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Quelle: unsplash.com
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Faktencheck | Corona-Impfstoff

Auf der Suche nach einem Schutz vor COVID-19

Im Kampf gegen die neuartige Viruserkrankung COVID-19 gibt es Hoffnung: Die ersten Impfstoffe gegen Corona (SARS-CoV-2) stehen kurz vor der Zulassung in der Europäischen Union. In Deutschland laufen die Vorbereitungen für Impfungen im großen Stil - ohne eine Impfpflicht. Alles Wissenswerte hier im Check.

Wie ist der Stand der Forschung an Impfstoffen gegen COVID-19?

Nach Angaben der WHO (Stand: Anfang Dezember) werden weltweit über 200 Impfstoffe gegen das Coronavirus (SARS-CoV-2) entwickelt, von denen sich zahlreiche schon in fortgeschrittenen klinischen Studien befinden. Allein in Deutschland forschen nach Angaben des Verbandes Die forschenden Pharma-Unternehmen 13 Firmen an einem Impfstoff, weitere zehn Unternehmen und Forschungsinstitute unterstützen sie dabei. 

Auf der Liste deutscher Institute und Unternehmen, die einen Impfstoff entwickeln, finden sich die Firmen BioNTech und CureVac sowie das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung gemeinsam mit der Firma IDT

Als weltweit erstes Unternehmen legte BioNTech, das mit dem amerikanischen Pharmakonzern Pfizer zusammenarbeitet, am 9. November ein positives Zwischenergebnis seiner klinischen Studien vor. Nach Angaben von BioNTech könnten – vorbehaltlich einer Zulassung – die ersten Impfdosen bereits Ende 2020 an die Europäische Union geliefert werden. 

Im Rennen um einen Impfstoff sind auch der US-Konzern Moderna sowie das britisch-schwedische Unternehmen AstraZeneca.

Das Bundesforschungsministerium fördert die Entwicklung von Impfstoffen gegen COVID-19. So erhält BioNTech im Rahmen eines Sonderprogramms bis zu 375 Millionen Euro vom Bund.
 

Wie wirksam ist ein Impfstoff?

BioNTech und Pfizer geben an, dass ihr Boten-RNA-Impfstoff einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus bietet. Um wirksam zu sein, muss die Impfung in zwei Dosen verabreicht werden – mit einem Abstand von drei Wochen. Der ebenfalls genbasierte Impfstoff von Moderna soll eine Wirksamkeit von fast 95 Prozent haben.

Da das Immunsystem von Älteren oft schwächer ist, könnte es allerdings sein, dass der Impfstoff bei ihnen schlechter wirkt. Unbeantwortet bleibt die Frage, ob Menschen nach einer Impfung das Virus weitertragen können. Auch ist es unwahrscheinlich, dass eine Impfung lebenslang wirkt. Stattdessen wird damit gerechnet, dass die Schutzimpfung regelmäßig zu wiederholen ist. 
 

Wie lange dauert die Entwicklung eines Impfstoffes normalerweise?

Normalerweise dauert es sehr lange, einen wirksamen Impfstoff zu entwickeln. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) – Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel und damit in Deutschland für Impfstoffe zuständig – hält 15 Jahre im Regelfall für realistisch. Allerdings gibt es auch Fälle, in denen es schneller ging. So dauerte beispielsweise die Entwicklung des Ebola-Impfstoffes nur vier bis fünf Jahre, weil viele Schritte komprimiert wurden.

Bei SARS-CoV-2 konnte die Entwicklung beschleunigt werden. Die Forschung profitierte davon, dass schon viel Vorarbeit geleistet wurde: So wurde bereits an Impfstoffen gegen die verwandten Viren SARS und MERS geforscht, die sich Anfang des Jahrtausends ausbreiteten. Gen-Abschnitte des neuartigen Coronavirus können in die seitdem vorhandenen Impfstoffe eingeschleust werden.
 
 

Wie funktioniert die Zulassung?

Nach der Entwicklung des Impfstoffes muss er getestet werden, zunächst an Zellen, dann an Mäusen und zuletzt in sogenannten klinischen Studien an Menschen. In den Phasen II und III der klinischen Studien werden erst hunderte, dann mehrere tausend, wenn nicht gar zehntausende Probanden mit dem neuen Impfstoff geimpft. Auf diese Weise findet man heraus, ob der Impfstoff überhaupt wirksam ist und welche Nebenwirkungen auftreten können. Sobald Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffes gewährleistet sind, kann er zugelassen werden. 

In der Pandemie gibt es ein beschleunigtes Zulassungsverfahren bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMA. Noch während der Phase klinischer Studien können Pharmafirmen ihre Impfstoffkandidaten in einer Art Vorverfahren zur Zulassung bei der EMA anmelden. Dazu werden Daten fortlaufend eingereicht und bewertet. Der Ethikrat weist darauf hin, dass in diesem Verfahren nicht weniger Daten als üblich eingereicht werden müssen. Eine vorläufige Zulassung werde es nicht geben. 

Im Falle von COVID-19 wird damit gerechnet, dass die EMA den Impfstoff von BioNTech und Pfizer bereits am 29. Dezember zulässt, wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind. Großbritannien hat ihn als erstes Land bereits zugelassen und am 8. Dezember 2020 mit den Impfungen begonnen. 

Während der Testphase haben die betreffenden Pharmafirmen auf eigenes Risiko Impfdosen vorproduziert, so dass unmittelbar nach der Zulassung mit den Impfungen begonnen werden kann. Doch bevor Impfstoffe in großem Maßstab verfügbar sind, müssen riesige Produktionskapazitäten geschaffen werden. Auch das nimmt Zeit in Anspruch. Vor dem Sommer ist nicht mit umfänglichen Impfungen zu rechnen. 
 

Was bedeutet Herdenimmunität?

Nur eine Impfung kann vor einer Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus schützen. Wenn ein hoher Prozentsatz einer Bevölkerung geimpft ist, kommt die Ausbreitung des Virus zum Erliegen, weil es keinen Wirt mehr findet. Man spricht dann von Herdenimmunität. Die Bundesregierung geht davon aus, dass die Schwelle im Fall von Corona bei 55 bis 65 Prozent der Bevölkerung liegt. Das heißt, wenn 65 Prozent der Menschen immun gegen COVID-19 sind, dann ist auch der Rest der Bevölkerung geschützt. 

Eine Herdenimmunität kann auch dann erreicht werden, wenn ein Großteil der Menschen die Krankheit durchlitten hat und auf diesem Wege dagegen immun geworden ist. Diesem Risiko sollten jedoch Ältere und Personen mit Vorerkrankungen nicht ausgesetzt werden – zumal es noch kein Medikament gegen das Coronavirus gibt.

Im Falle von COVID-19 ist außerdem noch nicht bekannt, ob eine überstandene Erkrankung vor einer weiteren Ansteckung schützt oder wie lange der Immuneffekt anhält. Ebenfalls noch nicht ausreichend erforscht ist, ob und wie schnell das Coronavirus mutiert. Es zeichnet sich aber ab, dass SARS-CoV-2 im Vergleich zum Influenzavirus relativ stabil ist. Somit würde ein Impfstoff nicht so schnell seine Wirkung verlieren. 
 
 

Wird es eine Impfpflicht gegen das Coronavirus geben?

Nein, die Impfung wird freiwillig sein. Es handelt sich laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn um ein Impfangebot. Bundesforschungsministerin Anja Karliczek setzt auf Aufklärung über Wirksamkeit und Risiken, um die Impfbereitschaft zu erhöhen. Informationen können den Menschen helfen, eine selbstbestimmte Impfentscheidung zu treffen.

Angesichts der Beschränkungen im öffentlichen Leben infolge der Pandemie, aber auch angesichts schwerer Verläufe bei COVID-19-Erkrankungen ist davon auszugehen, dass sich viele Menschen freiwillig impfen lassen, sobald ein Impfstoff vorhanden ist. Die Akademie der Wissenschaften Leopoldina schätzt, dass die Impfbereitschaft in der Bevölkerung bei unter 60 Prozent liegt. Zögern lässt die Menschen vermutlich die Tatsache, dass es keine Erfahrungen mit den langfristigen Auswirkungen von genbasierten Impfstoffen gibt.  

Grundsätzlich sind Impfungen in Deutschland nicht vorgeschrieben. Es können aber Vorkehrungen gegen die Ausbreitung einer gefährlichen Krankheit getroffen werden, etwa Quarantäne-Maßnahmen für Infizierte und Menschen, die mit ihnen in Kontakt standen. Das sieht das Infektionsschutzgesetz vor. 
 
 

Wie sieht die Impfstrategie aus?

Ein Impfstoff wird nicht von Anfang an flächendeckend zur Verfügung stehen. Daher muss es entschieden werden, wer zuerst geimpft wird. Dieses Verfahren wird Priorisierung genannt.
Nach einem gemeinsamen Vorschlag der Ständigen Impfkommission (Stiko), dem Robert-Koch-Institut (RKI), dem Deutschen Ethikrat und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina sollen zunächst ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen geimpft werden, dann Mitarbeiter in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Außerdem sollen Menschen in gesellschaftlichen Schlüsselstellungen wie Mitarbeiter von Gesundheitsämtern, Polizisten, Lehrer oder Feuerwehrleute bevorzugt Impfungen erhalten. 

Anfang Dezember hat die Stiko eine erste konkrete, aber immer noch vorläufige Empfehlung vorgelegt. Danach sollen zu der ersten Gruppe, die Anfang Januar geimpft werden könnte, Bewohner von Senioren- und Pflegeheimen, alle Menschen über 80, Personal in Notaufnahmen, in der medizinischen Betreuung von COVID-19-Patienten und mit engem Kontakt zu vulnerablen Gruppen wie Krebspatienten gehören. Des Weiteren kommen Pfleger und Pflegerinnen in der ambulanten und stationären Altenpflege sowie andere Mitarbeiter in Senioren- und Altenpflegeheimen in Betracht. Alles in allem handelt es sich um 8,6 Millionen Menschen.  

Die Priorisierung wird voraussichtlich per Verordnung des Gesundheitsministeriums festgelegt. Sie soll bis Ende des Monats stehen. 
 
 
 

Gibt es genügend Impfstoff?

Um schnell auf den Markt zu kommen, lassen verschiedene forschende Pharma-Unternehmen, darunter auch BioNTech, ihren Impfstoffkandidaten auf eigene Kosten und eigenes Risiko vorproduzieren, obwohl sie noch nicht zugelassen sind. Auch wenn die Produktion sofort nach der Zulassung hochgefahren wird, wird der Impfstoff anfangs knapp sein.

Mit Vorverträgen sichern sich Staaten Lieferungen der zugelassenen Impfstoffe. Im Auftrag der 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union hat die EU-Kommission solche Vorverträge mit Pharmafirmen geschlossen. Dank ihrer Marktmacht kann sie sich im Wettbewerb mit anderen Staaten besser behaupten als die Einzelstaaten. Auch kann sie unter Umständen günstigere Konditionen aushandeln.

Mit BioNTech hat die EU am 11. November eine Liefervereinbarung über 300 Millionen Dosen unter Dach und Fach gebracht. Der Vertrag sieht den Kauf von zunächst 200 Millionen Impfstoffdosen vor sowie die Option auf weitere 100 Millionen Dosen.

Die EU-Kommission hat außerdem bereits mit weiteren Pharma-Konzernen Liefervereinbarungen über fast zwei Milliarden Corona-Impfdosen unterschrieben, davon Hunderte Millionen als Option. Bei den Unternehmen handelt es sich um AstraZeneca, Sanofi/GlaxoSmithKline, Johnson & Johnson, Moderna sowie CureVac aus Tübingen.

Um die verfügbaren Impfdosen sinnvoll zu verteilen, wird eine Impfstrategie ausgearbeitet. Sie legt fest, welche gesellschaftlichen Gruppen zuerst geimpft werden (s.o.). Mit einer flächendeckenden Versorgung rechnet die Bundesregierung frühestens ab Sommer 2021. 
 
 

Wie wird der Impfstoff verteilt?

Von den Impfdosen, die in die Europäische Union geliefert werden, erhält Deutschland gemäß seines Bevölkerungsanteils 19 Prozent. Insgesamt sind für Deutschland über den EU-weiten Schlüssel und über nationale Vereinbarungen bisher 300 Millionen Impfdosen gesichert. 

Innerhalb Deutschlands soll der Impfstoff auf rund 60 Standorte verteilt werden, in denen die Menschen zentral geimpft werden können. Mobile Impftrupps sollen die Patienten in Krankenhäusern und Pflegeheimen impfen. Die Impfzentren – etwa Messehallen oder Sportarenen - sollen bis Mitte Dezember stehen. Pro Zentrum sollen mindestens 1.000 Menschen am Tag geimpft werden können. 

Der Aufbau der Zentren ist deshalb bedeutsam, weil Transport und Lagerung des Impfstoffs eine Herausforderung sein werden. Denn zumindest der genbasierte Impfstoff von BioNTech/Pfizer muss bei einer Temperatur von minus 70 Grad gelagert werden. Er soll von den Firmen selbst oder von der Bundeswehr zu den 60 Standorten gebracht werden. 

Während der Bund die Impfstoffe beschafft und finanziert, kümmern sich die Länder um die Einrichtung der Impfzentren und das nötige Zubehör. Darauf haben sich beide Seiten Anfang November geeinigt. Im Haushalt des Bundes für 2021 sind für die Impfstoffe rund 2,7 Milliarden Euro reserviert. 
 

Wie läuft die Impfung ab?

Die Länder arbeiten für die Impfzentren eigene Konzepte aus. Darin ist geregelt, wie die An- und Abfahrt laufen soll oder wie die Räume gestaltet werden müssen. Damit sich keine Warteschlangen bilden, wird erwogen, Termine vorab online oder per Telefon zu vergeben. Damit sich die Menschen auch in den Zentren nicht zu nahe kommen, sollen Einbahnstraßen angelegt werden. Über sie würden die Patienten von der Anmeldung über den Wartebereich bis zum Arztgespräch und die eigentliche Impfung geschleust. Auch für eine anschließende Ruhephase muss es Platz geben.

Woher kommt das Geld für die Forschung?

Das Geld für Forschung und Entwicklung von Impfstoffen kommt von Staaten, aber auch von privaten Stiftungen wie der Bill-and-Melinda-Gates-Stiftung. 

Für die Entwicklung eines Impfstoffs gegen SARS-CoV-2 stellt der Bund 145 Millionen Euro bereit. Deutschland fördert nach Angaben des Bundesforschungsministeriums auch die internationale Impfstoff-Initiative CEPI (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations) – und zwar seit ihrer Gründung 2017 mit insgesamt 90 Millionen Euro und hat außerdem ein Sonderprogramm zur Erforschung eines Impfstoffes gegen Corona mit einem Volumen von bis zu 750 Millionen Euro aufgelegt. Ziel des Programms ist es, klinische Prüfungen zu fördern, Studienkapazitäten auszubauen und die Produktionskapazitäten für die zu prüfenden Impfstoffkandidaten zu erhöhen. 

CEPI ist eine öffentlich-private Partnerschaft, in der sowohl staatliche Förderer als auch Stiftungen, Forschungseinrichtungen und Pharma-Unternehmen zusammenarbeiten. Neben Deutschland gehören unter anderem Norwegen, Japan, Kanada und Australien sowie die Bill-and-Melinda-Gates-Stiftung und der Wellcome-Trust zu den Financiers. In die von CEPI initiierten Entwicklungsprojekte ist auch das deutsche biopharmazeutische Unternehmen CureVac eingebunden. 
 

Wird ein Immunitätsnachweis eingeführt?

Ein Immunitätsausweis ist bislang nicht vorgesehen. Eine entsprechende Passage im Infektionsschutzgesetz, die das ermöglicht hätte, wurde gestrichen. Stattdessen gab Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Mai beim Ethikrat eine Stellungnahme in Auftrag. 

Der Ethikrat sprach sich am 22. September einstimmig gegen die Einführung eines Immunitätsnachweises zum jetzigen Zeitpunkt aus. Er begründete dies mit „erheblichen Unsicherheiten“ darüber, ob ein Mensch nach einer überstandenen Infektion mit dem Coronavirus tatsächlich dauerhaft immun sei. Auch äußerte er Zweifel an der Aussagekraft von Antikörpertests. 
Geteilter Meinung hinsichtlich eines Ausweises war der Ethikrat jedoch für den Fall, dass eine Immunität gegen SARS-CoV-2 künftig verlässlich nachweisbar sein sollte. Die eine Hälfte sieht die Einführung einer Immunitätsbescheinigung in bestimmten Bereichen als sinnvoll an - beispielsweise für Menschen in Altenheimen, Angehörige von Pflegebedürftigen oder bestimmte Berufsgruppen wie Pfleger oder Polizisten. Andere lehnen eine solche Bescheinigung aus praktischen, ethischen und rechtlichen Gründen grundsätzlich ab. Auch auf möglichen Missbrauch weisen sie hin, etwa wenn Menschen sich bewusst ansteckten, um immun zu werden.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Karin Maag, nannte das Vorgehen des Ethikrats richtig, vor allem die Empfehlung „den Stand der Wissenschaft und die Möglichkeiten zur Testung in die Entscheidung mit einzubeziehen“. Dass es den Experten nicht leichtgefallen sei, einen Konsens zu finden, zeige einmal mehr, wie wichtig der andauernde Diskurs sei. Auch aus ihrer Sicht verbietet sich eine Immunitätsbescheinigung, solange eine Immunität gegen COVID-19 noch nicht sicher nachgewiesen werden kann.