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17.03.2010

Dr. Christian Ruck

Wir werden die Entwicklungspolitik auch in den nächsten Jahren sowohl qualitativ als auch quantitativ voranbringen

Rede zum Etat für Entwicklungspolitik




I.12) Beratung BeschlEmpf u Ber (8.A)
hier: Einzelplan 23
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
- Drs 17/619, 17/623 -


Frau Präsidentin!
Meine lieben Kolleginnen und Kol­legen!
 
Ich beginne mit dem, was uns alle eint: Für uns alle ist Entwicklungspolitik ein zentrales Element für die Zukunftssicherung auf unserem Planeten. Deswegen ist unser Entwicklungshaushalt auch ein Kernelement für Deutschlands globale Verantwortung in der Welt. Wenn man so will, ist der Entwicklungshaushalt das Aushän­geschild dafür, wie unser Land Solidarität und Verant­wortung in der Welt ausübt. Diese globale Verantwor­tung besteht zum Beispiel in der Prävention von Krisen, in der Prävention von Migration, in der Bekämpfung von Armut und Unterdrückung und in der Sicherung des bio­logischen und kulturellen Erbes der Welt.
 
Ich möchte zu den Zahlenspielereien eines ganz klar sagen: Wir sind inzwischen der zweitgrößte Geber von Entwicklungshilfe in der ganzen Welt. Das ist eine Leis­tung, die wir von niemandem kleinreden lassen werden.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Als zweitgrößter Geber tragen wir öffentlich Verantwor­tung und sind öffentlich der Solidarität verpflichtet. Das wird auch in den kommenden Jahren so bleiben.
 
Wir müssen allerdings auch immer wieder betonen: Entwicklungspolitik ist nicht nur im Interesse unserer Partner, sondern auch im vitalen deutschen Interesse, und zwar nicht nur aus Sicherheitsgründen. Vielmehr ist der BMZ-Haushalt der zweitgrößte Investitionshaushalt der Bundesrepublik Deutschland und sichert mehrere Hunderttausend Arbeitsplätze in unserem eigenen Land. Deswegen ist der Haushalt des BMZ auch ein wichtiges Instrument bei der Bekämpfung der derzeitigen globalen Krise, und zwar sowohl in Deutschland als auch interna­tional.
 
Zur Kritik der Opposition möchte ich eines sagen – ich sage das immer wieder mit Freude und auch im In­teresse unseres ehemaligen Koalitionspartners, der sich nicht immer von seinen eigenen Erfolgen distanzieren sollte –: Unter Bundeskanzlerin Angela Merkel ist der Entwicklungshaushalt in den letzten vier Jahren um 50 Prozent angewachsen, und die Ausgaben für Klima­schutz, Hungerbekämpfung und die Bewahrung der Schöpfung sind stets gestiegen.
 
(Dr. Sascha Raabe [SPD]: Sagen Sie das dem Herrn Klein mal!)
 
Eine Steigerung um 50 Prozent hat nie ein anderer Haus­halt in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland geschafft. Deswegen, Frau Wieczorek-Zeul, habe ich Ih­nen immer unterstellt, dass Sie sehr froh waren – zu Recht –, als Bundeskanzler Schröder endlich durch Bun­deskanzlerin Angela Merkel ersetzt worden ist.
 
(Dr. Bärbel Kofler [SPD]: Und wo ist sie jetzt?)
 
Die christlich-liberale Koalition hat dafür gesorgt, dass – das ist schon angesprochen worden – 2010 ein Entwurf des Haushalts vorgelegt wurde, der eine Steige­rung von 256 Millionen Euro gegenüber dem Haushalt 2009 aufweist. Ich verstehe eines nicht, Frau Kofler: Sie müssen doch, wenn Sie mit den Zahlen spielen, erken­nen, wie groß der Aufwuchs gegenüber dem letzten Ent­wurf unserer gemeinsamen Regierung war. Unser letzter gemeinsamer Haushalt hat einen Aufwuchs von genau 23 Millionen Euro vorgesehen. Jetzt ist die Steigerung elfmal so hoch. Deswegen fassen Sie sich am besten an Ihre eigene Nase. Wir sind jedenfalls ohne Sie um das Elffache weitergekommen, als wir es mit Ihnen wären.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Lothar Binding [Heidelberg] [SPD]: Man soll nur Vergleichbares miteinander vergleichen! Sie haben schon von einem überrollten Haus­halt gehört? Das ist nicht seriös, was Sie ge­rade machen!)
 
– Herr Binding, ich bin Ihrer Meinung: Wir sollten seriös bleiben. Ich gehe davon aus, dass wir auf diese 23 Mil­lionen Euro noch etwas draufgesattelt hätten. Aber trotz­dem verwahre ich mich gegen die ungerechtfertigte Kri­tik, dass wir in dieser schwierigen Lage überhaupt nichts geleistet hätten. Ich verwahre mich auch gegen die Be­hauptung, dass der letzte Haushalt so toll gewesen wäre. Ich glaube, unsere Haushälter und unsere Arbeitsgrup­pen haben hier ganze Arbeit geleistet. Das ist ein guter Start für die neue Koalition.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Eines muss man doch auch einmal sagen: Erst mit dem Amtsantritt der Kanzlerin haben die vitalen Zu­kunftsfragen der Menschheit, nämlich Klima, Umwelt und Entwicklungspolitik, auch international wieder den nötigen Rückenwind bekommen, Frau Koczy. Jeder sieht doch, wie riskant zum Beispiel Ankündigungen vor oder nach Kopenhagen sind. Ebenso sieht jeder, dass es sehr riskant ist, auf internationalem Parkett mit einer sol­chen Vorlage aufzutreten, wie es die Kanzlerin und diese Bundesregierung getan haben. Wenn man aber nicht al­les erfüllt, dann schreit die Opposition sofort, dass man hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist.
 
(Priska Hinz [Herborn] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie sind nicht hinter unseren Er­wartungen, sondern hinter Ihren Zusagen zu­rückgeblieben! Das ist absurd!)
 
Deshalb frage ich Sie: Welche Erwartungen hatten Sie früher? Was Sie von den Grünen damals im BMZ zur Zeit der rot-grünen Regierung gemacht haben, war alles andere als grüne Politik. Sie haben vielmehr eine mick­rige Leistung abgeliefert.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Meine Kolleginnen und Kollegen von der SPD, ich möchte auf Ihren Fraktionsvorsitzenden Steinmeier zu­rückkommen. Zwar will ich seine Rede nicht in Gänze kommentieren, aber ich finde, dass er an einer Stelle et­was sehr Wichtiges gesagt hat. Er hat nämlich gesagt, dass auch die Sozialdemokraten nicht so tun, als befän­den wir uns nicht in der schwersten Krise seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland.
 
(Heike Hänsel [DIE LINKE]: Aber die Ent­wicklungsländer auch!)
 
Ich sage ganz ehrlich, dass es überhaupt nichts schönzu­reden gibt. Wir werden Schwierigkeiten haben, in den nächsten Jahren unsere selbst gesteckten Ziele zu errei­chen, weil uns die Krise unsere eigenen Pläne ziemlich verhagelt hat.
 
(Norbert Barthle [CDU/CSU]: So ist es lei­der!)
 
Ich sage an dieser Stelle aber auch: Wir werden diese Pläne nicht aufgeben. Sie stehen im Koalitionsvertrag. Wir werden versuchen, durch mehr Fantasie die notwen­digen Mittel aufzubringen. Das ist weiterhin unser Ziel für 2015.
 
Ich möchte noch ein paar strukturelle Dinge zur Dis­kussion stellen. Es war uns ein großes Anliegen, dass wir in diesem Haushalt neue Akzente bzw. Akzente – das sage ich an die Adresse unseres ehemaligen Koalitions­partners –, die wir uns damals gemeinsam vorgenommen hatten, setzen. Ich verstehe die diesbezüglich geäußerte Kritik nicht. Ich halte es nicht für besonders gelungen, dass man nach vier Jahren guter Zusammenarbeit inner­halb von drei Monaten alles vergisst, was man einmal gemeinsam machen wollte.
 
Im Haushalt der neuen Koalition ist eine neue Ent­wicklungsoffensive zu Afghanistan gestartet worden. Wir haben die Mittel für die ländliche Entwicklung deut­lich erhöht. Wir haben die Mittel für Bildung und Aus­bildung und für die nachhaltige Wirtschaftsentwicklung ebenfalls deutlich erhöht. Wir unterstützen mehr denn je die Arbeit der Nichtregierungsorganisationen, der Kir­chen und Stiftungen. Vor allem fördern wir – dieses Thema liegt mir sehr am Herzen – die Biodiversität und den Klimaschutz.
 
Für die ländliche Entwicklung haben wir 500 Millio­nen Euro veranschlagt. Bei der Bildung als Schlüssel zur Selbstbestimmung wurden die Mittel auf 200 Millionen Euro fast verdoppelt. Bei der nachhaltigen Wirtschafts­entwicklung ist es ganz wichtig – auch das war einmal ein gemeinsames Anliegen –, dass wir den Aufbau des privaten Sektors und des Mittelstandes tatkräftig unter­stützen. Das kann zum Beispiel durch Mikrofinanzierun­gen, aber auch durch umfangreiche Infrastrukturmaß­nahmen, die für den Aufbau der Privatwirtschaft genauso wichtig sind, geschehen.
 
Hinsichtlich des Umwelt- und Ressourcenschutzes gibt es ja die tollsten Kapriolen. Als damals die Grünen die Regierungsverantwortung verloren hatten und wir in die Regierung eingetreten sind, waren gerade einmal 25 Millionen Euro für die Erhaltung der Schöpfung, also für die Biodiversität, im Haushalt eingestellt. Frau Wieczorek-Zeul, ich weiß das deswegen noch so genau, weil wir uns damals gefragt haben, was wir mit diesem Plafond bewirken können. Jetzt wird in diesem Haushalt mehr als das Zehnfache dafür eingestellt.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Ich möchte Sie daher fragen: Was haben Sie während Ih­rer Regierungszeit in diesem Bereich zustande gebracht?
 
(Holger Haibach [CDU/CSU]: Da gibt es keine Zwischenrufe!)
 
Wir haben für Umwelt- und Ressourcenschutz fast 1 Milliarde Euro im BMZ-Haushalt eingestellt. Wir ha­ben zum Beispiel auch die Mittel, die wir für die Global Environmental Facility bereitstellen, um fast 100 Pro­zent erhöht, Frau Koczy. Es macht nichts, wenn Sie das eine oder andere nicht mitbekommen haben. Darum sage ich es hier. Aber ich bitte darum, dass Sie das entspre­chend würdigen.
 
Anhand dieser Zahlen sieht man: Wir halten unser Wort in Bezug auf die Fast-Start-Initiative, die in Kopen­hagen verabredet worden ist. Es sind genau 350 Mil­lionen Euro dafür eingestellt, die schon veranschlagt worden waren. Obendrauf kommen noch einmal 70 Mil­lionen Euro.
 
Lassen Sie mich noch etwas zu einem sehr aktuellen Thema sagen, nämlich zu Haiti. Man kann sicher da­rüber diskutieren, ob man hier oder da noch mehr hätte machen können. Aber die entscheidende Frage ist doch eine andere: Es gibt Situationen, in denen mehr Hilfe keinen Sinn hat. Wir müssen vielmehr längerfristiger denken.
 
(Zuruf der Abg. Heike Hänsel [DIE LINKE])
 
– Genau. – Wir müssen uns fragen, warum Haiti in ei­nem so katastrophalen Zustand war, dass es mit dieser Krise überhaupt nicht zurechtgekommen ist. Das führt mich wieder zu einer Steigerung, und zwar der Steige­rung der Mittel zum Beispiel für Stiftungen und Kirchen um 63 Millionen Euro. Wir müssen uns im Zusammen­hang mit den entwicklungspolitischen Mitteln auch mit fragilen Staaten, mit Staaten, die am Rande des Zusam­menbruchs stehen und weiße Flecken der Ordnung auf diesem Planeten sind, stärker auseinandersetzen. Das ist vor allem eine Aufgabe für die Stiftungen und die Kir­chen, die auch in einem Terrain arbeiten können, in dem die bilaterale Zusammenarbeit nicht funktionieren kann, weil es keinen demokratisch legitimierten Ansprechpart­ner gibt. Ich bin sehr froh, dass es uns gelungen ist, da einige entscheidende Weichen zu stellen.
 
Wir werden die Entwicklungspolitik auch in den nächsten Jahren sowohl qualitativ als auch quantitativ voranbringen. Wir werden das Schritt für Schritt und mit Fantasie tun. Nur so werden wir die globalen Herausfor­derungen meistern können.
 
Vielen Dank.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Dr. Christian Ruck

Foto: Laurence Chaperon
Dr. Christian Ruck


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Wir werden die Entwicklungspolitik auch in den nächsten Jahren sowohl qualitativ als auch quantitativ voranbringen