Eine Expertenanhörung im Gesundheitsausschuss soll klären, wie sich die Bereitschaft der Deutschen zur Organspende nach ihrem Tod erhöhen lässt. Volker Kauder hat eine sogenannte Entscheidungslösung vorgeschlagen.
Jeder Bürger soll einmal im Leben mit der Entscheidung für oder gegen Organspende konfrontiert werden. Ob und wie er sich entscheidet, ist seine persönliche Entscheidung.
Die Welt: Herr Kauder, warum werden so wenige Organe gespendet?
Volker Kauder: Für viele Menschen ist die Frage, ob sie sich als Organspender zur Verfügung stellen wollen, sicher kein einfaches Thema. Vielleicht befürchtet der eine oder andere, dass er als potenzieller Organspender im Krankenhaus nicht so gut versorgt wird, obwohl dies natürlich absurd ist. Wer darüber nachdenkt, Organe zu spenden, muss sich aber in jedem Fall mit dem Tod befassen. Er muss sich die Frage stellen: Was geschieht mit mir danach? Das fällt nicht jedem leicht. Der Tod wird immer noch zu sehr tabuisiert.
Frage: Und deshalb sind so wenige Menschen zur Spende bereit.
Kauder: Genau. Allerdings glaube ich auch, dass in der Gesellschaft die Bereitschaft zunimmt, sich mit dem Thema Sterben einzulassen. Es gibt ja Millionen sogenannter Patientenverfügungen, in denen sich die Menschen damit auseinandersetzen, wie sie in der letzten Lebensphase ärztlich versorgt werden wollen.
Frage: Wie ließe sich die Spendenbereitschaft erhöhen?
Kauder: Vor allem durch eine noch breitere Aufklärung. Hier ist in den vergangenen Jahren schon viel geschehen. Es gibt Organisationen wie Pro Organ, die sich aus Spenden finanzieren und tolle Kampagnen auf die Beine stellen. Die Krankenkassen tun viel und natürlich auch die Stiftung Organtransplantation. Aber wir sind noch lange nicht am Ziel. Es fehlen in Deutschland pro Jahr 12 000 Organspenden. Tausende sterben deshalb. Die Politik muss nun handeln. Wir müssen zu einer anderen gesetzlichen Regelung kommen.
Frage: Was halten Sie davon, alle Bürger zu verpflichten, einmal im Leben zu erklären, ob sie spenden wollen?
Kauder: Wenig. Dabei ist die Ausgangsüberlegung sicher richtig. Der Staat tritt wegen der Bedeutung von Organspenden für viele schwer erkrankte Menschen einmal an seine Bürger heran und fragt sie, ob sie zur Spende bereit wären. Meiner Auffassung nach darf der Staat aber niemanden zwingen, eine solche Erklärung abzugeben. Organspenden sind eine höchstpersönliche Angelegenheit. Sie betreffen die menschliche Würde, die auch nach dem Tod zu achten ist. Deshalb darf es hier keinen staatlichen Zwang geben.
Frage: Wenn Sie diese Pflicht ablehnen, was wäre dann die Alternative?
Kauder: Die Alternative ist, dass der Staat seine Bürger schlicht fragt. Das würde in der Bevölkerung das Bewusstsein für den Nutzen von Organspenden enorm erhöhen. Damit wäre schon viel erreicht. Ich werde mich für eine solche Lösung auch in den kommenden Monaten einsetzen.
Frage: Wie würde das praktisch gehen?
Kauder: Denkbar wäre, an die Bürger nach dem Erwerb des Führerscheins heranzutreten, ob sie zur Organspende bereit wären - verbunden mit der Aushändigung des entsprechenden Aufklärungsmaterials. Die Menschen wären aber selbstverständlich frei, ob sie einen entsprechenden Fragebogen überhaupt beantworten. Sie könnten ihn auch wegwerfen.
Frage: Wie beurteilen Sie die noch weitergehenden Vorschläge zur Einführung einer Widerspruchslösung, wie es sie etwa in Spanien gibt?
Kauder: Die Widerspruchslösung beruht auf dem Gedanken, dass jeder Bürger zunächst zur Organspende verpflichtet wäre. Die Menschen könnten sich nur per Widerspruch davon lösen. Das würde noch weniger dem Schutz der Würde und der Freiheit des Menschen entsprechen als ein Zwang zur Erklärung, über die wir schon gesprochen haben. Ich glaube nicht, dass bei solchen Zwangsmaßnahmen die Bürger Organspenden innerlich wirklich akzeptieren würden. Nein, die Freiwilligkeit ist wichtig.
Frage: Die FDP möchte die strengen Regeln für Lebendspenden lockern. Wie beurteilen Sie diesen Vorschlag?
Kauder: Einem anderen zu Lebzeiten ein Organ zu spenden ist ein besonders Zeichen christlicher Nächstenliebe. Keine Frage. Ich halte es aber für grundsätzlich richtig, die Hürden weiter hoch zu halten.
Frage: Wie sollte das weitere parlamentarische Verfahren zur Neuregelung des gesamten Themenkomplexes Organspende in nächster Zeit aussehen?
Kauder: Nach der Anhörung an diesem Mittwoch sollten wir zügig im weiteren Gesetzgebungsverfahren voranschreiten. Es wird sicher fraktionsübergreifende Gruppenanträge geben. Bis Jahresende sollten wir ein neues Gesetz verabschiedet haben.