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10.02.2010

Dr. Christian Ruck

Massive Verstärkung des zivilen Aufbauengagements

Rede zur Afghanistan-Politik




3.) Abgabe einer Regierungserklärung durch den Bundesminister des Auswärtigen
Auf dem Weg zur Übergabe in Verantwortung: Das deutsche Afghanistan-Engagement nach der Londoner Konferenz

ZP.2) Beratung Antrag Bundesregierung
Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte an dem Einsatz der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe in Afghanistan (International Securitya Assistance Force, ISAF) unter Führung der NATO auf Grundlage der Resolutionen 1386 (2001) und folgender Resolutionen, zuletzt Resolution 1890 (2009) des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen
- Drs 17/654 -


Herr Präsident!
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
 
Das deutsche Engagement in Afghanistan be­deutet eine tiefe Zäsur in der deutschen Außen-, Sicher­heits- und Entwicklungspolitik. Der Einsatz bedeutet ein völliges Umdenken unseres außenpolitischen Handelns. Er ist gefährlich und teuer. Er ist unpopulär und daher anfällig für Populisten. Aber er ist ohne verantwortbare Alternative.
 
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord­neten der FDP)
 
Wir engagieren uns in Afghanistan natürlich auch, um die Menschen dort vor einem Rückfall in Bürgerkrieg, Schreckensherrschaft oder eine beispiellose Diskrimi­nierung der Frauen zu bewahren. Aber wir sind – nach dem 11. September 2001, nach den Anschlägen von London, Madrid und Bali und mit einem ausdrücklichen UN-Mandat – auch in Afghanistan engagiert, um Leib und Leben unserer eigenen Bürger zu schützen. Wie groß die Gefahr des Terrorismus auch bei uns im eige­nen Land ist, zeigt der aktuelle Prozess gegen die Sauer­land-Gruppe. Es geht konkret darum, auch bei uns, in unseren Hauptbahnhöfen Massaker mit sterbenden Men­schen, mit sterbenden Frauen und Kindern zu verhin­dern. Wir haben uns den Einsatzort Afghanistan nicht ausgesucht; aber wir müssen auch dort, wo die Bedro­hung entsteht, agieren, um unsere Bürger hier zu schüt­zen.
 
Es geht auch um die Verhinderung eines Flächenbran­des von Radikalismus und Terrorismus in einer explosi­ven Region. Deswegen sind unsere Soldaten, unsere Ent­wicklungsexperten und unsere Polizisten in Afghanistan. Deswegen benötigen sie den Rückhalt des Parlaments, der Politik und der Bürgerinnen und Bürger in Deutsch­land, derentwegen sie sich in Gefahr begeben. Sie brau­chen auch die Rückendeckung der deutschen Justiz. Das, was Sie, Herr Außenminister, dazu gesagt haben, ist ex­trem hilfreich.
 
Deutschland hat seit 2001 an führender Stelle Verant­wortung übernommen. In Afghanistan ist tatsächlich vieles besser geworden. Präsident Karzai hatte recht, als er auf der Münchner Sicherheitskonferenz gesagt hat, dass Afghanistan heute ein völlig anderes Gesicht hat als 2001. Damals gab es außer Armut und Chaos nichts mehr. Es gab keinen Staat. Es gab keine Schulen, schon gar nicht für Mädchen. Es gab keine Gesundheitsversor­gung, fast keine Infrastruktur und natürlich auch keine freie Meinungsäußerung.
 
Heute gibt es in Afghanistan demokratisch gewählte Institutionen und eine gute demokratische Verfassung. Heute gehen dort 12 Millionen Kinder zur Schule. Es gibt 15 000 Studenten. 80 Prozent der Bevölkerung ha­ben Zugang zu medizinischer Basisversorgung. Es wurden 14 000 Kilometer Straße gebaut. Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich verdreifacht. Es gibt immerhin 80 Radio- und Fernsehstationen, viele davon privat. Wir können sagen, dass Deutschland und der deutsche Steu­erzahler daran maßgeblich mitgewirkt haben.
 
Der Bundeswehr ist es gelungen, auch durch einen behutsamen und freundschaftlichen Umgang mit der Be­völkerung, den Norden zu einer relativ stabilen Region zu machen. Für diese Erfolge haben auch deutsche Sol­daten und Entwicklungshelfer ihr Leben verloren. Sie haben es verdient, dass wir diese Erfolge nicht gering­schätzen.
 
Keiner von uns verschließt jedoch die Augen vor den Fehlern dieses internationalen Einsatzes, auch nicht vor den eigenen Fehlern und den daraus resultierenden Gefahren, vor den kriegsähnlichen Zuständen in man­chen Landesteilen, vor den zivilen Opfern und der damit einhergehenden Vergiftung der Atmosphäre, vor der ge­wachsenen Korruption, vor der mangelnden Koordina­tion der Aufbauhilfe und der militärischen Strategien der Verbündeten, vor der eigenen Halbherzigkeit oder der Naivität, mit der wir vielfach die gewaltigen kulturellen Unterschiede und widersprüchlichen Interessen überse­hen haben.
 
Die Afghanistan-Konferenz in London hat die Wei­chen für eine notwendige Neuorientierung des interna­tionalen Engagements gestellt. Herr Steinmeier, dabei spielen fast immer die Punkte, die die Union und auch der ganze Bundestag international wiederholt angemahnt haben, eine Rolle: die massive Verstärkung des zivilen Aufbauengagements, vor allem mit Blick auf die ländli­che Bevölkerung und die Jugend, die bessere Koordina­tion und Schwerpunktsetzung und die Stärkung der Eigenverantwortung der Afghanen durch einen gemein­samen Koordinierungsrat und auf Grundlage einer natio­nalen afghanischen Entwicklungsstrategie, das Drängen nach stärkerer Bekämpfung der Korruption mit unabhän­gigen Antikorruptionsbehörden, mit mehr Transparenz in Finanzfragen und mit einer besseren Kontrolle der Mittelvergabe durch die Geberländer und schließlich die massive Verbesserung und Verstärkung der Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte.
 
Meine Damen und Herren, der langfristige Erfolg in Afghanistan hängt entscheidend vom Erfolg des Konzepts der vernetzten Sicherheit ab. Im Prinzip ist dieser Gedanke im Rahmen des Einsatzes auf dem Bal­kan, auch im Kosovo, entstanden, wo wir übrigens mit 25-mal mehr Aufwand pro Kopf der Bevölkerung schon zehn Jahre lang engagiert sind.
 
In Afghanistan ist die vernetzte Sicherheit überle­benswichtig für alle. Wir haben gesehen: Wo rund um die Uhr ausreichend Sicherheitskräfte vorhanden sind und alternative Produkte angebaut werden, kommen der Drogenanbau und mit ihm all die staatszersetzenden Auswirkungen zum Erliegen.
 
(Zuruf von der LINKEN: Das glauben Sie doch selber nicht!)
 
Eine Reintegration der Teilzeit-Taliban kann nur ge­lingen, wenn es für die im Prinzip Friedenswilligen ein Mindestmaß an ökonomischen Perspektiven gibt.
 
Umgekehrt ist es eine Illusion, zu glauben, dass die Bereitschaft zur Abgabe von Waffen und zur Reintegra­tion wächst, wenn wir in unseren militärischen und poli­zeilichen Anstrengungen nachlassen. Herr Steinmeier, ich bin nicht Ihrer Meinung, dass man ein konkretes Ab­zugsdatum verbindlich hier öffentlich nennen soll. Ich halte es da mit Außenminister Westerwelle: dass wir den Zeitpunkt, zu dem wir abgezogen sein werden, in der Öf­fentlichkeit niemals sagen dürfen, ja gar nicht sagen können.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
 
Vernetzte Sicherheit ist nicht gegeben, wenn 85 Prozent der mühsam ausgebildeten Polizisten Analpha-beten sind. Vernetzte Sicherheit haben wir auch nicht, wenn Entwicklungshelfer mancher Organisationen Kon­takt mit Bundeswehrsoldaten oder anderen Sicherheits­kräften ablehnen. Ein Gegeneinander ist das Gegenteil von vernetzter Sicherheit. Oder wie es Präsident Karzai ausgedrückt hat: Alle Organisationen der Entwicklungs­hilfe sollen die afghanische Regierung unterstützen und nicht gegen sie arbeiten. – Ich glaube, das kann man ver­langen. Es gibt noch viel zu tun bei der vernetzten Si­cherheit, auch im eigenen Land. Ich bin aber zuversicht­lich, dass wir in der neuen, christlich-liberalen Regierung auch hier weiter vorankommen. Dies ist das Gebot der Stunde.
 
Die Konferenz in London hat einen wichtigen Gedan­ken von uns aufgegriffen, nämlich die Berücksichtigung der regionalen Interdependenz, in der sich die Afgha­nistan-Mission befindet. Es geht vor allem um die Rolle Pakistans und um die komplizierte Beziehung Afghanis­tans zu seinen Nachbarn China und Indien. Auch in Pa­kistan sind politische und rechtsstaatliche Reformen so­wie die Eröffnung ökonomischer Perspektiven für die einfache Bevölkerung zu lange versäumt worden.
 
Dies ist eine Lehre, die wir als Deutsche und Euro­päer aus unseren Bemühungen um Afghanistan und bei der Bekämpfung des Terrorismus ziehen müssen: Wir müssen uns, auch wenn es schmerzlich ist, rechtzeitiger und entschlossener mit dem Ansatz der vernetzten Si­cherheit um die international immer zahlreicher werden­den weißen Flecken von Anarchie, Rechtlosigkeit und Staatszerfall kümmern. Wir müssen das nationale und das internationale Instrumentarium für eine raschere, vor allem zivile Vorsorge gegen Staatszerfall schärfen. Dies ist vital im deutschen Interesse.
 
Wir Deutsche haben uns nach dem Krieg einen guten Ruf als ehrlicher Makler erworben. Diese Stellung soll­ten wir stärker nützen. Wir haben auch in Afghanistan trotz aller Schwierigkeiten einen guten Ruf. Diesen gu­ten Ruf wollen wir behalten. Wir sind als Freunde ge­kommen. Wir müssen so lange engagiert bleiben, bis wir auch als Freunde wieder gehen können. Das ist es, was mit Übergabe in Verantwortung gemeint ist.
 
Wir stimmen der Verlängerung des Mandates zu.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
 
 
 
 
Dr. Christian Ruck

Foto: Laurence Chaperon
Dr. Christian Ruck


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