt Zeit in Anspruch. 
 

Was bewirkt ein Impfstoff?

Nur eine Impfung kann vor einer Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus schützen. Wenn ein hoher Prozentsatz einer Bevölkerung geimpft ist, kommt die Ausbreitung des Virus zum Erliegen, weil es keinen Wirt mehr findet. Man spricht dann von Herdenimmunität. Eine Herdenimmunität kann auch dann erreicht werden, wenn ein Großteil der Menschen die Krankheit durchlitten hat und auf diesem Wege dagegen immun geworden ist. Diesem Risiko kann man insbesondere Ältere und Personen mit Vorerkrankungen allerdings nicht aussetzen – zumal es auch noch kein Medikament gegen das Coronavirus gibt.

Im Falle von COVID-19 ist außerdem noch nicht bekannt, ob eine überstandene Erkrankung daran vor einer weiteren Ansteckung schützt oder wie lange der Immuneffekt anhält. Ebenfalls noch nicht erforscht ist, ob das Coronavirus– ähnlich dem Grippevirus – mutiert. Wäre dies der Fall, müsste ein Impfstoff in regelmäßigen zeitlichen Abständen angepasst werden. 
 

Wird es eine Impfpflicht gegen das Coronavirus geben?

Eine Impfpflicht ist aktuell kein Thema, allein schon, weil es keinen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt. Im Moment befinden sich einzelne Impfstoffe in ersten klinischen Tests, darunter einer in Deutschland. Wenn sich einer oder mehrere Impfstoffe als wirksam und verträglich erweisen sollten, kann mit ihrer Zulassung frühestens im nächsten Jahr gerechnet werden. Da nicht von jetzt auf gleich massenhaft Impfdosen produziert werden können, werden zunächst Ärzte und Pflegekräfte sowie Risikogruppen geimpft werden können. 

Angesichts der schweren Verläufe bei COVID-19-Erkrankungen – vor allem bei älteren Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen – ist davon auszugehen, dass sich viele Menschen freiwillig impfen lassen werden, sobald ein Impfstoff vorhanden ist.

Grundsätzlich sind Impfungen in Deutschland nicht vorgeschrieben. Es können aber Vorkehrungen gegen die Ausbreitung einer gefährlichen Krankheit getroffen werden. Das sieht das Infektionsschutzgesetz jetzt schon vor. Beispielsweise können Quarantäne-Maßnahmen für Infizierte und Menschen verhängt werden, die mit ihnen in Kontakt standen. Mit Blick auf die Eindämmung der Masern trat zum 1. März 2020 ein Schutzgesetz in Kraft, welches vorschreibt, dass Kinder beim Eintritt in den Kindergarten oder in die Schule geimpft sein müssen. Das gilt auch für Erzieher und Lehrer sowie medizinisches Personal und alle weiteren Beschäftigten, die in Gemeinschaftseinrichtungen arbeiten. 

Diese Vorkehrungen wurden getroffen, weil die Zahl derjenigen, die sich gegen Masern impfen lassen, zurückgegangen ist. Somit ist der sogenannte Herdenschutz für Risikopatienten nicht mehr gegeben. Masern sind eine oft tödliche verlaufende Krankheit. 
 

Wieviele Forschungsprojekte gibt es?

Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge werden weltwelt mehr als 70 Impfstoffkandidaten getestet, zahlreiche davon in den USA und China. Sehr wenige der von der WHO gelisteten Impfstoffprojekte befinden sich in der klinischen Testphase, eines auf Basis eines veränderten Impfvirusstamms und eines auf Basis von Ribonukleinsäure (RNA). Die RNA ist für die Übertragung genetischer Informationen wichtig. 

Auch deutsche Forschungseinrichtungen und biopharmazeutische Unternehmen sind laut Konrad-Adenauer-Stiftung an der Impfstoffentwicklung beteiligt, darunter das Deutsche Forschungszentrum für Infektionsforschung sowie die Unternehmen CureVac und BioNTech. 

Für den Impfstoffkandidaten des Mainzer Unternehmens BioNTech hat das Paul-Ehrlich-Institut - in Deutschland zuständig für Impfstoffe – am 22. April die erste klinische Prüfung in Deutschland genehmigt. Der von BioNtech entwickelte Wirkstoff gehört in die Gruppe der genbasierten Impfstoffe. Es ist ein sogenannter RNA-Impfstoff, der die genetischen Informationen des Erregers enthält.
Die Genehmigung erfolgte nach sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiko des Impfstoffkandidaten. Nun soll an rund 200 gesunden Erwachsenen zwischen 18 und 55 Jahren getestet werden, ob der Impfstoff wirkt, ob er verträglich ist und wie hoch die Dosis sein sollte. Sollten diese ersten Tests positiv verlaufen, können mehr Probanden und auch Risikopatienten in die Prüfung einbezogen werden. 
 
 

Woher kommt das Geld für die Forschung?

Das Geld für Forschung und Entwicklung von Impfstoffen kommt von Staaten, aber auch von privaten Stiftungen wie der Bill-and-Melinda-Gates-Stiftung. 

Für die Entwicklung eines Impfstoffs gegen SARS-CoV-2 stellt der Bund 145 Millionen Euro bereit. Deutschland fördert nach Angaben des Bundesforschungsministeriums auch die internationale Impfstoff-Initiative CEPI (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations) – und zwar seit ihrer Gründung 2017 mit ingesamt 90 Millionen Euro. 

CEPI ist eine öffentlich-private Partnerschaft, in der sowohl staatliche Förderer als auch Stiftungen, Forschungseinrichtungen und Pharma-Unternehmen zusammenarbeiten. Neben Deutschland gehören unter anderem Norwegen, Japan, Kanada und Australien sowie die Bill-and-Melinda-Gates-Stiftung und der Wellcome-Trust zu den Financiers. In die von CEPI initiierten Entwicklungsprojekte ist auch das deutsche biopharmazeutische Unternehmen CureVac eingebunden. 

Welche Mythen ranken sich um die Erforschung eines Impfstoffes?

Um COVID-19 generell und um die Entwicklung eines Impfstoffes haben Verschwörungstheoretiker aus dem links- und rechtsextremen Spektrum eine Reihe von Mythen gesponnen, die vor allem in sozialen Medien verbreitet werden. Unter anderem mutmaßen sie, dass das Coronavirus vorsätzlich in einem Labor – wahlweise in China oder in den USA - gezüchtet wurde. Oder sie behaupten, dass die Corona-Pandemie vom Ausbau des 5G-Netzes ausgelöst worden sei und dass dahinter ein Plan stecke, die Bevölkerung zu kontrollieren. Oder sie warnen davor, dass verpflichtende Impfungen bevorstünden, in deren Zuge den Menschen Nanochips eingepflanzt werden sollten, ebenfalls um sie zu kontrollieren. 

Was den Impfstoff angeht, so ist vor allem der Milliardär Bill Gates, der sich mit seiner Stiftung schon seit Jahren für die Weltgesundheitsorganisation (WHO), für den Ausbau von Gesundheitssystemen und die Erforschung von Impfstoffen engagiert, ins Schussfeld der Verschwörungstheoretiker geraten. In der Coronavirus-Pandemie setzt sich der Microsoft-Gründer nicht nur für eine beschleunigte Forschung an einem Impfstoff, sondern auch für den gleichzeitigen Auf- und Ausbau von Produktionsstätten ein. Denn gerade die schnelle Verfügbarkeit eines solchen Impfstoffes in großen Mengen ist wichtig für die Eindämmung der Pandemie. Aktivisten und Extremisten werfen Gates im Netz stattdessen Allmachtsphantasien vor. Diese entbehren jedoch jeder Grundlage.

Die Verschwörungstheorien im Netz sind nicht nur das Werk von manipulativen Einzelnen oder Gruppen. Sie werden oft auch von Staaten verstärkt, die ein Interesse daran haben, westliche Demokratien in den Köpfen der Menschen zu diskreditieren. Indem sie sachliche Debatten willkürlich verzerren, wollen sie zeigen, dass Demokratien unfähig sind, mit Krisen umzugehen. 

Brauchen wir bald alle einen Immunitätsnachweis?

Das ist bislang nicht vorgesehen. Eine entsprechende Passage im neuen Infektionsschutzgesetz, die das ermöglicht hätte, wurde gestrichen. 

Dennoch könnte eine Dokumentation unter verschiedenen Voraussetzungen sinnvoll sein: So müssen zuverlässige Antikörpertests in großer Zahl vorhanden sein. Das Schweizer Pharmaunternehmen Roche kann solche Tests offenbar bald auf den Markt bringen. Außerdem muss gewährleistet sein, dass Menschen nach einer Infektion mit COVID-19 auch tatsächlich über einen längeren Zeitraum immun sind. Darüber besteht noch keine Gewissheit. Und schließlich muss es einen wirksamen und verträglichen Impfstoff geben, der Immunität erzeugen könnte. Mit der Zulassung von Impfstoffen, die sich bereits in der klinischen Erprobung befinden, wird frühestens im nächsten Jahr gerechnet. 

Auch unter diesen Voraussetzungen würde die Entscheidung für oder gegen einen Immunitätsausweis nicht leicht fallen. Deshalb hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn den Ethikrat damit beauftragt, das Für und Wider abzuwägen. Denn die Politik ist immer wieder gehalten, die Verhältnismäßigkeit ihrer Maßnahmen zu überprüfen.

Einen positiven Effekt hätte ein solcher Immunitätsnachweis für die Beschäftigten im Gesundheitswesen. Auch könnten Kontaktsperren für bestimmte Personengruppen leichter aufgehoben werden. Die Wirtschaft käme unter Umständen leichter wieder in Gang. Besonders hilfreich wäre es wohl auch beim Grenzübertritt.

Nachteilig wäre, dass dadurch eine Art Zwei-Klassen-Gesellschaft entstehen könnte – auf der einen Seite diejenigen, die geimpft oder geheilt sind, und auf der anderen Seite diejenigen, die mit dem Coronavirus noch nicht in Berührung gekommen und deshalb gefährdet sind. Möglicherweise würden letztere dann Tests vermeiden. Auch könnte ein indirekter Anreiz geschaffen werden, dass Menschen sich mutwillig mit dem Virus anstecken, um anschließend in den Besitz eines Immunitätsnachweises zu kommen. Die Nachteile ergeben sich aber realistisch betrachtet nicht durch den Nachweis, sondern aus der Realität.