Rudolf Henke

Text und Interview


(Quelle: Tobias Koch)
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Henke: „Wir brauchen eine Welle der Vorsicht“

Kurzinterview zu steigenden Infektionszahlen bei Corona

Das Robert Koch-Institut meldet eine leichte, aber stetige Zunahme der Infektionen mit SARS-CoV-2 in Deutschland. Befürchtet wird, dass die Zahlen am Ende der Sommerferien weiter steigen. Dazu drei Fragen an und drei Antworten von Rudolf Henke, den Berichterstatter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Gesundheitsprävention.

Herr Henke, stehen wir am Beginn einer zweiten Welle?

Henke: Seit einigen Wochen ist die tägliche Zahl Neuinfizierter mehr als doppelt so hoch wie zuvor. Die Anzahl der Kreise, in denen in einem Zeitraum von sieben Tagen keine COVID-19-Fälle aufgetreten sind, ist in den vergangenen Wochen permanent zurückgegangen. Am 12. Juli lag sie noch bei 125, inzwischen nur noch bei 70. Das ist sehr beunruhigend. 

Fast alle Bundesländer haben jetzt eine steigende Fallzahl pro 100.000 Einwohner in einer Woche. Eine neue epidemische Welle, wie wir sie im März mit exponentiell steigenden Fallzahlen und mehr als 6.000 Neumeldungen pro Tag erlebt haben, haben wir nicht. Aber bundesweit gibt es einige größere und viele kleinere Ausbruchgeschehen in verschiedenen Landkreisen, die mit Situationen in Zusammenhang stehen, in denen Menschen dicht gedrängt beieinander sind – etwa bei größeren Feiern im Familien- und Freundeskreis, Freizeitaktivitäten, an Arbeitsplätzen, aber auch in Gemeinschafts- und Gesundheitseinrichtungen. Hinzu kommen zunehmend Fälle unter Reiserückkehrern. Deshalb brauchen wir dringend eine neue gesellschaftliche Welle der Vorsicht und Rücksicht.

„Sehnsucht nach Normalität ist gefährlich“

Wovon gehen die größten Gefahren aus? Sind es eher die Reiserückkehrer oder die sogenannten Superspreading-Events?

Henke: Grundsätzlich gehen von Personen, die aus internationalen Risikogebieten nach Deutschland zurückkehren, Gefahren der Übertragung aus. Deshalb gilt für sie eine 14-tägige Quarantäne-Pflicht. Durch konsequente Prävention und frühzeitige Identifikation können Übertragungen und Folgefälle verhindert werden. Mit diesem Ziel werden für Reiserückkehrer kostenlose Tests auf SARS-CoV-2 angeboten. Für Rückkehrer aus Risikogebieten werden diese in den kommenden Tagen verpflichtend. 

Absolut gesehen ist die Zahl der eingeschleppten Infekte bisher allerdings noch relativ gering. Tatsächlich bereitet mir die Entwicklung im Inland im Moment die größeren Sorgen. Da infizieren sich dann zum Beispiel bei einer Hochzeit im Kreis Wesel insgesamt 61 von 111 Personen. Nach meiner Einschätzung liegt die größte Gefahr aktuell in der verständlichen Sehnsucht nach sommerlicher Normalität und Geselligkeit. Wir alle sind COVID-19 leid. Das Virus ist aber kein Verhandlungspartner. Wenn wir aufhören, aufmerksam und sorgfältig zu sein, dann nutzt das Virus seine Chance. Und von Überdruss zu Nachlässigkeit ist es nur ein kleiner Schritt.

„Höhere Bußgelder unumgänglich“

Was können wir tun, um den Trend wieder umzukehren?

Henke: Das Wichtigste ist und bleibt die AHA-Formel, die das Bundesgesundheitsministerium derzeit auch mit einer Plakatkampagne bewirbt: Abstand wahren, auf Hygiene achten und Alltagsmaske tragen, wo Abstand nicht möglich ist. Wenn die Maske dann nicht Mund und Nase bedeckt, nützt sie übrigens nichts. 

Der Beitrag, den jede und jeder Einzelne von uns mit einem disziplinierten Alltagsverhalten leisten kann, ist wesentlich größer als alle politischen Maßnahmen. Politisch kommen wir allerdings nicht daran vorbei, schneller höhere Bußgelder zu verhängen. Sonst wirkt es so, als nähmen wir die Regeln auch nicht richtig ernst. Außerdem dürfen sich negativ Getestete nicht in falscher Sicherheit wiegen und so zu unentdeckten Infizierten werden.
 

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