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24.05.2007

Wolfgang Bosbach

Politische Grundsatzentscheidung zu Berlin/Bonn nicht in Frage stellen

Rede zum Berlin/Bonn-Gesetz




In der heutigen Debatte zum Antrag der Fraktion DIE LINKE „Beendigungsgesetz zum Berlin/Bonn-Gesetz“ führte Wolfgang Bosbach folgendes aus:


Herr Präsident!
Meine Damen und Herren!
 
Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind, sondern auch die Debatte über den Beschluss des Deutschen Bundes­tages, dass Parlament und Regierung nach Berlin umzie­hen. Heute haben wir diesen Punkt wieder auf der Tages­ordnung, und ich ahne, er wird auch in den nächsten Jahren immer wieder auf die Tagesordnung gesetzt wer­den,
 
(Beifall des Abg. Roland Claus [DIE LINKE])
 
vielleicht in einem neuen Gewande, immer in der Hoff­nung: Steter Tropfen höhlt den Stein.
 
Das ist aus der Sicht von Berlin und Umgebung auch verständlich; denn das bedeutet Milliardeninvestitionen hier in Berlin, Zehntausende neuer, sicherer Arbeits­plätze – dass die dann woanders verloren gehen, wird gerne ausgeblendet. Aber ich sage noch einmal: Aus der Sicht von Berlin ist mir der Wunsch durchaus verständ­lich. Allerdings müssen wir im Deutschen Bundestag die Interessen der gesamten Bundesrepublik Deutschland wahren. Bei dieser Gelegenheit der kleine Hinweis: Nicht nur das Land/die Stadt Berlin hat legitime Interes­sen; legitime Interessen haben auch andere Städte und Regionen in unserem Land.
 
Es wird gerne mit Kosten argumentiert, insbesondere mit den Kosten der Pendelei. Ich habe Verständnis für dieses Thema, dazu sage ich später auch noch etwas. Wer aber die Kosten in den Mittelpunkt der Argumenta­tion stellt, sollte bedenken, dass Kosten bei der Entschei­dung für Berlin nicht nur keine Rolle gespielt haben, sie durften – aus politischen Gründen – überhaupt keine Rolle spielen. Damals hieß es, es gehe um die Glaubwür­digkeit der Politik, sie müsse verlässlich und berechen­bar sein. Diese Argumentation greife ich gerne auf: Was damals für Berlin galt, muss heute auch für Bonn gelten.
 
Ich zitiere Willy Brandt – der ist zitierfähig –
 
(Zurufe von der SPD: Immer!)
 
– nicht immer, aber immer öfter –:
Mein Interesse ist es aber, an etwas mitzuwirken, das Berlin nicht außen vor lässt, was aber auch nicht eine Lösung ist, die überwiegend und einsei­tig zulasten von Bonn ginge. Denn wir haben Platz für mehr als einen Ort, für die Regierung und die anderen Instanzen, ganz abgesehen davon, dass na­türlich in Bonn eine Menge investiert worden ist, was nicht einfach in den Sand geschrieben werden darf.
 
Rita Süssmuth:
Es ist mir beim Gesetz wichtig, daran zu erinnern: Das alles war ein Kompromiss. Ohne den Plan, Mi­nisterien in Bonn zu belassen, wäre nicht auszu­schließen gewesen, dass die Entscheidung auch an­ders hätte ausfallen können.
 
Im Klartext: für Bonn.
 
Am Ende dieser kleinen Zitatsammlung der große Philosoph Gregor Gysi:
Mein entscheidendes Argument für Berlin ist ei­gentlich eine Frage nicht nur der nationalen Glaub­würdigkeit, sondern auch der internationalen Glaubwürdigkeit …
 
(Beifall bei der LINKEN)

Man kann Glaubwürdigkeit aber nicht nur für Berlin re­klamieren; das Glaubwürdigkeitsargument muss auch für Bonn gelten.
 
Es gibt einen untrennbaren politischen Sachzusam­menhang zwischen der Entscheidung des Deutschen Bundestages, mit dem Parlament und einem Teil der Bun­desregierung einschließlich der politischen Führung aller Ministerien nach Berlin umzuziehen, und dem Berlin/ Bonn-Gesetz. Das Berlin/Bonn-Gesetz ist die politische Geschäftsgrundlage für diese Umzugsentscheidung. So richtig die Entscheidung für Berlin war, so falsch wäre es, diese politische Grundsatzentscheidung des Deutschen Bundestages von damals, wenn auch nur in Teilen, in­frage zu stellen.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)
 
Es kommt im Übrigen ganz selten vor, dass ein An­tragsteller im Antrag die Argumente für die Ablehnung des Antrages gleich mitliefert. Im Antrag heißt es wört­lich:
„Sicherstellung einer dauerhaften und fairen Ar­beitsteilung zwischen der Bundeshauptstadt Berlin und der Bundesstadt Bonn“ …
 
So ist es. Wer das aber zitiert, muss doch zu der Erkennt­nis gelangen, dass man diese gesetzgeberische Grund­satzentscheidung nicht nach wenigen Jahren wieder auf­heben kann. Das wäre nämlich nicht „dauerhaft“, sondern das Gegenteil von „dauerhaft“. Außerdem wäre es gegenüber Bonn und der Region nicht fair.
 
Ein geradezu kurioses Argument findet sich auf Seite 3 des Antrages. Dort wird ausführlich beschrieben, dass Bonn und die Region Bonn nach der Umzugsent­scheidung und den Umzügen eine überaus positive Ent­wicklung genommen haben. Damit haben Sie recht. Dass Bonn und die Region Bonn wirtschaftlich erfolg­reich waren, kann doch aber kein Argument dafür sein, Tausende von Arbeitsplätzen nach Berlin zu verlagern. Berlin sollte sich vielmehr anstrengen, um wirtschaftlich mindestens ebenso erfolgreich zu sein wie die Region Bonn.
 
(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Wir haben die Staatsbetriebe in Bonn gelassen!)
 
Das größte Investitionshindernis in Berlin ist doch nicht der fehlende zweite Umzug. Das größte Investitionshin­dernis in Berlin ist der rot-rote Senat. Das ist der eigent­liche Grund.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie des Abg. Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN] – Lachen bei der SPD und der LINKEN – Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Nur ein Grüner klatscht!)
 
Ich darf darum bitten, nicht gegen die Gesetze der Lo­gik zu argumentieren. Liebe Leute, man kann doch nicht ernsthaft eine Zweiteilung der Regierungsfunktionen beschließen und sich anschließend wundern, dass man eine Zweiteilung der Regierungsfunktionen hat. Wer eine Zweiteilung beschließt, muss doch wissen, dass sie danach auch kommt. Hier wird ja gelegentlich der Ein­druck erweckt, der damalige Gesetzgeber hätte im Zu­stand der Bewusstlosigkeit eine Entscheidung getroffen, und nachdem er aufgewacht ist, erst gesehen, was er ent­schieden hat. Diese Entscheidung war gewollt.
 
(Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das war doch Nötigung! – Gegen­ruf des Abg. Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Freie Abgeordnete waren das damals!)
 
Sie wurde bewusst herbeigeführt, vermutlich um eine Reihe von Bonnbefürwortern auf die Seite Berlins zu ziehen. Sind sie aber auf dieser Seite angekommen, sagt man ihnen: Ätsch, das war gar nicht ernst gemeint. In Wahrheit wollten wir ja den Komplettumzug. – Das hat mit einer verlässlichen, mit einer redlichen Politik nichts zu tun. Politik muss verlässlich und berechenbar sein. Das, was Berlin für sich reklamiert, reklamieren Bonn und Umgebung mit genauso guten Gründen für sich.
 
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord­neten der SPD und der FDP)
 
Zu den Kosten der Pendelei. Ich habe Verständnis dafür, dass man fragt, ob es wirklich nötig ist, dass so viele Euros für die Pendelei ausgegeben werden. Dahin­ter setze auch ich ein Fragezeichen.
 
(Irmingard Schewe-Gerigk [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Was ist mit dem Klima­schutz?)
 
In der parlamentarischen Arbeit, in den Fraktionen, den Arbeitsgruppen und den Ausschüssen, erleben wir, ganz egal, von wo die Bataillone anreisen, Folgendes: Es er­scheint der Abteilungsleiter, im Gefolge der Unterabtei­lungsleiter, der Referatsleiter und jemand, der Ahnung hat. Da darf man schon einmal fragen: Genügt nicht der, der sich zu dem Thema auskennt? Muss ein ganzes Ba­taillon anreisen? – Man muss auch nicht unbedingt ins Flugzeug steigen. Ab und zu genügt der Griff zum Tele­fonhörer. Nichts spricht dagegen, die Reiserei zu redu­zieren. Wenn man sich aber den Zeitraum von 1999 bis 2006 ansieht, stellt man fest, dass in der ersten Hälfte dieser Zeitspanne 70 Prozent der Kosten angefallen sind und in der zweiten Hälfte nur noch 30 Prozent. Die Kos­ten sind also rückläufig.
 
Geradezu ein Stück aus dem Tollhaus ist es, den Ein­druck zu erwecken, als sei ein Umzug nach Berlin für den deutschen Steuerzahler besonders kostengünstig. Ich lasse jetzt einmal dahingestellt, ob ein Komplettumzug 4 oder 5 Milliarden Euro kostet.
 
(Dr. Gesine Lötzsch [DIE LINKE]: Das stimmt nicht! Die Zahlen sind ausgedacht!)
 
Jedenfalls haben wir das Geld nicht.
 
(Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Woher haben Sie solche Zahlen?)
 
Wir müssten Kredite aufnehmen. Wenn die Kosten 5 Milliarden Euro betrügen, müssten wir jedes Jahr etwa 250 Millionen Euro Zinsen zahlen. Dieser Betrag läge um ein Vielfaches höher als die Kosten der Pendelei. Das Kostenargument ist also nicht tragfähig.
 
Zum Schluss, Herr Präsident, möchte ich noch ein Zi­tat des ehemaligen Kollegen Dr. Möller aus der damali­gen Debatte anführen:
Deutschland verfügt über zwei politische Schwer­gewichte: Berlin und Bonn. Die mit dem Namen Bonn verbundenen Grundentscheidungen deutscher Politik bleiben das Fundament deutscher Politik.
 
Und Fundamente müssen stabil und dauerhaft sein.
 
Danke fürs Zuhören.
 
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord­neten der SPD und der FDP)
Bosbach, Wolfgang

Foto: Armin Linnartz
Bosbach, Wolfgang


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