Text und Interview


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Kulturtourismus in Deutschland stärken

Beschluss der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Die Stärkung des Kulturtourismus ist eine wichtige Aufgabe und genießt bei der CDU/CSU hohe Priorität. Die CDU/CSU-Fraktion hat dazu folgenden Beschluss gefasst:

Mit seinem reichem, einzigartigem kulturellen Erbe und seiner Vielzahl kultureller Angebote ist Deutschland ein beliebtes Reiseziel für Kulturtouristen aus aller Welt. Jeder siebte ausländische Tourist kommt aus kulturellem Interesse nach Deutschland. In den letzten Jahren sind wir so zum zweitbeliebtesten Kulturreiseland in Europa nach Frankreich aufgestiegen. Dabei haben die Kulturreisen nach Deutschland um rund 30 Prozent zugenommen. Außerdem werden von den Deutschen pro Jahr etwa 80 Millionen Kulturausflüge unternommen. Angezogen werden sie von 33 UNESCO-Weltkulturerbestätten, zahlreichen Kunstschätzen und einzigartigen Bauwerken, 6.000 Museen, 400 Opern- und Theaterhäusern, 100 großen Sinfonieorchestern, 180 thematischen Straßen, Kulturwegen und historischen Routen, 360 öffentlichen und privaten Bühnen sowie von 12.000 Kultur- und Volksfesten und unzähligen weiteren kulturellen Veranstaltungen. Daneben sind auch die Kirchen ein bedeutender Bestandteil des kulturellen Lebens in Deutschland: Besonders mit Konzerten und Ausstellungen sprechen sie kulturinteressierte Besucher an.
 
Weltweit hat Deutschland ein herausragendes Kulturimage:In 34 repräsentativ befragtenNationen des Anholt-GMI-Nation-Brands-Index 2006 sehen 62 Prozent der Befragten Deutschland als Land mit großemkulturellen Erbe. Dass Deutschland ein reiches architektonisches Erbe hat,bestätigen weltweit 63,3 Prozent. Gut die Hälfte aller Befragten sieht Deutschland als Ort mit aufregender zeitgenössischerKunst. Im „Travel & Tourism Competitiveness Index“ nimmt Deutschland bezogen auf das Thema Kultur und Natursogar Platz eins ein. Für 87 Prozent aller ausländischen Urlaubsgäste zählt der Besuch von Sehenswürdigkeiten zu den wichtigsten Aktivitäten in Deutschland, 70 Prozent besuchen Museen und Ausstellungen. Auch unter den inländischen Gästen ist das Interesse mit 70 Prozent bei Sehenswürdigkeiten und 52 Prozent bei Museen und Ausstellungen sehr hoch. Maßgeblich zum Kulturimage beigetragen hat die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT), die im Auftrag der Bundesregierung seit 60 Jahren für das Reiseland Deutschland im Ausland wirbt.
 
Der Kultur- und Städtetourismus ist einer der sich am stärksten entwickelnden Bereiche im Deutschlandtourismus und hat als Wirtschaftszweig einen hohen Stellenwert: Der jährliche Bruttoumsatz, der durch Städte- und Kulturtourismus bei uns erwirtschaftet wird, liegt bei 82 Milliarden Euro, und 1,56 Millionen Menschen bestreiten ihr Einkommen in diesem Bereich. Außerdem können strukturschwache Gebiete durch den Kulturtourismus ihre Attraktivität steigern, ihr Profil schärfen und ihre Vermarktungsfähigkeit erhöhen. In ländlichen Regionen mit schrumpfenden Bevölkerungszahlen bietet er zudem Erwerbschancen und kann auch ein wichtiger Grund für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Infrastruktur sein.
 
Kultur und Tourismus haben sich in den letzten Jahren zunehmend angenähert und erfolgreiche Ansätze für gemeinsames Handeln gefunden. Beide Bereiche stehen vielerorts in enger Wechselwirkung und haben große Bedeutung füreinander. So führt Tourismus zu einer Besuchersteigerung bei Kultureinrichtungen sowie zur Erwirtschaftung von höheren Eigeneinnahmen – damit ist er ein wichtiger Faktor für die Kultur- und Kreativwirtschaft, die die Bundesregierung im Rahmen der Initiative „Kultur- und Kreativwirtschaft“ fördert. Auf der anderen Seite ist Kultur ein Alleinstellungsmerkmal, auf das die Tourismusbranche im weltweiten Wettbewerb um Kunden angewiesen ist.
 
Welchen Erfolg die Zusammenarbeit und Vernetzung von Kultur und Tourismus bringen kann, zeigt das Beispiel des UNESCO-Welterbestätten Deutschland e.V. In diesem Verein sind alle 33 deutschen Welterbestätten und die jeweiligen touristischen Organisationen zusammengeschlossen. Sie alle haben gemeinsam die Alleinstellung durch das Qualitätslabel des erfolgreichsten internationalen Programms. Das besondere am Welterbestätten-Verein ist das Zusammenwirken von Denkmalschützern und Touristikern. Mitglieder im Verein sind die touristischen Organisationen vor Ort und die Deutsche Zentrale für Tourismus, die verantwortlichen Träger der Welterbestätten, die deutsche UNESCO-Kommission und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Sie haben sich mit dem Ziel zusammengeschlossen, die Bekanntheit der deutschen UNESCO-Welterbestätten im In- und Ausland zu steigern und einen behutsamen und hochqualifizierten Tourismus an die Welterbestätten in einem denkmalverträglichen Ausmaß zu fördern. Gemeinsam mit der DZT unternimmt der Verein Vertriebsaktivitäten in den touristischen Herkunftsmärkten weltweit, es werden zudem Broschüren produziert und eine interaktive Internetplattform betrieben, Wanderausstellungen über die deutschen UNESCO-Welterbestätten werden organisiert. Der Verein präsentiert die Welterbestätten zudem auf touristischen Fachveranstaltungen und organisiert den jährlich stattfindenden Deutschen Welterbetag.
 
Neben dem UNESCO-Welterbestätten Deutschland e.V. gibt es zahlreiche weitere kulturtouristische Erfolgsgeschichten wie z.B. die Thüringer Bachwochen, die Documenta in Kassel, die MoMA-Ausstellung in Berlin, die „Straße der Romanik“ in Sachsen-Anhalt oder die Festspiele in Mecklenburg-Vorpommern und das Netzwerk „Garten Eden“ in Ostfriesland.
 
Mit der Wahl von RUHR.2010 in Nordrhein-Westfalen zur Kulturhauptstadt Europas steht für den Kultur- und den Tourismusbereich in Deutschland ein herausragendes kulturtouristisches Ereignis von internationaler Bedeutung bevor. Ein weiterer bedeutender internationaler kulturtouristischer Höhepunkt in Deutschland ist das Reformationsjubiläum 2017 mit der im Jahre 2008 begonnenen Luther-Dekade.
 
Auf der Grundlage von Kulturabkommen und anderen Regierungsvereinbarungen führt Deutschland regelmäßig bilaterale Kulturkooperationen mit verschiedenen Staaten über den Zeitraum eines ganzen Jahres oder in Form von Kulturwochen durch. Mithilfe dieser Veranstaltungen werden neue Kooperationsprojekte angestoßen, werden die kulturellen Besonderheiten sowohl der deutschen Gesellschaft als auch der Gesellschaft des jeweiligen Partnerlandes im Dialog miteinander vermittelt und im Ergebnis Vertrauen, Verständigung und Verständnis zwischen den Ländern aufgebaut. Diese Formen der Kulturkooperation sind zugleich kulturtouristisch von großer Bedeutung, führen sie doch zu vielen Reisen, Besuchen und Begegnungen.
 
Trotz der vielen positiven Beispiele und offensichtlichen Vorteile sind beim Zusammenwirken von Kultur und Tourismus noch nicht alle Potenziale gewinnbringend genutzt. Oftmals sind Berührungsängste und Vorurteile festzustellen, die auf den unterschiedlichen Bedürfnissen und Abhängigkeiten beider Seiten beruhen. So ist die Tourismusbranche auf die Vermarktungsfähigkeit der Kultur-Produkte angewiesen – eine solche Marketing- und Kundenorientierung ist auf der Kulturseite aber nicht immer gegeben. Als Vermarktungshemmnisse werden von den Touristikern vor allem die Kurzfristigkeit von Programmplanungen, Probleme bei der Bereitstellung von festen Kontingenten, die mangelnde Bereitschaft bzw. Möglichkeit für Provisionszahlungen an Reiseveranstalter oder auch das Fehlen mehrsprachiger Besucherinformationen erkannt.
 
Die Kulturakteure machen dagegen deutlich, dass Kultur- und Kunstangebote als ein öffentliches Gut über ihre Bedeutung für den Tourismus hinaus auch einen Wert an sich haben. So erfüllen kulturelle Angebote wie Kulturdenkmäler und Kultureinrichtungen neben der Präsentation von Kunst und Kultur auch gesellschaftliche und wissenschaftliche Aufgaben. Wenn die Kultureinrichtungen auf lange Sicht ihren Stellenwert im kulturellen und wissenschaftlichen Leben erhalten sollen, dürfen diese Aufgaben nicht zu Gunsten des Tourismus vernachlässigt werden. Um für diese unterschiedlichen Interessenlagen auf beiden Seiten Verständnis zu schaffen und Lösungen für gemeinsames, vernetztes Handeln zu finden, ist ein intensiver Dialog auf Augenhöhe notwendig – Kultur und Tourismus müssen sich noch mehr als bisher als Partner verstehen.
 
Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion begrüßt,  
  1. dass die Bundesregierung auf Grundlage des Koalitionsantrages „Kulturwirtschaft als Motor für Wachstum und Beschäftigung stärken“ (Bundestagsdrucksache 16/5110) und der Empfehlungen der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ (Bundestagsdrucksache 16/7000) am 7. Mai 2008 die „Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft“ gestartet hat, mit der Kultur und Kreativität als bedeutende Wirtschafts- und Standortfaktoren anerkannt, hervorgehoben und in ihrer Entwicklung unterstützt werden sollen. Eine florierende Kultur- und Kreativwirtschaft ermöglicht einen starken Kulturtourismus – und von einem starken Kulturtourismus profitiert die
    Kultur- und Kreativwirtschaft.
  2. dass die Bundesregierung Kultureinrichtungen von nationaler Bedeutung fördert, sich an der Restaurierung und Instandsetzung von Bau- und Kulturdenkmälern beteiligt und die Bewahrung und Erneuerung kultureller „Leuchttürme“ unterstützt. Hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die Förderung der Hauptstadtkultur sowie der Kultur in den neuen Bundesländern. Bedeutend für den Kulturtourismus ist zudem die Unterstützung der „Konferenz Nationaler Kultureinrichtungen“ (KNK) durch die Bundesregierung, zu der sich 23 international bedeutende und für Kulturtouristen interessante Museen, Sammlungen und Archive aus den neuen Bundesländern mit dem Ziel zusammen geschlossen haben, gemeinsam kulturelles Erbe zu erhalten und die Bedeutung ihrer historischen Orte und Sammlungen nachhaltig im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern. Darüber hinaus stellt der Bund 2009 insgesamt 26,35 Millionen Euro für die Auslandsvermarktung durch die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) zur Verfügung. Mit diesen Mitteln kann die DZT ihre bisher schon sehr erfolgreiche Werbung u.a. um Kulturtouristen im Ausland weiterentwickeln und das Kulturimage Deutschlands in der Welt stärken.
  3. dass die Bundesregierung für den Erhalt und die Sanierung der deutschen UNESCO-Welterbestätten bis 2013 insgesamt 150 Millionen Euro zur Verfügung stellt und im Rahmen des Leuchtturm-Programmes in den neuen Ländern Welterbestätten institutionell fördert.
 
Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion hält zur weiteren Stärkung des Kulturtourismus in Deutschland folgende Maßnahmen für erforderlich: 
  1. Es sollten Gespräche mit den Ländern und den kommunalen Spitzenverbänden mit dem Ziel aufgenommen werden, sich auf ein gemeinsames Kulturtourismuskonzept zu verständigen. Im Rahmen dieses Konzeptes muss die Vermarktung von Kulturangeboten in den Städten und ländlichen Regionen in gleichem Maße berücksichtigt werden. 

  2. Die von der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ empfohlene Auslobung eines regelmäßigen Wettbewerbs „Kulturregion Deutschland“ ist zu prüfen. Damit soll das besondere Engagement von Städten und Regionen für ein vielfältiges kulturelles Angebot gewürdigt und ein weiteres Engagement gefördert werden.
  3. Der Dialog zwischen den im Rahmen der Initiative „Kultur- und Kreativwirtschaft“ betrachteten Branchen und der Tourismusbranche sollte gefördert sowie Kulturanbieter in Vermarktungsfragen sensibilisiert werden.
  4. Gemeinsam mit Ländern und Kommunen sollen die Bildung von Kulturclustern gefördert und unterstützt werden, in denen die Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft ihre Ressourcen bündeln und so ihre Attraktivität für den Kulturtourismus steigern können. 
  5. Die von der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ empfohlene Schaffung einer Plattform für strategisches kulturtouristisches Marketing von Bund und Ländern unter Einbeziehung der Dachverbände aus Kunst, Kultur und Tourismus ist zu prüfen. Durch eine derartige Plattform könnten die Akteure aus Kultur und Tourismus auf freiwilliger Basis Ziele, Zielgruppe sowie Maßnahmen zur Zielerreichung bestimmen und dabei die touristische Entwicklung ebenso zu berücksichtigen wie die kulturellen Belange. 
  6. Die Kulturhauptstadt RUHR.2010, das Reformationsjubiläum 2017 und die bereits begonnene Luther-Dekade 2008-2017 sollten weiterhin als herausragende Ereignisse des Kultur- und Tourismusstandortes Deutschland vermarktet werden. 
  7. Der Aspekt der Barrierefreiheit sollte bei der Förderung und Vermarktung von kulturtouristischen Angeboten mit einbezogen werden. 
  8. Die Medien im Allgemeinen sowie die Deutsche Welle im Besonderen sollten für die Bedeutung des Kulturtourismus für Deutschland stärker sensibilisiert werden.
  9. Die Vermarktung kulturtouristischer Angebote insbesondere durch die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT), deutsche Kulturinstitute und deutsche diplomatische Vertretungen im Ausland sollte noch intensiver unterstützt werden.
  10. Tourismusanbietern sollten über Aus- und Weiterbildungsangebote noch mehr Informationsmöglichkeiten zur Vermarktung kulturtouristischer Angebote bereitgestellt werden. 
  11. Gemeinsam mit den Vertretungen der Bundesrepublik Deutschland sollten regelmäßig Deutsche Kulturwochen bzw. Kulturjahre im Ausland durchgeführt werden.