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13.10.2009

Wolfgang Bosbach

Integration ist eine Herausforderung für beide Seiten

Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger




Es gibt in Deutschland Integrationsdefizite - aber auch millionenfache Beispiele für hervorragend gelungene Integration, meint Wolfgang Bosbach im Kölner Stadt-Anzeiger nach dem Sarrazin-Interview. Hauptprobleme seien das Beherrschen der deutschen Sprache schon im Kindesalter und schulischer Erfolg als Voraussetzung für Ausbildungsfähigkeit. Ein eigenes Integrationsministerium auf Bundesebene sieht Bosbach nicht: „Vieles in diesem Bereich ist zunächst Aufgabe der Länder und Kommunen“.


Frage: Herr Bosbach, Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin hat viele mit seinen Ausländer-Aussagen schockiert. Sie auch?
 
Bosbach: Jein. Herr Sarrazin neigt zwar generell zu drastischen Formulierungen, aber wie man derart undifferenziert ein wichtiges und ernstes Thema ansprechen kann, verstehe ich nicht. Ich finde in dem ganzen Interview keinen einzigen vernünftigen Vorschlag, um Integrationsprobleme dauerhaft zu lösen.
 
Frage: Manche sagen ja, er will gar keine Probleme lösen, weil er ein verkappter Rechtsextremist ist.
 
Bosbach: Diesen Vorwurf halte ich für sehr weit hergeholt. Aber seine total einseitige Sicht der Dinge wird der Lebenswirklichkeit nicht gerecht. Sicherlich gibt es in Deutschland Integrationsdefizite und auch stramme Integrationsverweigerung. Aber es gibt auch millionenfache Beispiele für hervorragend gelungene Integration. Das verschweigt Herr Sarrazin ganz bewusst.
 
Frage: Die Union hat zuletzt einen Integrationsgipfel initiiert. Hat das die Lage verbessert?
 
Bosbach: Ja, eindeutig. Es gab beim Thema Zuwanderung zwei fundamenta­le Fehleinschätzungen. Die erste wird durch das Wort „Gastarbeiter" dokumentiert. Wir haben geglaubt: Sie kommen, sie arbeiten, sie gehen. Tatsache war: Sie kamen, sie arbeiteten und sie blieben. Zweitens haben wir gedacht, in der zweiten und dritten Generation vollziehe sich Integration von selbst. Das ist falsch. Insofern war der Integrationsgipfel als gesellschaftspolitisches Signal wichtig. Wir müssen Zuwanderer und Aufnahmegesellschaft stärker mit dem Thema beschäftigen und konkrete Maßnahmen ergreifen. Die bundesweiten Sprach- und Integrationskurse sind ein gutes Beispiel.
 
Frage: Wo sind die Hauptdefizite?
 
Bosbach: Beim Beherrschen der deutschen Sprache schon im Kindesalter. Das muss zu Hause beginnen. Da die Mutter in der Regel mehr Zeit mit dem Kind verbringt als der Vater, ist es wichtig, dass auch Mama mit den Kindern Deutsch spricht. Zudem müssen wir auch für den Besuch des Kindergartens werben. Die Zuwanderer bringen jedoch auch Kompetenzen mit, zum Beispiel sprachliche oder kulturelle, die wir mehr nutzen müssen. Insbesondere exportorientierte Unternehmen müssen lernen, diese wichtigen Talente zu schätzen. Der Anteil der ausländischen Arbeitslosen ist doppelt so hoch wie ihr Anteil an der Bevölkerung, der Anteil der ausländischen Sozialhilfeempfänger ist dreimal so hoch. Das darf nicht so bleiben.
 
Frage: Spielen da nicht auch Vorurteile auf Arbeitgeberseite eine Rolle?
 
Bosbach: Mag sein. Allerdings erwarten die Betriebe zu Recht Ausbildungsfähigkeit der jungen Leute. Deswegen ist der schulische Erfolg eine so wichtige Voraussetzung. Wenn junge Leute das Gefühl haben, dass sie nicht gewollt und nicht gebraucht werden, dann lassen sie sich oft hängen. Deshalb muss man ihnen eine Chance geben. Im Übrigen sollte man sich erinnern, dass wir in den 50er und 60er Jahren bewusst Arbeitnehmer für schwere körperliche Arbeit angeworben haben. Sie kommen oft aus bildungsfernen Schichten. Es ist ein mühsamer Prozess, in diesen Familien Interesse für Bildung und Wissen zu verankern.
 
Frage: Trotzdem: Als Nationalspieler finden wir Mesut Özil gut, als Lehrstellenbewerber nicht.
 
Bosbach: Millionen jubeln den Özils und den Boatengs zu, zugleich wird oft unterstellt: Alle, die zu uns kommen, sind Schmarotzer. Integration ist eine Herausforderung für beide Seiten. Wer zu uns kommt, muss sich um Integration bemühen und unsere Rechtsordnung vorbehaltlos anerkennen. Die Aufnahmegesellschaft muss sagen: Wer diese Voraussetzungen erfüllt, ist uns willkommen und hat alle Chancen.
 
Frage: Wo muss noch gehandelt werden?
 
Bosbach: Viele, die verpflichtet wurden, an einem Sprachkurs teilzunehmen, damit sich ihre Vermittlungschancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern, kommen einfach nicht. Die können nicht weiter die vollen Sozialleistungen beziehen. Wer sich nicht ernsthaft um Arbeit bemüht, der kann nicht erwarten, dass er hier dauerhaft auf Kosten des Steuerzahlers lebt.
 
Frage: Nun fordern Ihre Parteifreunde Armin Laschet und Bülent Arslan ein Integrationsministerium auf Bundesebene. Sie auch?
 
Bosbach: Vieles in diesem Bereich ist zunächst Aufgabe der Länder und Kommunen. Sinnvoll auf Bundesebene wäre eine Bündelung der Kompetenzen, die der Bund tatsächlich hat — in einer Behörde oder einem bestehenden Ministerium. Kompetenzen haben die Integrationsbeauftragte, das Arbeitsministerium, das Familien- und das Innenministerium.
 
Frage: Haben Sie denn insgesamt den Eindruck, dass Deutschland sich bei der Integration entwickelt?
 
Bosbach: Ja. Die gesamte öffentliche Debatte hat sich in den letzten Jahren sehr versachlicht. Insofern hat Herr Sarrazin seinem berechtigten Anliegen einen Bärendienst erwiesen. Im Übrigen hat sich fast überall die Erkenntnis durchgesetzt, dass Integration wichtiger ist als Multi-Kulti sogar in Teilen des linken Lagers.
Bosbach: Sinnvoll auf Bundesebene wäre eine Bündelung der Kompetenzen, die der Bund tatsächlich hat - in einer Behörde oder einem bestehenden Ministerium

Foto: Markus Hammes
Bosbach: Sinnvoll auf Bundesebene wäre eine Bündelung der Kompetenzen, die der Bund tatsächlich hat - in einer Behörde oder einem bestehenden Ministerium


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Integration ist eine Herausforderung für beide Seiten