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12.11.2009

Norbert Barthle

Wachstum ist der einzige Schlüssel, aus dieser Krise herauszukommen

Rede zum Wachstumsbeschleunigungsgesetz




1.) Aussprache zum Geschäftsbereich:
Finanzen, Steuern, Haushalt
2.) Erste Beratung CDU/CSU, FDP
Wachstumsbeschleunigungsgesetz
- Drs 17/15 -


Sehr geehrter Herr Präsident!
Liebe Kolleginnen und Kollegen!
 
Auch ich will zuallererst dem neuen Bundes­finanzminister zu dieser sicherlich nicht einfachen, aber hochinteressanten Aufgabe gratulieren.
 
Es ist ein gutes Signal an die Öffentlichkeit, dass diese Debatte, die am Dienstagmorgen von der Bundes­kanzlerin eröffnet wurde, nun vom Bundesfinanzminis­ter heute sozusagen abgerundet wurde Das entspricht auch seiner herausgehobenen Stellung im Kabinett. Diese herausgehobene Stellung wurde im Koalitionsver­trag nochmals fest verankert. Denn darin heißt es aus­drücklich, dass sämtliche Maßnahmen unter Finanzie­rungsvorbehalt stehen. Dass der Finanzminister zudem noch aus dem für seine Sparsamkeit und für seine ausge­glichenen Haushalte bekannten Baden-Württemberg kommt, ist sicherlich auch keine schlechte Empfehlung.
 
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord­neten der FDP)
 
Es ist auch ein wichtiges Signal nach draußen, dass in dieser Debatte ein Haushälter das letzte Wort haben darf. Ich will an dieser Stelle erinnern, dass das Hohe Haus das Königsrecht des Parlaments ausübt, nämlich das Haushaltsrecht. Das ist keine Kleinigkeit; denn wer eine demokratische Staatsform auf ihre Qualität hin überprü­fen will, muss zuallererst schauen, wie es um das Bud­getrecht bestellt ist.
 
(Otto Fricke [FDP]: Sehr wahr!)
 
Lassen Sie mich an dieser Stelle daran erinnern, dass bereits 1849 die Mitglieder der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche das Budgetrecht in der Ver­fassung verankert haben – das war ein wichtiger Schritt –
 
(Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Sehr gut!)
 
und dass nicht durch Zufall die Nazis 1933 dies dem Parlament wieder genommen haben. An dieser Stelle wird also deutlich, wie wichtig dieses Budgetrecht für uns alle, für das Parlament ist.
 
Lassen Sie mich die Gelegenheit nutzen, auf einige grundsätzliche Zusammenhänge hinzuweisen; denn in dieser Woche wurde sehr viel von Wachstum gespro­chen. Das hat sich wie ein roter Faden durch alle Debat­ten gezogen.
 
(Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Die rote Zahl hat sich hindurchgezo­gen!)
 
Die Bundeskanzlerin hat deutlich darauf hingewiesen, dass ohne Wachstum keine Investitionen, keine Schaf­fung neuer Arbeitsplätze, keine Bereitstellung von Mit­teln für Bildung und keine Hilfen für die Schwachen möglich sind. Wachstum schafft die Voraussetzung für die notwendigen Spielräume in der Politik.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
 
Wachstum ist für uns kein Selbstzweck, sondern der ein­zige Schlüssel, aus dieser Krise herauszukommen.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Gleichzeitig ist immer von Sparen die Rede. Lassen Sie mich deshalb die Ausgabenseite unserer Haushalte im Hinblick auf eine mögliche Haushaltskonsolidierung kurz beleuchten. Der Mann auf der Straße sagt immer zuerst: Spart einfach mal! Nun lernt man als Haushälter relativ schnell, dass sehr große Bereiche unseres Haus­halts – 300 Milliarden Euro – festgeschrieben sind. Das ist kein großer Haufen Geld, in den man beliebig hinein­greifen kann, sondern da gibt es zum Beispiel laufende Zuweisungen und Zuschüsse insbesondere zur Sozial­versicherung bzw. zur Rentenversicherung. In diesem Jahr sind dadurch rund 175 Milliarden Euro sofort ge­bunden. Rechnet man dann die Zinsausgaben und die Personalausgaben – das sind noch einmal rund 70 Mil­liarden Euro – hinzu, so kommt man zu dem Ergebnis, dass ein relativ großer Teil des Bundeshaushalts festge­schrieben ist. Das heißt, die verfügbare Masse umfasst vielleicht noch etwa 20 Prozent. Dazu gehören Mittel für die Bildung sowie Investitionen in den Verkehr und in die Infrastruktur. Gerade dort wollen wir nicht sparen. Im Gegenteil, das wäre schädlich für jede konjunkturelle Entwicklung. Nichtsdestotrotz werden wir im kommen­den Bundeshaushalt jede Ausgabenposition sorgfältig dahin gehend überprüfen,
 
(Joachim Poß [SPD]: Da werden Sie sich aber kräftig verbiegen müssen, Kollege!)
 
ob es noch Einsparmöglichkeiten gibt; das ist gar keine Frage.
 
Wenden wir uns jetzt der Einnahmeseite zu. Bei den Einnahmeverbesserungen gibt es grundsätzlich drei Möglichkeiten: Erstens. Man könnte Steuern und Abga­ben erhöhen. Zweitens. Man könnte sich weiter ver­schulden. Drittens. Man kann Wachstum generieren.
 
Das Erstere – neue Steuern – haben wir, die christ­lich-liberale Koalition, vor der Wahl deutlich ausge­schlossen. Dabei bleibt es.
 
(Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Tosender Applaus!)
 
– Der kommt schon.
 
Das Zweite – höhere Schulden – ist nur begrenzt möglich. Wir wollen die Verschuldung zurückführen; das haben wir uns selbst auferlegt.
 
(Ute Kumpf [SPD]: Das glauben Sie doch selber nicht, was Sie da erzählen!)
 
Die Schuldenbremse steht unverrückbar im Grundge­setz. Diese Schuldenbremse ist – erlauben Sie mir diese Anmerkung –, historisch betrachtet, wahrscheinlich die größte Leistung der vergangenen Koalition.
 
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord­neten der FDP – Alexander Bonde [BÜND-NIS 90/DIE GRÜNEN]: Jetzt kommt der dritte Schritt zur Quadratur des Kreises!)
 
Wir haben nun die Aufgabe, eine mit dieser Schulden­bremse zu vereinbarende Lösung für die im kommenden Jahr sicherlich exorbitant hohe Neuverschuldung zu fin­den, um wieder auf den Pfad der Tugend zurückzukeh­ren. Das wird nur möglich sein, wenn wir um den Kri­senherd herum sozusagen eine Umgehungsstraße bauen. Dafür braucht es die Kreativität von uns Haushältern ge­nauso wie die des Finanzministers.
 
(Joachim Poß [SPD]: Das ist aber eine Lösung!)
 
Nun komme ich zur dritten und letzten Möglichkeit, zum Wachstum.
 
(Dr. Thomas Gambke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Jetzt gilt: 2 mal 2 gleich 40!)
 
Die ersten zwei Wege sind uns ja nahezu versperrt. Des­halb lautet die Faustformel: Wachstum generieren. Das Bundesfinanzministerium sagt uns immer: 1 Prozent Wachstum erzeugt mindestens 1 Prozent höhere Steuer­einnahmen.
 
(Carsten Schneider [Erfurt] [SPD]: Das ist falsch! – Joachim Poß [SPD]: Was ist das denn? In Deutschland ist das ein Fünftel! – Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Das ist die chinesische Faustformel! Die gilt hier nicht!)
 
Schaut man sich das gute Wachstumsjahr 2006 an, so stellt man fest: Da war das sogar deutlich mehr.
 
Lieber Herr Kollege Bonde, Sie haben in Ihrer Rede darauf hingewiesen, dass wir absurd hohe Wachstums­raten bräuchten. Erinnern Sie sich bitte an das Jahr 2006. Da hat uns das Wachstum Steuermehreinnahmen in Höhe von fast 40 Milliarden Euro beschert. Das waren um 2,5 Prozent höhere Steuereinnahmen pro Prozent­punkt des Wachstums: eine wunderschöne Rate, die zu höheren Steuereinnahmen geführt hat. Das Schöne ist: Wachstum wird auch auf der Ausgabenseite wirksam, weil wir weniger Geld zur Finanzierung der Arbeitslo­sigkeit und der sozialen Sicherungssysteme benötigen. Wachstum ist also der Schlüssel zum Erfolg.
 
(Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: 4,2 Prozent bis 2030! Da gilt ein Son­derjahr nichts!)
 
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Herr Kollege Barthle, erlauben Sie eine Zwischen­frage des Kollegen Schneider?
 
Norbert Barthle (CDU/CSU):
Aber immer.
 
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Bitte schön, Herr Schneider.
 
Carsten Schneider (Erfurt) (SPD):
Herr Kollege Barthle, Sie haben eben gesagt, 1 Prozent Wachstum führe zu 1 Prozent Steuermehrein­nahmen. Die Quelle dieser Angaben im Finanzministe­rium ist mir bisher verborgen geblieben. Ich möchte es ökonomisch betrachten: 1 Prozent Wachstum bedeutet, dass das Bruttoinlandsprodukt insgesamt um etwa 25 Milliarden Euro steigt. Die Steuerquote liegt bei etwa 25 Prozent, also etwa bei einem Viertel. Wie kommen Sie dann darauf, dass die Selbstfinanzierung höher aus­fallen soll? Mir ist das jedenfalls nicht bekannt. Bisher wurde das von keinem Ökonomen in irgendeiner Art und Weise bestätigt.
 
(Beifall bei Abgeordneten der SPD, der LIN­KEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ­NEN)
 
Ist es richtig, dass der Finanzplan, den die Große Koalition mit der Kanzlerin an der Spitze beschlossen hat, von einer realen Wachstumsquote von 2 Prozent ausgeht, das Potenzialwachstum aber darunter liegt? Wie wollen Sie dann die Steuermehreinnahmen darstellen?
 
Norbert Barthle (CDU/CSU):
Herr Kollege Schneider, wenn Sie sich beim BMF oder bei den einschlägigen Wirtschaftsforschungsinstitu­ten kundig machen, werden Ihnen alle sagen, dass die Faustformel gilt: 1 Prozent Wachstum erzeugt etwa 1 Prozent Steuermehreinnahmen. Genau dies habe ich dargelegt; so finden Sie es in allen Unterlagen wieder.
 
(Ute Kumpf [SPD]: Die Aussagen der Institute ha­ben in der Vergangenheit nie zugetroffen!)
 
Ich habe dargelegt, dass diese Quote im Jahr 2006 mit seinem Ausnahmewachstum sogar höher war: In diesem Jahr gab es ein Wachstum von 3 Prozent, aber Steuer­mehreinnahmen von annähernd 40 Milliarden Euro. Da­mit hat 1 Prozent Wachstum in diesem Jahr 2,5 Prozent Steuermehreinnahmen erzeugt. Das war eine Ausnahme­situation; aber auch eine solche Quote ist möglich. Ge­nau das habe ich eben dargestellt.
 
Es ist also unser Bestreben, möglichst hohe Wachs­tumsraten zu erzielen. Wenn wir im kommenden Jahr eine Wachstumsrate zwischen 1 und 2 Prozent erzielen, dann führt dies zu entsprechend höheren Steuereinnah­men. Die Größenordnung der Mehreinnahmen ist zwar nicht vorhersehbar, aber möglicherweise erreichen wir wieder die Quote aus dem Jahr 2006, als 1 Prozent Wachstum zu 12 Milliarden Euro Steuermehreinnahmen geführt hat.
 
(Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Was deutlich weniger ist!)
 
Wenn wir im kommenden Jahr 2 Prozent Wachstum er­reichen, können wir etwa 24 Milliarden Euro Steuer­mehreinnahmen erzielen; das wäre eine tolle Sache.
 
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord­neten der FDP – Bernd Scheelen [SPD]: Dann ist 2 mal 2 nicht 40, sondern 100!)
 
Lassen Sie mich zur Frage eines nachhaltigen, verant­wortlichen Wachstums zurückkommen. Ein solches Wachstum kennt nur Gewinner: uns, die Menschen in diesem Lande. Ich komme zum Wachstumsbeschleuni­gungsgesetz zurück, das hinsichtlich des Wachstums als Treibsatz wirken wird. Dieses Gesetz entlastet insbeson­dere die Familien. Wer sich das Finanztableau anschaut, der sieht sehr schnell, dass der größte Teil des Geldes, das wir in die Hand nehmen, bei den Familien landet.
 
(Nicolette Kressl [SPD]: Bei welchen Familien?)
 
Die Entlastungen werden also bei den Menschen in die­sem Lande wirksam und führen zu einem größeren Wachstum.
 
Herzlichen Dank.
 
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord­neten der FDP)
Norbert Barthle

Foto: CDU/CSU-Fraktion
Norbert Barthle


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