Verstünden wir die neuen Medien als Einbahnstraße, würden wir etwas falsch machen, stellt Peter Altmaier in einem Interview mit der Sächsischen Zeitung klar. Statt Kommunikation von der Politk an den Bürger entsteht bei Twitter ein echter Dialog, der auf Grund der Beschränkung auf 140 Zeichen gedanklich präzise und klar geführt werden muss.
Sächsische Zeitung: Herr Altmaier, schön, dass Sie Zeit für uns haben…
(das Handy klingelt, der Anrufer äußert die Hoffnung, mit Altmaier auch „offline“ in Kontakt treten zu können) Ich habe jetzt keine Zeit, ich spreche mit der „Sächsischen Zeitung“ über Netzpolitik…
Sächsische Zeitung: Schön, dass Sie Zeit für uns haben. Man könnte wie Ihr Anrufer den Eindruck bekommen, Sie kommunizieren nur noch über den Internetdienst Twitter.
Peter Altmaier: Nein, das ist ein falscher Eindruck. Ich versuche, die mir bei Twitter gestellten Fragen zu beantworten und diese Dialogform zu nutzen, aber das geschieht vor allem auf Flughäfen beim Warten, in Pausen und abends nach Feierabend. 95 bis 98 Prozent meiner Zeit verbringe ich nach wie vor traditionell mit Politik.
Sächsische Zeitung: Was machen Sie da eigentlich bei Twitter?
Altmaier: Bis vor kurzem gehörte ich auch zu denen, die von Twitter gehört hatten, die aber keine Vorstellung hatten, wie es funktioniert, und keine Idee von den Auswirkungen, die dieses Medium hat. Sie müssen sich Twitter vorstellen wie SMS, aber nicht nur an eine Person, sondern an viele Hundert oder Tausende gleichzeitig.
Sächsische Zeitung: Während wir dieses Gespräch führen, „folgen“ 2461 Menschen dem 140-Zeichen-Gezwitscher, den Tweets, die Sie ins Internet schicken.
Altmaier: Genau. Das sind die, die sich in den ersten dreieinhalb Wochen meiner Twitter-Karriere entschieden haben, mir zu folgen, und die sich auch entscheiden können, mir nicht mehr zu folgen (Düdelü – ein Signalton von Altmaiers Handy zeigt an, dass ein neuer Tweet eingegangen ist). Und wenn einem meiner „Follower“ eine meiner Nachrichten gefällt oder er sie interessant findet, dann kann er sie wiederum an seine Follower weiterschicken, „retweeten“. So können in kürzester Zeit Zehntausende oder sogar Hunderttausende Menschen erreicht werden.
Sächsische Zeitung: Ein Beispiel?
Altmaier: Vor Kurzem habe ich in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ einen Gastbeitrag über Netzpolitik veröffentlicht. Mein Hinweis auf diesen Artikel wurde von einigen hundert Followern retweetet, Zehntausende haben das Stück schließlich im Internet gelesen, die mit der papiernen Zeitung sonst wahrscheinlich nicht in Berührung gekommen wären.
Sächsische Zeitung: Ist Twittern für Sie nur eine neue Methode der Kommunikation, oder ist „da draußen im Netz“ etwas ganz Neues unterwegs?
Altmaier: Ich sehe mich immer noch als Lernender (Altmaier liest einen Tweet). Aber ich glaube, wir würden etwas falsch machen, wenn wir die neuen Medien nur als Einbahnstraße der Kommunikation von der Politik an die Bürger verstehen würden. Hier ist zum ersten Mal ein Dialog mit Zehntausenden von Menschen möglich. Mir werden Fragen gestellt zum Euro, zum sogenannten Staatstrojaner oder zur Umweltpolitik. Ich versuche, diese Fragen zu beantworten, und plötzlich beteiligen sich Dutzende, ja Hunderte von Menschen und erreichen damit Tausende andere. Das ist eine Form der Kommunikation, die es bisher so nicht gab. Umgekehrt kann ich Fragen stellen, auf die ich in kürzester Zeit Hunderte Antworten erhalte. Daraus hat sich ein echter Dialog entwickelt. Ich habe jetzt neben meinem realen saarländischen Wahlkreis noch einen virtuellen Wahlkreis.
Sächsische Zeitung: Und das geht alles in 140 Zeichen?
Altmaier: Ein Dialog beschränkt sich ja nicht auf eine einzelne Botschaft, einen einzelnen Tweet. 140 Zeichen zwingen aber zur gedanklichen Präzision und zur Klarheit. Im Übrigen: Ein sogenannter „O-Ton“, der bei ARD oder ZDF gesendet wird, ist in der Regel auch nicht länger als 140 Zeichen.
Sächsische Zeitung: Verändern die neuen Medien nur die Kommunikation, oder verändern sie die Politik?
Altmaier: Wir reden nicht nur über Twitter, sondern über neue Möglichkeiten, die das Netz bietet, insgesamt. Und da glaube ich tatsächlich, dass da ein revolutionärer Prozess in Gang kommt, weil sich Menschen aus Pirna oder Zwickau aktiv an politischen Debatten beteiligen können, die in Berlin oder New York geführt werden (Düdelü – ein Tweet geht ein). Das war früher in dieser Form nicht möglich. Dadurch verändern sich traditionelle Strukturen, politische Parteien verlieren an Bedeutung, weil sie nicht rechtzeitig die Veränderung begriffen haben, mächtige Bewegungen wie „Occupy Wall Street“ entstehen.
Sächsische Zeitung: Oder die Piratenpartei…
Altmaier: Die Piraten haben es in kürzester Zeit ohne nennenswerte finanzielle Mittel geschafft, in Umfragen auf acht bis zehn Prozent zu kommen. Das zeigt, dass sich mit viel geringerem Aufwand viel mehr erreichen lässt als früher. Das ist demokratisch, weil über Erfolg weder Reichtum noch Stellung entscheiden, sondern ob man einen klugen Gedanken zu bieten hat. Bei Facebook oder Twitter finden Sie Direktoren, Journalisten, Hausfrauen, Studenten und Hartz-IV-Empfänger.
Sächsische Zeitung: Haben die Piraten kluge Gedanken zu bieten?
Altmaier: Die Piraten haben das Internet nicht erfunden, sie sind aber seine Kinder. Sie haben auf die meisten Fragen noch keine Antworten, sie haben aber die richtigen Fragen gestellt. Dadurch haben sie überproportionale Aufmerksamkeit gefunden. Der Wahlerfolg der Piraten hat dazu geführt, dass die Aufmerksamkeit für Netzpolitik bei den „etablierten“ Parteien größer geworden ist (Düdelü – ein Tweet geht ein). Diese Chance müssen wir nutzen, um uns mit den Veränderungen zu beschäftigen. Das beginnt bei der Frage der flächendeckenden Versorgung mit schnellen Internetverbindungen – beispielsweise auf dem sächsischen Land. Es geht um die Frage, wie hoch das Rechtsgut Internetanschluss einzuschätzen ist.
Sächsische Zeitung: Wie hoch?
Altmaier: Das Internet hat in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Kaum eine andere Infrastruktur ist so wichtig. Es geht um Kommunikation, Teilhabe an Entscheidungsprozessen, Zugang zu Wissen und natürlich auch um die Möglichkeit, Waren zu kaufen oder zu verkaufen. Der Zugang zum Internet hat einen Stellenwert fast so hoch wie die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln.
Sächsische Zeitung: Hat die CDU die Entwicklung verschlafen?
Altmaier: Der Vorwurf, sich zu spät und nicht ausführlich mit dem Thema beschäftigt zu haben, trifft alle Parteien gleichermaßen. Aber es ist ja auch so, dass die Entwicklung ständig weitergeht. Ich habe heute mit meinem Handy ständig Zugriff auf all die Möglichkeiten des Internets. Davon haben wir vor drei Jahren kaum zu träumen gewagt.
Sächsische Zeitung: Was ist mit den Bürgern (Altmaier liest einen Tweet), die nicht über Twitter kommunizieren? Werden die jetzt abgekoppelt?
Altmaier: Natürlich nicht. Selbstverständlich gibt es kein Entweder-Oder. Die traditionellen Formen der Wähleransprache gehen weiter. Am Wochenende bin ich im Wahlkreis unterwegs, gehe auf Marktplätze und in die Wirtshäuser und rede mit meinen Wählerinnen und Wählern.
Sächsische Zeitung: Da müssen Sie aber Ihr Smartphone ausschalten.
Altmaier: Ja, natürlich. Ich bin neulich schon als unhöflich kritisiert worden, weil ich nebenbei auf das Ding geguckt habe.
Sächsische Zeitung: Was twittern Sie über unser Gespräch?
Altmaier: „Übrigens heute spannendes Interview gemacht mit der Sächsischen Zeitung über Internet und Politik. Das Interesse der Öffentlichkeit wächst.“
Sächsische Zeitung: Wir werden das retweeten.