13.a) Beratung Antrag CDU/CSU, FDP
Gleichwertigkeit von Berufsbildung und Abitur gewährleisten
- Drs 17/8450 -
13.b) Beratung BeschlEmpf u Ber (18.A)
zum Antrag SPD
Gleichwertigkeit von Berufsbildung und Abitur sichern
zum Antrag B90/DIE GRÜNEN
Deutschen Qualifikationsrahmen zum Erfolg führen - Gleichwertigkeit von Abitur und Berufsabschlüssen sicherstellen
- Drs 17/7957, 17/8352, 17/8490 -
Wir wollen unsere Bildungsabschlüsse, von den einfachsten bis zu den höchsten, in einer achtstufigen Skala transparent machen, um zu zeigen, welche Kompetenzen der Einzelne im Laufe seines Bildungsprozesses erwirbt. Es soll zukünftig nicht mehr darauf ankommen, wo oder wie lange jemand lernt, sondern darauf, was er am Ende einer Ausbildung kann. Und das nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa: über 30 Staaten arbeiten derzeit an dem gleichen Ziel.
Zum ersten Mal in der europäischen Geschichte schaffen wir ein übergreifendes Vergleichssystem für Bildungsabschlüsse. Wir wagen damit einen entscheidenden Schritt hin zu einer europäischen Bildungslandschaft und nähern uns dem Ziel, die Europäische Union zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Zudem haben wir die Chance, unser nationales Bildungssystem zu öffnen.
Natürlich sind wir in Deutschland stolz auf viele Errungenschaften unseres Bildungssystems – die langen Traditionen der Hochschulen in Forschung und Lehre, den hohen Qualitätsstand der dualen Ausbildung oder die breite Allgemeinbildung, die unsere Schulen vermitteln. Aber wenn wir ehrlich sind, errichten unsere komplexen Systeme mit ihren Traditionen und Eigenheiten in mancher Hinsicht hohe Hürden zwischen den verschiedenen Bildungswegen. Manchmal hat unser System Aufstiege erschwert, Talente ausgebremst und „gläserne Decken“ errichtet, wo es allein auf Können, Initiative und den Willen zur Weiterbildung ankommen sollte.
In den letzten vier Jahren hat eine breite Koalition aus Beteiligten den Deutschen Qualifikationsrahmen erarbeitet. Vertreter von Bund, Ländern, Sozialpartnern, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft haben dabei vertrauensvoll zusammengewirkt und weitestgehend Übereinstimmung darüber erzielt, wie die Stufen beschrieben und Abschlüsse eingeordnet werden sollen.
Bund, Wirtschaftsministerkonferenz, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände genauso wie die Hochschulvertretungen sind sich einig: Gemessen an den vermittelten Kompetenzen ist die Einordnung des Abiturs auf Stufe 4 des DQR richtig. Das gilt auch für die anspruchsvolleren dualen Ausbildungen, die ebenfalls auf Stufe 4 eingeordnet werden sollen. Die Stufe 5 bildet dagegen tertiäre Abschlüsse ab, wie die ersten hochschulischen Abschlüsse oder berufliche Aufstiegsfortbildungen. Damit entsteht ein stimmiges Gesamtbild, in Deutschland und in Europa. Wir setzen uns für die Gleichwertigkeit des Abiturs und der anspruchsvollen dualen Ausbildungen ein.
Bei den dualen Erstausbildungen wollen wir über zwei Stufen differenzieren: Stufen 3 und 4. Die Hochschulzugangszeugnisse aller europäischen Länder sollen sich auf einer gemeinsamen Stufe wiederfinden. Das entspricht nicht nur unseren Verabredungen bei anderen internationalen Vergleichsinstrumenten, sondern auch der Vielzahl bilateraler Vereinbarungen.
Jetzt ist der Erfolg dieser jahrelangen Arbeit gefährdet. Es ist in den letzten Monaten trotz intensiver Bemühungen und zahlreicher Gespräche nicht gelungen, mit der Kultusministerkonferenz Einigkeit über die Zuordnung des Abiturs zu erzielen. Die Kultusministerkonferenz beharrt darauf, dass das Abitur auf der Stufe 5 eingeordnet wird. Gleichwertigkeit mit der dualen Berufsausbildung soll dadurch hergestellt werden, dass die Ausbildungsberufe über drei Stufen gestreckt werden. Gleichzeitig soll die Fachhochschulreife eine Stufe unterhalb des Abiturs angesiedelt werden. Das gefährdet die Kohärenz des DQR. Es wird der Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung nicht gerecht und setzt die duale Ausbildung gegenüber der Schulbildung herab.
Es stellt uns außerhalb der europäischen Wahrnehmung, die das deutsche Abitur nicht als höherwertiger ansieht als die Matura, das Baccalaureat oder die A-Levels. Und es wahrt nicht den erforderlichen Abstand zu den tertiären Abschlüssen der Stufe 5. Zudem unterscheidet es zwischen dem Abitur und der Fachhochschulreife, obwohl beides zur Aufnahme eines Bachelorstudiengangs an einer Hochschule berechtigt und der Bachelor unabhängig von der Art der Hochschule auf Stufe 5 eingeordnet wird. Es gefährdet unsere Glaubwürdigkeit gegenüber unserer eigenen Bevölkerung und in Europa. Der DQR ist ein beschäftigungsbezogenes Bewertungsinstrument, in dem vor allem nach den auf dem Arbeitsmarkt verwertbaren Kompetenzen gefragt wird. Zu Recht wird daher in den Medien gefragt: Warum soll der Geselle zwei Stufen unter dem Abiturienten stehen?
Wenn wir den DQR ernst nehmen, wenn wir Transparenz und Mobilität fördern wollen und wenn wir danach fragen, welche Kompetenzen tatsächlich vermittelt werden, dann müssen wir wirkliche Gleichwertigkeit zwischen Abitur und anspruchsvollen beruflichen Erstausbildungen schaffen. Wir dürfen die zweijährigen Aus-bildungen nicht mehr unterhalb der Hochschulreife einordnen. Auf der anderen Seite müssen wir den Abstand zu den ersten tertiären Abschlüssen wahren. Wie soll sonst der Wissens- und Kompetenzzuwachs zum Beispiel in Kurzstudiengängen oder Aufstiegsfortbildungen gezeigt werden?
Aus diesem Grund sage ich es offen: Wenn an dieser Stelle keine Einigkeit mit der Kultusseite möglich ist, ist es besser, auf die Zuordnung der Schulabschlüsse zunächst zu verzichten. Als nationales und europäisches Transparenzinstrument macht der DQR nur Sinn, wenn seine Zuordnungen richtig und stimmig sind. Auch wenn der EQR im Grundsatz bildungsbereichsübergreifend angelegt ist, hat er vor allem berufliche und akademische Qualifikationen mit unmittelbarem Arbeitsmarktbezug im Blick. Da die allgemeinbildenden Schulabschlüsse selbst nicht berufsqualifizierend sind, sondern die Grundlage für die weitere akademische und berufliche Ausbildung bilden, stellen sie ohnehin eine Besonderheit dar. Die allgemeinbildenden Schulabschlüsse könnten daher als Notlösung, wenn die weiteren Entwicklungen bei uns und in der EU klarer absehbar sind, in einem zweiten Schritt zugeordnet werden – wie es zum Beispiel auch Frankreich plant. So könnte die Stimmigkeit des Rahmens gewahrt und die Zuordnung der Qualifikationen sukzessive vorgenommen werden – und wir bewahren uns die Chance, mit dem DQR einen echten Beitrag für mehr Transparenz und Durchlässigkeit zu leisten.
Ich werbe noch einmal ausdrücklich um die Einführung des DQR: Qualifikationsrahmen sind Instrumente zur Erhöhung von Transparenz und Mobilität auf dem Arbeitsmarkt. Sie machen Gleichwertigkeit und Unterschiede zwischen Schulbildung und Studium und beruflicher Bildung in Deutschland sichtbar und tragen zur Durchlässigkeit und einer Erhöhung der Bildungsgerechtigkeit Deutschland und Europa bei.