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09.07.2008

Volker Kauder

Das C ist für uns Programm

Namensartikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung




"Eine christlich-demokratische Partei ist weder eine Partei der Kirchen noch der Christen", schreibt Volker Kauder in einem Namensartikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Das chrsitliche Menschenbild bestimmt aber als Fundament christlich-demokratischer Politik das politische Handeln.


Wieder einmal wird über Sinn und Berechtigung des C im Namen der Unionsparteien diskutiert und nach ihrem Verhältnis zu den christlichen Kirchen gefragt. Diese Debatte ist beinahe so alt wie CDU und CSU selbst. Häufig lag und liegt ihr ein Missverständnis darüber zugrunde, worin das Wesen einer politischen Strömung besteht, die sich als christlich-demokratisch bezeichnet. Eine christlich-demokratische Partei ist weder eine Partei der Kirchen noch der Christen. Sie schließt die Anhänger anderer Glaubensgemeinschaften oder Atheisten nicht aus, sondern lädt sie im Gegenteil ein, sich zu beteiligen. Denn sowenig sich aus der Bibel ein Parteiprogramm ableiten lässt, so wenig kann aus dem Christentum eine konkrete parteipolitische Handlungsanweisung entwickelt werden. Das Christentum schenkt uns aber das christliche Menschenbild als Fundament christlich-demokratischer Politik.
 
Geprägt ist dieses Menschenbild vom Spannungsverhältnis von Kreativität und Kreatürlichkeit. Der Mensch ist, so lehrt uns die Bibel, nach dem "Bilde Gottes" geschaffen worden. Dank dieser Gottesähnlichkeit ist er begabt mit menschlicher Würde und Teilhaber an der göttlichen Kreativität. Und er ist, das entnehmen wir dem Galaterbrief des Neuen Testaments, "zur Freiheit berufen", zunächst und vor allem, um aus freier Entscheidung in eine Gemeinschaft mit Gott treten zu können. Ohne diese Freiheit wäre dem Menschen die wahre Erwiderung der Liebe Gottes nicht möglich. Die Voraussetzung für diese Entscheidung für Gott ist die sittliche Begabung des Menschen, seine Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Daraus erwächst die Verantwortung, ohne die sich Freiheit nicht denken lässt.
 
Das Spannungsverhältnis von Freiheit und Verantwortung beschreibt Martin Luther mit seinem berühmten Diktum: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." Wichtigster Orientierungsmaßstab des ethischen Handelns aus eigener Verantwortlichkeit, das Luther mit dem Bild des dienstbaren Knechtes beschreibt, ist die voraussetzungslose Menschenwürde jedes Einzelnen. Denn die Gottesähnlichkeit ist jedem Menschen zu eigen, unabhängig von Alter, Geschlecht, ethnischer oder sozialer Herkunft. Als Geschenk Gottes gilt sie uneingeschränkt von Beginn des menschlichen Lebens bis zu seinem Ende. Sie ist Selbstzweck und verbietet damit jegliche Verzweckung des menschlichen Lebens. Kein Mensch kann sie einem anderen absprechen oder zuerkennen, denn jeder Mensch ist nur gottähnlich, keiner jedoch gottgleich. Gleichzeitig macht ihn das fehlbar und schuldfähig.
 
In diesem Menschenbild verbindet sich der liberale Glaube an die Freiheitsbefähigung des Menschen mit einer Skepsis gegenüber dem grenzenlosen Optimismus, dass der Mensch seine Freiheit immer zum Wohle aller gebrauchen wird.
 
Was heißt das für die konkrete Politik? Zunächst einmal muss eine am christlichen Menschenbild orientierte Politik den Rahmen schaffen, der ein würdevolles Leben in Freiheit ermöglicht, ohne diese Freiheit absolut zu setzen. Denn die individuelle Freiheit des einen hat ihre Grenzen in der Freiheit und Würde des anderen. Wegen der Fehlbarkeit des Menschen wäre es naiv anzunehmen, diese Grenzziehung ergäbe sich automatisch durch die Selbstbeschränkung des Einzelnen. Sie verlangt vielmehr einen übergeordneten staatlichen Ordnungsrahmen, der die Gemeinschaft mit anderen durch die Einhegung der individuellen Freiheit erst möglich macht. Im modernen Staat ist Freiheit daher immer als in Ordnung gesicherte Freiheit zu verstehen.
 
Dieser Ordnungsrahmen, der dem Spannungsfeld von Individualität und Gemeinschaft gerecht werden muss, entsteht durch die Beachtung der beiden prägenden Kriterien der katholischen Soziallehre: der Subsidiarität und der Solidarität. Das Prinzip der Subsidiarität wird gültig in der päpstlichen Enzyklika "Quadragesimo anno" von 1931 formuliert. Danach darf "dasjenige, was der Mensch aus eigener Initiative ... leisten kann, ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen werden". Subsidiarität ist in diesem Verständnis also ein Schutzprinzip freiheitlicher und eigenverantwortlicher Lebensgestaltung gegen die Gefahren kollektivistischer Vereinnahmung und Bevormundung. Sie ist gleichermaßen Ausdruck des Vertrauens in die individuelle Freiheitsbefähigung des Menschen wie auch der Skepsis gegenüber ideologischen Großentwürfen. Denn aus der Fehlbarkeit des Menschen ergibt sich die Fehlbarkeit der Politik, die ebenfalls das Werk von Menschen ist. Die Einsicht in die menschliche Fehlbarkeit wird so zum besten Schutz vor den Versuchungen des Totalitären.
 
Die strikte Einhaltung der Subsidiarität stärkt hingegen die liberale Ordnung einer Gemeinschaft. Sie ist die Voraussetzung für eine im besten Sinne bürgerliche Gesellschaft. Dies gilt allerdings nur dann, wenn sie verbunden ist mit der Gewährung von Solidarität für diejenigen, die aus eigener Kraft nicht zu einem Leben in Würde imstande sind. Auch die Solidarität geht also vom Grundsatz einer eigenverantwortlichen Lebensgestaltung in Gemeinschaft mit anderen aus. Ziel des solidarischen Handelns darf aber nicht die dauerhaft erträgliche Ausgestaltung der Not sein. Vielmehr muss es darum gehen, dem in Not geratenen Menschen eine Rückkehr zu einem Leben in Freiheit und Eigenverantwortung zu ermöglichen.
 
Eine Gesellschaft, die in diesem Sinne auf Subsidiarität setzt und Solidarität gewährt, die folglich jedem ein Leben in selbst verantworteter Freiheit gemäß seinen Anlagen und Talenten ermöglicht, ist eine gerechte Gesellschaft. Sie zu erreichen und zu bewahren ist Aufgabe christlich-demokratischer Politik.
 
Dementsprechend nimmt in der christlich-demokratischen Sozialpolitik die Belebung des Arbeitsmarktes einen zentralen Platz ein. Denn einerseits schafft der Einzelne mit seiner Arbeit die Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit, weil er sich unabhängig macht von der Unterstützung durch andere. Das gilt auch dann, wenn er einer so gering entlohnten Beschäftigung nachgeht, dass er zusätzlich auf staatliche Leistungen angewiesen ist. Denn auch in diesem Fall entlastet er die Solidargemeinschaft um den selbst erwirtschafteten Betrag. Mit seiner Tätigkeit erfüllt er eine sittliche Verpflichtung. Zugleich erhält er die Chance, sich durch seine Arbeit zu beweisen und in eine Tätigkeit aufzusteigen, die ihn von staatlichen Transfers unabhängig macht. Alle verfügbaren Zahlen zeigen, dass eine auf die Entstehung von Arbeitsplätzen gerichtete Politik tatsächlich die besten sozialen Wirkungen entfaltet. Jüngstes Beispiel ist der Dritte Armuts- und Reichtumsbericht, dem zufolge das Armutsrisiko für Beschäftigte bei sechs Prozent liegt gegenüber knapp fünfzig Prozent bei den Arbeitslosen. Deswegen bleibt auch die Aussage der Union richtig: "Sozial ist, was Arbeit schafft." Versuche von Sozialdemokraten und Gewerkschaften, den ethischen Wert der Arbeit auf den unklaren Begriff der "guten Arbeit" zu verengen, ist ein Beispiel für die Hybris, besser als die Betroffenen wissen zu wollen, was für sie gut sei. In der Praxis bedeutet das nichts anderes als die Verhinderung von Arbeit. Die aus dem Arbeitsleben herausgehaltenen und herausgedrängten Menschen werden dann mit Sozialtransfers ruhiggestellt, die Chance zu einem Leben in Würde und Freiheit wird ihnen jedoch verwehrt.
 
Die Notwendigkeit von sozialen Unterstützungsleistungen als Akt der Solidarität wird eine am christlichen Menschenbild ausgerichtete Politik nicht in Frage stellen. Sie nimmt aber deren Dauerhaftigkeit nicht hin, weil sie keine Aktivierung des Menschen, sondern das Gegenteil bewirkt. Und sie wird die Leistung dieser Transfers streng an die Bedürftigkeit koppeln. Das verlangt die Solidarität auch dem notleidenden Empfänger ab, der die Hilfe als Ansporn begreifen muss, ihrer möglichst bald nicht mehr zu bedürfen.
 
Eine entscheidende Rolle bei der Befähigung zur eigenverantwortlichen Lebensgestaltung hat die Bildung. Sie befähigt zur Ausübung einer anspruchsvollen Beschäftigung und eröffnet die Chance zum individuellen Aufstieg. Deshalb finden wir uns nicht damit ab, dass die Bildungschancen in hohem Maße vom sozialen Umfeld bestimmt werden. Wir müssen alles daransetzen, die Durchlässigkeit des Bildungssystems zu erhöhen. Das wird nur dann erfolgreich sein, wenn wir schon im Vorschulalter die Defizite erkennen und durch individuelle Förderung reduzieren oder beseitigen und wenn wir aufhören, Bildung auf das erste Lebensdrittel zu beschränken.
 
Berufliche Weiterbildung als beste Investition in zukünftige Beschäftigungsfähigkeit muss jeden erreichen. Im Unterschied zu den Parteien des linken Spektrums erliegen wir jedoch nicht der Illusion, mittels Bildungspolitik die Unterschiede zwischen den Individuen einebnen zu können. Eine solche Politik widerspräche auch dem christlichen Menschenbild, das zur Förderung der individuellen Vielfalt mahnt.
 
Bildung ist mehr als bloße Ausbildung. Schon begrifflich setzt sie ein "Bild" - ein Menschenbild - voraus, an dem sie sich orientiert. Sie eröffnet dem Einzelnen geistige und kulturelle Räume, die ihn prägen und unverwechselbar machen. Sie befähigt den Menschen zur Verfeinerung seiner Urteilskraft, die Voraussetzung für sein Leben in Freiheit ist. Ein umfassender Bildungsbegriff schließt die Konzentration auf ökonomisch verwendbare Inhalte aus. Die Lektüre des "Macbeth" dient eben nicht nur der Verbesserung der Englischkenntnisse, sondern auch und ganz wesentlich der Auseinandersetzung mit Machtmissbrauch und Tyrannei. Damit Schüler die kulturellen Voraussetzungen unserer Zivilisation erfahren und sich mit den existentiellen Fragen des Lebens beschäftigen können - vor allem aber, um die Erfahrung des Glaubens zu vermitteln -, setzen wir uns, im Gegensatz zu den anderen Parteien, für den Religionsunterricht ein. Das auch dort, wo versucht wird, ihn durch einen allein vom Staat verantworteten Ersatzunterricht zu verdrängen.
 
Die umfassende Bildung ist nicht allein Aufgabe der Schulen und Universitäten. Unersetzlich bleibt die Familie, die im Mittelpunkt aller christlich-demokratischen Politik steht. Als Idealmodell der gelebten Subsidiarität und Solidarität einerseits und als Ort, an dem Gemeinschaft ermöglichende Werte vermittelt werden, ist sie im doppelten Sinne Rückgrat der Gesellschaft. Keine andere Institution führt bereits im Kindesalter an die Notwendigkeit von gegenseitigem Respekt, Rücksichtnahme und Verantwortung heran. Deshalb greift eine Definition zu kurz, die Familie ausschließlich an das schiere Vorhandensein von Kindern knüpft. Ohne die Übernahme von gegenseitiger Verantwortung, die ihre Voraussetzungslosigkeit aus der verwandtschaftlichen Beziehung gewinnt, kann zwar eine Kommune, aber keine Familie bestehen. Liebe und Zuwendung, die der junge Mensch in der Familie erfährt und die seine Personwerdung ganz maßgeblich prägen, kann keine staatliche Institution ersetzen.
 
Bei allem Respekt vor der Vielfalt von Lebensentwürfen wird eine christlich-demokratische Familienpolitik niemals die Gleichrangigkeit der Ehe mit anderen Modellen partnerschaftlichen Zusammenlebens akzeptieren. Denn die eheliche Verpflichtung lebenslanger Treue und die daraus resultierende Übernahme gegenseitiger Fürsorgeverpflichtung sind das stabilste Fundament menschlicher Gemeinschaft. Dies gilt unbeschadet der zahlreichen Fälle des Scheiterns.
 
Vor diesem Hintergrund ist der Schutz der Familie vornehmste Pflicht christlich-demokratischer Familienpolitik. Das schließt auch die Abwehr politischer Eingriffe ein. Der häufig erhobene Vorwurf, der derzeit betriebene Ausbau der Kindertagesstätten sei eine Kopie sozialdemokratischer Ideen, verkennt die grundsätzlich andere Ausrichtung demokratieschwacher Programmatik: Uns geht es nicht um die Festschreibung eines bestimmten Lebensmodells - in diesem Fall der Doppelverdiener-Ehe -, sondern um die Erweiterung der Möglichkeiten für Väter und Mütter unter strikter Wahrung der staatlichen Neutralität gegenüber ihrer individuellen Entscheidung. Wir wollen echte Wahlfreiheit; dazu gehört, dass die Betreuung der Kinder zu Hause im gleichen Maße unsere Unterstützung findet wie die in Kindertagesstätten und dies auch in der öffentlichen Wahrnehmung und Wertschätzung zum Ausdruck kommt.
 
Das christliche Menschenbild bestimmt, wenn man es ernst nimmt, auch die Grundlinien der Außenpolitik. Natürlich ist Außenpolitik immer Interessenpolitik. Sie darf sich darauf aber nicht beschränken, sondern muss sich an der Universalität der Menschenwürde orientieren. Die Idee, dass Menschen mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, ist heute weitgehend von ihren religiösen Wurzeln gelöst. Sie wurde säkularisiert, und diese Säkularisierung und die breite Akzeptanz der Menschenrechte zumindest in westlichen Staaten sind ein großer Erfolg.
 
Die Loslösung von ihren religiösen Wurzeln birgt aber auch Gefahren. So gibt es immer wieder den Vorwurf des Ethnozentrismus und den Versuch, die Idee von universellen Menschenrechten als ein Konzept des Westens zu diskreditieren. Das Dringen auf die Einhaltung von Menschenrechten wird mit Verweis auf kulturelle Eigenheiten zurückgewiesen. Im Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen versuchen diktatorische Regime immer wieder, die Menschenrechtspolitik der westlichen Staaten als Kolonialismus zu diskreditieren. Mit diesem Vorwurf wehrt sich das Regime in Kuba gegen Kritik aus dem Westen. Auch die Zurückweisung westlicher Hilfsangebote durch das Militärregime in Burma entspringt diesem Geist. Die Vorstellung, die Menschenrechte seien an Kulturräume gebunden und gälten nicht für alle Menschen in gleicher Weise, ist mit der christlichen Überzeugung nicht zu vereinbaren. Sie entspricht aber auch nicht den Bedürfnissen der unterdrückten Bevölkerung in diesen Ländern. Die Freiheitsbemühungen, das Eintreten von Dissidenten weltweit für Presse- und Meinungsfreiheit, gegen diktatorische Willkür und für die Unveräußerlichkeit der menschlichen Würde legen davon ein beredtes Zeugnis ab.
 
Fehlt der unerschütterliche Glaube an die universale Geltung der Menschenrechte, dann fehlt auch eine verlässliche Richtschnur für außenpolitisches Handeln. Nur so ist es zu erklären, dass linke Intellektuelle, die im Westen die Segnungen unveräußerlicher Grundrechte genossen, zu Anhängern von Ché Guevara und Fidel Castro wurden. Die Befreiungsrhetorik von Revolutionären aus der Dritten Welt reichte, um demokratische Grundüberzeugungen über Bord zu werfen. Im Zeitalter der Globalisierung wird es besonders wichtig, den Anspruch auf eine universelle Geltung der Menschenrechte nicht aufzugeben. Dies gilt gleichermaßen für Auseinandersetzungen mit der islamischen Welt oder mit Schwellen- und Entwicklungsländern, die ihre Modernisierung durch autoritäre Herrschaft erreichen wollen. Die Haltung, die im Westen herrschende Freiheit als Glücksfall der Geschichte anzusehen oder gar als Privileg des Westens, lehnen christlich-demokratische Parteien ab. Das bestimmt auch unsere Haltung gegenüber China. Wir erkennen die gewaltigen Leistungen der chinesischen Regierung für die Stabilität und Entwicklung ihres riesigen Landes an und wollen sie auf diesem Weg weiter unterstützen. Gleichzeitig gebietet es gerade das Interesse an China, deutlich für die Rechte der dort lebenden Menschen einzutreten. Deshalb hat Bundeskanzlerin Angela Merkel 2006 auf ihrer Reise nach China den katholischen Bischof von Schanghai getroffen und damit ein Zeichen für die Religionsfreiheit gesetzt.
 
Auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes hat die Union klare Vorstellungen davon entwickelt, was sie außenpolitisch erreichen will. Gleichzeitig bleiben aber die Skepsis vor den menschlichen Möglichkeiten und eine grundsätzliche Ablehnung von politischen Heilsversprechen. Solange Menschen zwischen Gut und Böse wählen können, bleiben Bedrohungen und Gefahren ein Teil der Wirklichkeit. Werte sind wichtig, um die Grundlagen der eigenen Politik festzulegen. Sie dürfen aber nicht allein die Außenpolitik bestimmen. Ein naiver Idealismus, der die menschliche Natur und damit die politische Wirklichkeit nicht anerkennen will, wird der Verwirklichung dieser Ideale nur im Wege stehen.
 
Unser Ansatz ist von tiefer Skepsis gegenüber dem Machbarkeitswahn einer Politik geprägt, die Rationalität als Götzen verehrt. Nicht alles, was machbar ist, darf auch möglich sein. Das gilt auch für unser Verhältnis zur Schöpfung. Wenn sich unsere umweltpolitischen Überlegungen an der Bewahrung der Schöpfung orientieren und sich dadurch legitimieren, leiten wir damit keine kalkulierte Hinwendung zu einer politischen Mode ein, sondern führen Umweltpolitik auf ihren christlich-demokratischen Kern zurück. Anders als die Parteien der Linken lehnen wir auch beim Umweltschutz den Weg der Gängelung und Bevormundung ab. Der auf Freiheit und Eigenverantwortung setzenden Idee des christlichen Menschenbildes entspricht es vielmehr, durch Aufklärung und Anreize zur Bewahrung unserer natürlichen Lebensgrundlagen beizutragen.
 
Das christliche Menschenbild ist der Kompass, an dem sich unsere Entscheidungen ausrichten. Es muss aber für jede Frage nach einer passenden Antwort gesucht werden. Aus dem christlichen Menschenbild ergibt sich in den seltensten Fällen eine ganz bestimmte Lösung in einer politischen Sachfrage. Und schon gar nicht können sich die Unionsparteien als verlängerter Arm der Kirchen verstehen.
 
Zudem stellt sich natürlich die Frage, welche Standpunkte der Kirche für uns maßgeblich sein sollten. Die Union war nie die Partei der katholischen Kirche. Darin unterscheidet sie sich vom katholischen "Zentrum" des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Ihre historische Bedeutung besteht in der integrativen Kraft über die Konfessionsgrenzen hinweg. Bis heute sind beide großen Kirchen in Deutschland für uns in gleichem Maße wichtige Partner. Bedingt durch ihre unterschiedliche Haltung in zentralen theologischen Fragen, vertreten die evangelische und die katholische Kirche auch bei vielen gesellschaftspolitischen Themen unterschiedliche Positionen. Erinnert sei etwa an die Diskussion um die Nutzung humanembryonaler Stammzellen zu Forschungszwecken. Während die katholische Kirche jede Art dieser Forschung ablehnt, finden sich in den Reihen der evangelischen Kirche Befürworter wie Gegner. Und auch die katholische Kirche hat Auseinandersetzungen um wichtige ethische Fragen wie etwa die Beteiligung an der Schwangerenkonfliktberatung erlebt. Auch das Ringen der deutschen Bischöfe um die Bedeutung der päpstlichen Enzyklika "Humanae vitae" von 1968 gehört in diesen Zusammenhang. Es zeigt, wie schwer sich mitunter auch die Kirchen tun, eine einheitliche Stellungnahme zu finden. Dabei unterscheidet sich die katholische Kirche mit ihrem verbindlichen Lehramt ganz wesentlich von der Politik, die auf der Suche nach einem Ausgleich unterschiedlichster Interessen immer zu Kompromissen gezwungen sein wird. Wichtiger als dieser Unterschied ist jedoch eine Gemeinsamkeit zwischen den christlichen Kirchen und christlich-demokratischer Politik: das stete Ringen um den eigenen Standpunkt auf der Grundlage eines festen Wertefundaments.
 
So wie die Kirchen auf der Grundlage des Glaubens ihre Standpunkte formulieren, so entwickelt die Union auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes ihre politischen Antworten. Auch wenn die Antwort sich von der Haltung einer oder beider großen Kirchen in Deutschland unterscheiden sollte, hat die Meinung der Kirchen für uns bei der Entscheidungsfindung besonderes Gewicht. Das unterscheidet uns von allen anderen Parteien. Und in vielen Fällen sind sich die Positionen der Union und der Kirchen sehr nahe. So versuchen wir zurzeit, zusammen mit den Kirchen eine Regelung zu finden, um die erschütternd hohe Zahl der Spätabtreibungen zu senken - gegen heftige Widerstände in allen anderen Parteien. Die Regelungen der Abtreibungen sind unbefriedigend. Das beweist allein die horrende Zahl von mehr als 120.000 Schwangerschaftsabbrüchen jährlich.
 
Auf Initiative der Kirchen wollen wir Angehörige religiöser Minderheiten - in erster Linie Christen - in unserem Land aufnehmen, die aus ihrer irakischen Heimat vertrieben worden sind. Das Schicksal verfolgter Christen überall auf der Welt ist uns ein wichtiges und ernsthaftes Anliegen, bei dem die Kirchen sich auf uns verlassen können; ein Anliegen, das von uns immer wieder thematisiert wird, während andere schweigen.
 
In anderen Fällen gelangen wir zu Ergebnissen, die von der Haltung einer der Kirchen oder beider abweichen. Wir schenken aber der Meinung der Kirchenvertreter immer besonderes Gehör. So auch in der jüngsten Debatte um die Verschiebung des Stichtags zur Einfuhr humanembryonaler Stammzellen. Die Enttäuschung der katholischen Kirche über die getroffene Entscheidung kann ich nachvollziehen. Auch ich habe in der Diskussion und Abstimmung eine andere Haltung vertreten - wie übrigens die Mehrheit der Unionsfraktion im Bundestag. Dennoch kann ich aus tiefer Überzeugung sagen, dass keiner meiner Fraktionskollegen, der für eine Lockerung des Importverbotes gestimmt hat, dies nicht ebenfalls nach sorgfältiger Gewissensprüfung und Abwägung aller Argumente getan hätte. Viele Parlamentarier haben sich dem Votum der katholischen Bischöfe angeschlossen, andere fanden Argumente überzeugender, wie sie vom EKD-Vorsitzenden Bischof Wolfgang Huber vertreten wurden, wieder anderen erschien die Begründung des Nationalen Ethikrats am überzeugendsten. Niemand hat aber in der langen Zeit der Auseinandersetzung mit dieser Frage die Meinung der Kirchen als irrelevant abgetan. Und niemand hat einen Kirchenvertreter persönlich verunglimpft. Denn der Dialog mit den Kirchen hat für die Unionsparteien große Bedeutung.
 
Deshalb hoffe ich, auf Seiten der Kirchen auch weiterhin die gleiche intensive Dialogbereitschaft zu finden, die in den vergangenen Jahrzehnten die Grundlage einer guten Zusammenarbeit gewesen ist. Dankbar denke ich an die geachteten Geistlichen zurück, die immer wieder informiert und engagiert zu politischen Themen Stellung bezogen haben. Dabei fallen mir nicht nur zahlreiche noch lebende Personen ein, sondern auch große Persönlichkeiten wie die Kölner Kardinäle Frings und Höffner, die in ihrem Bistum verehrt wurden und deren Rat von der Politik gesucht wurde.
 
Gleichzeitig werbe ich um Verständnis für die Position der Politik. Unsere Aufgabe ist es, Lösungen für Probleme zu finden, von denen Millionen Menschen betroffen sind. Ohne eine Orientierung am Machbaren werden wir dabei im besten Fall gar nichts, im schlimmsten Fall das Gegenteil des Erwünschten erreichen. Gerade in Zeiten der großen Koalition sind dem Machbaren häufig enge Grenzen gesetzt. Dennoch werden wir dabei das aus unserer Sicht Richtige nie aus dem Auge verlieren. Beides ist Ausdruck des christlichen Menschenbildes, das uns trägt und leitet - in der Vergangenheit, heute und in Zukunft.
 
 
Das Kreuz im Sitzungssaal der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Foto: CDU/CSU-Fraktion
Das Kreuz im Sitzungssaal der CDU/CSU-Bundestagsfraktion


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