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19.03.2010

Dr. Rolf Koschorrek

Wir müssen jetzt längst überfällige Weichenstellungen vornehmen

Rede zum Gesundheitsetat




I.18) Beratung BeschlEmpf u Ber (8.A)
hier: Einzelplan 15
Bundesministerium für Gesundheit
- Drs 17/614, 17/623 -
 


Herr Präsident!
Liebe Kolleginnen und Kollegen!
 
Wir sind in den Beratungen zum ersten Haushalt der neuen Regierung und des neuen Ministers Rösler selbstbewusst an die Arbeit gegangen und haben deutlich gemacht, dass wir zu dem stehen, was vorher in der Gesundheits­politik gemacht worden ist, und dass es uns nicht darum geht, alles schlechtzureden, was vorher gelaufen ist, aber sehr wohl darum, die Dinge weiterzuentwickeln. Wir führen Bewährtes fort und wollen die Finanzierung an­gefangener Projekte auch in Zukunft weiter sicherstel­len. Ich nenne in diesem Zusammenhang die Verbesse­rung der Versorgung Pflegebedürftiger, die Förderung der Kindergesundheit und natürlich auch die Verbesse­rung der Versorgung chronisch Kranker. Kurz gesagt: Wir machen nicht alles anders, aber Vieles und Wesentli­ches deutlich besser.
 
Wichtige Entscheidungen, die angesichts der Verän­derungen in unserer immer älter werdenden Gesellschaft und auch infolge der Einflüsse der Globalisierung nötig sind, wurden jahrelang aus ideologischen Gründen im BMG verhindert und verschleppt. Wir müssen jetzt längst überfällige Weichenstellungen vornehmen und haben keine Zeit mehr zu verlieren, um tragfähige und nachhaltige Lösungen auf den Weg zu bringen. Dabei geht es nicht allein um die zukunftsfeste Finanzierung unseres Gesundheitssystems, die seit Monaten im Zen­trum der öffentlichen Diskussion steht, oder um Einspa­rungen im Arzneimittelbereich.
 
Ich rate den Kolleginnen und Kollegen der Opposi­tion, nicht immer jede Parole, die in irgendeinem sozia­listischen Kampfblatt montagmorgens durch den Äther geistert,
 
(Sven-Christian Kindler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Meinen Sie den Spiegel? – Ewald Schurer [SPD]: Bayernkurier! Herz-Jesu-Marxisten! – Christian Lange [Backnang] [SPD]: Spiegel oder Bayernkurier?)
 
hier gleich zur Grundlage bzw. zur Basis der Regie­rungspolitik zu machen, sondern einmal abzuwarten, was denn die sehr wohl kompetent besetzte Kommis­sion der Regierung berät. Wir werden im Laufe dieses Jahres einen entsprechenden Vorschlag auf dem Tisch haben und können diesen dann sicherlich auch mit dem von Herrn Lauterbach angekündigten durchgerechneten Konzept einer Bürgerversicherung seitens der SPD ver­gleichen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir mit dem, was wir gemeinsam mit Minister Rösler und der Regie­rungskommission dort entwickeln werden, am Ende zei­gen können, dass es nachhaltiger, gesellschaftlich ver­träglicher und vor allen Dingen auch gerechter sein wird.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)
 
Lassen Sie mich aber den Fokus auch auf einige an­dere Bereiche der Gesundheitspolitik der nächsten Mo­nate und auch Jahre richten. Wir haben uns einige Bau­stellen vorgenommen. Neben den mit der Neuordnung im Arzneimittelbereich verbundenen Einsparungen ha­ben wir noch mehr vor. Ich möchte einige Stichworte nennen:
 
Wir werden uns der Sicherung der ärztlichen Versor­gung in der Fläche widmen.
 
Wir werden neue Approbationsordnungen für Ärzte und Zahnärzte auf den Weg bringen.
 
Wir werden den Aufbau einer telematischen Infra­struktur beschleunigen.
 
Wir werden neue Gebührenordnungen zunächst im privatärztlichen und privatzahnärztlichen Bereich auf den Weg bringen.
 
Als letzte Baustelle haben wir uns die Angleichung der zahnärztlichen Honorare zwischen Ost und West vorgenommen.
 
Das sind nur einige Beispiele für die Bereiche, in de­nen wir umgehend Initiativen ergriffen haben. Wir arbei­ten daran, schnellstmöglich in Gesprächen mit den Be­troffenen zu tragfähigen Ergebnissen zu kommen.
 
Die längst überfällige Novellierung der seit 1988 un­veränderten Gebührenordnung für Zahnärzte bringen wir als Erstes auf den Weg.
 
(Zuruf von der SPD: Die armen Zahnärzte!)
 
– Es geht nicht um arme Zahnärzte, liebe Kolleginnen und Kollegen, überhaupt nicht. Aber eine Gebührenord­nung, deren Inhalt in wissenschaftlich-fachlicher Hin­sicht seit 1988 nicht weiterentwickelt worden ist, erfüllt die Bedürfnisse der Versorgung für die Jahre 2010 und folgende nicht mehr. Zur Finanzierung dieses Bereichs kommen wir später. Es geht zunächst um das Definieren einer wissenschaftlichen Gebührenordnung, die drin­gend überfällig ist,
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
und das nicht nur im zahnmedizinischen Bereich, son­dern auch im ärztlichen Bereich; denn die Gebührenord­nungen sind nicht mehr zeitgemäß – das müssen wir ak­zeptieren – und in Anbetracht der Tatsache, dass die derzeitige Gebührenordnung seit 1988 gilt, mache ich keinen Hehl daraus, dass die ein oder andere wirtschaft­liche Anpassung dieser Gebührenordnung erforderlich ist.
 
Das werden wir in einer konstruktiven Zusammenar­beit zwischen Politik, Leistungserbringern, aber auch den Kostenerstattern im Bereich der privaten Kranken­versicherung sowie der Beihilfestellen lösen. Ich bin zu­versichtlich – die Vorgespräche sind gut verlaufen –, dass wir schon in den nächsten Wochen Eckpunkte ver­einbaren und zügig, möglichst noch im Laufe dieses Jah­res, vorschlagsreif entwickeln können. Die Gebühren­ordnung für Zahnärzte wird eine Blaupause für das sein, was im ärztlichen Bereich ansteht. Ich bin zuversicht­lich, dass wir auch dort zu tragfähigen und zukunftsfes­ten Konzepten kommen.
 
Im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung, was die Angleichung der Verhältnisse zwischen den neuen Bundesländern und den restlichen Bundesländern angeht, ist eine letzte Aufgabe übriggeblieben, und zwar die Angleichung der Honorare im zahnmedizinischen Bereich. Auch diese Aufgabe müssen wir angehen, das ist längst überfällig. Es ist nicht mehr zu rechtfertigen, dass unterschiedliche Honorare gezahlt werden, wenn man bedenkt, dass sich die Lebens- und Arbeitsverhält­nisse zum Großteil angeglichen haben, und auch vor dem Hintergrund, dass in allen anderen Bereichen eine Angleichung bereits durchgeführt worden ist.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)
 
Die Gesundheitspolitik darf sich nach unserer Über­zeugung den notwendigen Neuansätzen nicht länger ver­weigern. Die älter werdende Gesellschaft in Deutsch­land, die Folgen der globalisierten Wirtschaft und der medizinische Fortschritt, der allen Patienten in unserem Lande zugänglich sein und bleiben muss, verlangen von uns Mut für Neuerungen. Wir brauchen eine verbesserte telematische Infrastruktur. Angesichts der älter wer­denden Bevölkerung, aber auch angesichts der zuneh­menden Zahl von chronisch erkrankten Menschen, die dank des medizinischen Fortschritts länger leben und da­mit länger chronisch krank sind, können wir nicht darauf verzichten, uns der neuen technischen Möglichkeiten bei der Betreuung dieser Patienten zu bedienen.
 
Wir müssen erhebliche Anstrengungen machen, dass die Infrastruktur für telematische Anwendungen in der Bundesrepublik verbessert wird. Wir haben das Pro­blem, dass wir durch die in Teilen sehr skurrile und auch durchaus unsinnige Diskussion über die Einführung und Organisation der E-Card in den letzten Jahren einiges an Gelände verbrannt und Zeit verloren haben. Aber auch dort sind wir willens und in der Lage, die Bestandsauf­nahme sehr schnell voranzutreiben und zusammen mit den Kostenerstattern und Leistungserbringern tragfähige Konzepte zu erarbeiten, um zu schlanken Strukturen und datensicheren Verhältnissen zu kommen, um dafür zu sorgen, dass daraus weitere telemedizinische Entwick­lungen, Qualitäten und Schnittstellen definiert werden, sodass ein Wettbewerb um die beste Versorgung und die beste Qualität auf dem Markt stattfinden wird.
 
Wir haben in den nächsten Jahren einiges vor. Unter anderem wollen wir als Querschnittsaufgabe zusammen mit den Kollegen aus dem Bereich des Bundesminis­teriums für Forschung und Bildung und des Wirtschafts­ministeriums dafür sorgen, unseren Nachholbedarf – zum Beispiel die Versorgungsforschung in der Bun­desrepublik Deutschland – zu beheben und diesen Be­reich nachhaltig auf eine bessere Grundlage zu stellen. In den Haushalten der drei Ministerien ist eine entspre­chende Steigerung der zur Verfügung stehenden Mittel vorgesehen.
 
Wir haben eine gute Versorgung, aber um sie besser zu machen, müssen wir wesentlich mehr über die Ver­sorgungsstruktur in der Bundesrepublik Deutschland wissen. Dieses Vorhaben werden wir auf den Weg brin­gen. Wir wollen, dass Deutschland auch in den nächsten Jahrzehnten eines der international besten Gesundheits­systeme behält. Nach all den Gesundheitsreformen der letzten Jahre, die hauptsächlich der kurzfristigen Kosten­senkung dienten, müssen wir das System nachhaltig neu justieren und nicht immer komplizierter, sondern trans­parenter machen und für alle Beteiligten die Mitwir­kungsmöglichkeiten deutlich verstärken. Deshalb rich­ten wir den Blick nach vorne und arbeiten für ein System, das über den Tag hinaus zukunftsfähig sein wird.
 
Herzlichen Dank.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
 
 
Dr. Rolf Koschorrek
Dr. Rolf Koschorrek


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