Text und Interview


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Ängste nehmen und Schmerzen lindern

Jens Spahn über den Sinn von Hospizen und Palliativmedizin

Schwerstkranke Menschen sollen in ihrer letzten Lebensphase nicht alleine gelassen werden. Die Koalition plant daher den Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland. Ein entsprechendes Gesetz beriet der Bundestag jetzt in erster Lesung. Über die Einzelheiten haben wir mit Jens Spahn gesprochen.

 
Herr Spahn, in einer alternden Gesellschaft gewinnt die Hilfe für Menschen in ihrer letzten Lebensphase an Bedeutung. Was hat man unter Sterbebegleitung konkret zu verstehen?
 
Spahn: Viele Menschen haben vor dem Sterbeprozess mindestens so viele Angst wie vor dem Tod selbst. Sie fürchten Einsamkeit, qualvolle Schmerzen oder Atemnot. Sie sollen sich aber darauf verlassen können, im Sterben nicht alleine zu sein. Das meint Sterbebegleitung. Menschen, die in Pflegeheimen, in Krankenhäusern oder in Hospizen auf Hilfe angewiesen sind, sollten die Gewissheit haben, dass sie in ihren letzten Stunden begleitet werden. Und zwar so, wie sie sich es wünschen. Dabei geht es vor allem darum, Ängste zu nehmen, Schmerzen zu lindern oder auch um den Umgang mit Angehörigen. 
 
Welche Maßnahmen plant der Gesetzgeber im Einzelnen?
 
Spahn: Es gibt schon heute viele gute Angebote, die leider noch zu wenig bekannt sind. Deshalb werden wir mit dem Gesetz dafür sorgen, dass künftig mehr Transparenz herrscht und gezielt über Angebote in der Hospiz- und Palliativversorgung informiert wird. 
Darüber hinaus muss die Palliativkultur Teil der Krankenhausversorgung und der stationären Pflegeeinrichtungen werden. Viele Menschen wollen das Ende ihres Lebens bewusst, aber schmerzfrei erleben, etwa um sich verabschieden zu können. Das sollte überall möglich sein. Übrigens gilt das auch für die allgemeine und spezialisierte Palliativversorgung. Zu oft gibt es hier noch Unklarheiten bei den Verträgen. Deshalb führen wir Schiedsstellen ein und lassen gemeinsame Verträge von allgemeiner und spezialisierter Palliativversorgung zu. 
 
Eine flächendeckende palliativmedizinische Versorgung ist nicht umsonst zu haben. Was kostet der Ausbau? Wohin fließt das Geld genau?
 
Spahn: Natürlich ist der Ausbau nicht kostenlos zu haben. Die allerletzte Lebensphase menschenwürdig zu gestalten muss uns auch etwas wert sein. Ich gehe von einem unteren bis mittleren dreistelligen Millionenbetrag aus, der insbesondere in die Hospize, die ambulante Palliativversorgungen, für Pflegeheime und Ärzte fließen wird. Es geht um 200 bis 400 Millionen Euro.
 
Auch Kinder können unter tödlichen Krankheiten leiden und brauchen dann professionelle Begleitung. Was ist hier geplant? 
 
Spahn: Alle geplanten Verbesserungen gelten auch für Kinder. Klar ist aber auch: Kinderhospize brauchen eine andere Art von Unterstützung als die gewöhnlichen Hospize. Sie müssen sich auch um die Eltern  und Geschwister kümmern und diese für die Zeit, in denen ein Kind versorgt wird, unterbringen und begleiten. Deshalb eröffnen wir die Möglichkeit eigener Rahmenvereinbarungen für Kinderhospize, die sich in ihren Leistungen von denen für Erwachsene unterscheiden. 
Wir brauchen auch eine bessere öffentliche Wahrnehmung der Arbeit in Kinderhospizen, leider ist der Tod von Kindern in weiten Teilen ein Tabuthema. Das müssen wir gemeinsam ändern. 
 
Der Ausbau der Palliativmedizin ist auch in Zusammenhang mit dem geplanten Verbot geschäftsmäßiger Sterbehilfe zu sehen. Kann man schwerstkranken Menschen, die sich mit Selbstmordgedanken tragen, mit Sterbebegleitung wirklich helfen?
 
Spahn: Davon bin ich überzeugt. Denn es geht doch häufig um die Angst, mit Schmerzen, also qualvoll und unwürdig aus dem Leben zu scheiden. Genau dabei hilft aber die Hospiz- und Palliativversorgung. Indem sie den Menschen Schmerzen nimmt, wird ihre Würde bis zuletzt erhalten. Gerade darum ist es so wichtig, diesen Bereich zu stärken. Denn der Wunsch nach Sterbehilfe entsteht nicht selten genau aus dieser Angst.
 

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