Trauer um Helmut Kohl

Text und Interview


(Quelle: picture alliance/ dpa)
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Wie Helmut Kohl die Einheit möglich machte

von Volker Kauder

Am 28. November 1989 unterbreitete der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl dem Deutschen Bundestag seinen Zehn-Punkte-Plan. Er skizzierte darin einen Stufenplan, der von einer vertieften Zusammenarbeit über eine Konföderation schließlich zur Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland führen sollte.

Unter den zahlreichen Gedenktagen, die zur friedlichen Revolution in der DDR und später zur Wiedervereinigung unseres Vaterlandes geführt haben, ragt neben dem Tag des Mauerfalls auch der 28. November 1989 besonders heraus. An diesem Tag, heute vor zwanzig Jahren, unterbreitete der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl dem Deutschen Bundestag seinen Zehn-Punkte-Plan. Die Menschen in Ostdeutschland waren für Freiheit und Menschenrechte auf die Straße gegangen und hatten die Öffnung der menschenverachtenden Grenze erzwungen. Das Scheitern des SED-Regimes war offensichtlich, es fehlte aber noch eine Perspektive, wie es weitergehen sollte. In dieser Situation war es Helmut Kohl, der mit historischer Perspektive und sicherem politischen Instinkt durch seine Zehn Punkte das Heft des Handelns in die Hand nahm. Er skizzierte darin einen Stufenplan, der von einer vertieften Zusammenarbeit über eine Konföderation schließlich zur Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland führen sollte. Kohl war damit der erste, der die Wiedererlangung der staatlichen Einheit zum greifbaren politischen Ziel erklärte. Diese Erklärung war Selbstverständlichkeit und Ungeheuerlichkeit in einem: Selbstverständlich war sie, weil die Deutsche Einheit bereits im Grundgesetz als Ziel festgeschrieben war. Daran hatte sich die Politik von CDU und CSU in den vierzig Jahren der Teilung immer orientiert. Für mich persönlich war die Unerträglichkeit dieser Teilung ein wesentliches Motiv gewesen, selbst politisch tätig zu werden. Als Vorsitzender eines Jugendkuratoriums Unteilbares Deutschland hatte ich mich dafür eingesetzt, die Wiedervereinigung auf der Agenda der Politik zu halten. Ungeheuerlich aber war die Forderung nach Wiedervereinigung in den Augen vieler westdeutscher Linker, die das Streben nach Überwindung der Teilung als reaktionär und nationalistisch brandmarkten. Auch im Herbst 1989 träumten viele von ihnen noch von der Beibehaltung der Zweistaatlichkeit und der Fortsetzung sozialistischer Experimente. Dabei beriefen sie sich auf den angeblichen Willen der DDR-Bevölkerung. Doch die Menschen in der DDR wussten es besser: Mit dem immer lauter werdenden Ruf „Wir sind ein Volk“ forderten sie die schnelle Herstellung der Deutschen Einheit. Später, bei der Volkskammerwahl am 18. März 1990, machten die Wähler in der DDR mit beeindruckender Mehrheit deutlich, dass Helmut Kohl mit seinen zehn Punkten ihre eigenen Wünsche artikuliert hatte. Das Zeitfenster für die Wiedervereinigung stand nur für kurze Zeit offen. Ohne Helmut Kohls entschlossenes Handeln hätte es sich wohl ungenutzt wieder geschlossen. Auch aus der Rückschau nach zwanzig Jahren bleibt der 28. November 1989 eine Sternstunde der deutschen Geschichte.

Diese Rückblende erschien 2009 anläßlich des 20. Mauerfall-Jubiläums.