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19.03.2010

Dr. Wolfgang Schäuble

In der gegebenen wirtschaftlichen Gesamtsituation wären Steuererhöhungen Gift

Rede zum Haushaltsgesetz 2010




I.21) Beratung BeschlEmpf u Ber (8.A)
hier: Haushaltsgesetz 2010
- Drs 17/624, 17/625 -
(TOP I.21, ohne Debatte))
II.) Dritte Beratung Bundesregierung
Feststellung des Bundeshaushaltsplans für das Haushaltsjahr 2010
(Haushaltsgesetz 2010)
- Drs 17/200, 17/201, 17/601 bis 17/616, 17/619 bis 17/622,17/623 17/624, 17/624, 17/25, 17/1077


Herr Präsident!
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
 
Gegen Ende der Haushaltsberatungen möchte ich mich zunächst bedanken bei den Mitgliedern und der Vorsitzenden des Haushaltsausschusses, bei den Mitar­beitern des Haushaltsausschusses und allen Abgeordne­ten, bei den Mitarbeitern des Bundesfinanzministeriums, besonders bei den Parlamentarischen und beamteten Staatssekretären. Dass wir am 19. März 2010 im Bun­destag den Haushalt 2010 verabschieden können, beruht auf einer Anstrengung aller, in ungewöhnlich kurzer Zeit die vorläufige Haushaltsführung zu Ende zu bringen. Ich möchte mich für die gute Zusammenarbeit bedanken. Ich bedanke mich auch für die guten Wünsche an mich; ich kann sie gebrauchen und werde davon Gebrauch ma­chen.
 
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Wie auch immer Sie das interpretieren wollen.
 
Herr Kollege Kindler, die Argumente sind zwar schon oft vorgebracht und oft widerlegt worden, aber – viel­leicht haben auch Sie das früher gehört – repetitio est mater studiorum, die Wiederholung ist die Mutter des Lernens. Warum haben wir es geschafft, den Haushalt so schnell vorzulegen, den Entwurf so schnell zu beraten und zu verabschieden? Wir sind von einem Haushalts­entwurf ausgegangen, den wir schon in der vergangenen Legislaturperiode aufgestellt haben. Sonst wäre das nicht möglich gewesen.
 
(Zuruf des Abg. Sven-Christian Kindler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
 
Diesen haben wir um bestimmte Sofortmaßnahmen zum 1. Januar 2010 ergänzt. Wir haben darauf verzichtet, eine Fortschreibung der mittelfristigen Finanzplanung vor­zulegen, was gesetzlich möglich war. Sie wird mit dem nächsten Haushaltsentwurf vorgelegt. Ferner haben wir die wirtschaftliche Lage und die Situation auf dem Arbeitsmarkt dazu genutzt, die Verschuldung weiter zurückzuführen. Die Neuverschuldung ist mit 80,2 Mil-liarden Euro außergewöhnlich hoch, und das macht Sorgen. Übrigens, Frau Kollegin Merkel, ob es nun 79,9 oder 80 Milliarden Euro sind, ist nicht so wichtig.
 
(Petra Merkel [Berlin] [SPD]: 77 Milliarden Euro!)
 
– Na gut. – Wissen Sie, es hat mit Kosmetik zu tun, ob man die Zahl nun knapp unter oder knapp über 80 Milliarden Euro ansetzt. Wir haben uns bei den Haus­haltsberatungen sehr bewusst für Substanz statt Kosme­tik entschieden.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Dahinter verbirgt sich genau wie hinter Ihrer Doppel­kritik ein Problem – liebe Kolleginnen und Kollegen, das wissen wir doch alle; Kollege Koppelin hat es gerade noch einmal beschrieben und glossiert –: Sie kritisieren natürlich auf der einen Seite, dass die Verschuldung viel zu hoch ist. Zugleich kritisieren Sie, dass wir viel zu we­nig ausgeben. Das passt nicht richtig zusammen. Sie müssten dann Steuererhöhungen fordern. Sie nennen das Subventionsabbau, aber in Wahrheit meinen Sie, wenn Sie Subventionsabbau sagen, Steuererhöhungen; damit wir uns da klar verstehen.
 
(Widerspruch bei der SPD, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Sven-Christian Kindler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Abbau von Privilegien!)
 
Wir glauben, dass in der gegebenen wirtschaftlichen Ge­samtsituation Steuererhöhungen für die weitere wirt­schaftliche Entwicklung Gift wären.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Nun stehen wir vor dieser außergewöhnlich anstren­genden und herausfordernden Aufgabe, die die Bundes­kanzlerin am Mittwoch in der Generalaussprache be­schrieben hat: Auf der einen Seite müssen wir in einer ungewöhnlich schwierigen und unsicheren wirtschaftli­chen Lage Schritt für Schritt die Voraussetzungen für wirtschaftliche Nachhaltigkeit, Leistungsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit gewährleisten. Übrigens ist in die­sem Haushalt eine Stärkung der Aufwendungen für For­schung und Bildung von 12 Milliarden Euro für diese Legislaturperiode enthalten. Das sind Aufwendungen für die Infrastruktur, für die Zukunftssicherung unseres Lan­des.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Auf der anderen Seite müssen wir die kurzfristig zu hohe Neuverschuldung in den Haushalten von Bund, Ländern und Gemeinden zurückführen.
 
Die Bundeskanzlerin hat zu Recht gesagt, dass dies vor dem Hintergrund einer älter werdenden Gesellschaft geschehen muss, einer Gesellschaft, die durch rückläu­fige Geburtenzahlen und – das ist ein Glück für uns alle – steigende Lebenserwartung geprägt ist.
 
Diesen Dreiklang müssen wir leisten. Er ist unge­wöhnlich herausfordernd. Deswegen ist es richtig, dass wir den Haushalt für das Jahr 2010 mit dieser Neuver­schuldung, auf Sicht und mit den Impulsen, die wir ge­setzt haben, so umsetzen, wie wir ihn jetzt zur Verab­schiedung vorschlagen. Deswegen bitte ich Sie um Zustimmung zum Bundeshaushalt 2010.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Im internationalen bzw. europäischen Vergleich sind wir übrigens gar nicht so schlecht. Die britische Zeit­schrift The Economist – in britischen Zeitschriften wer­den wir nicht immer nur gelobthat davon gesprochen, Deutschland sei wirtschaftspolitisches Vorbild.
 
(Carsten Schneider [Erfurt] [SPD]: Das ist aber nicht Ihr Verdienst! – Gegenruf des Abg. Otto Fricke [FDP]: Es ist doch ganz egal, wes­sen Verdienst das ist!)
 
– Daran haben wir alle mitgewirkt. Herr Kollege Schneider, Sie sollten bei Ihrer Kritik gelegentlich be­denken, dass ich immer erwähnt habe: Der erste Entwurf dieses Haushalts ist noch von meinem Vorgänger Steinbrück in der vergangenen Legislaturperiode vorge­legt worden. Warum die Gräben tiefer machen, als sie sind? Die Aufgabe ist groß genug. Wir sollten die Grä­ben nicht tiefer machen, als sie sind.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Auch hinter mancher kritischen Aussage unserer fran­zösischen Freunde verbirgt sich ein Stück weit Lob da­für, dass Deutschland seine Aufgabe relativ gut macht.
 
(Beifall der Abg. Peter Altmaier [CDU/CSU] und Dr. h. c. Jürgen Koppelin [FDP])
 
Ich glaube, dass wir in Europa alle miteinander darauf setzen müssen, die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken; das ist auch der Inhalt der Lissabon-Strategie. Deswegen werde ich weiterhin dafür eintreten, dass Deutschland wettbewerbsfähig bleibt und dass sich die, die vielleicht ein bisschen schwächer sind, anstrengen und nicht um­gekehrt. Sonst wird das nämlich nicht funktionieren.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Den Entwurf dieses Haushalts werden wir im Kabi­nett vor der Sommerpause verabschieden, einschließlich einer Fortschreibung der mittelfristigen Finanzplanung. Diese wird so ehrgeizig, wie es der Kollege Koppelin gerade beschrieben hat. Das erfordert das Grundgesetz. Diese Herausforderung müssen wir vor dem Hintergrund unseres föderalen Systems bewältigen.
 
Frau Kollegin Merkel, es nützt nichts: Ob eine Bun­dessteuerverwaltung leistungsfähiger wäre oder nicht, darüber kann man endlos streiten. Aber die Ordnung des Grundgesetzes ist so, wie sie ist.
 
(Petra Merkel [Berlin] [SPD]: Aber man kann sich doch bemühen, etwas noch ein bisschen besser zu machen!)
 
Deswegen werden wir diese Herausforderung im födera­len Verständnis unseres Bundesstaates bewältigen.
 
(Petra Merkel [Berlin] [SPD]: Nicht hinter dem Grundgesetz verstecken! Das kann man durchaus verändern! – Fritz Kuhn [BÜND-NIS 90/DIE GRÜNEN]: Nein! So ist es nicht! Natürlich kann man eine Bundessteuerverwal­tung machen!)
 
– Bitte?
 
(Fritz Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Selbstverständlich kann man eine Bundessteuer­verwaltung machen! – Petra Merkel [Berlin] [SPD]: Genau!)
 
– Dazu muss man das Grundgesetz ändern.
 
(Petra Merkel [Berlin] [SPD]: Ja! Na und? Dann machen wir das!)
 
Aber dafür hatten Sie in der Föderalismusreform-kommission II keine Mehrheit. Das Grundgesetz gilt in der Form, in der es jetzt ist.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Otto Fricke [FDP], zur SPD gewandt: Das wollen doch eure Länder auch! Die SPD-Länder wol­len das doch auch!)
 
Ich bin überzeugt, dass unser föderales System leis­tungsfähig ist. Ich bin überzeugt, dass wir diese Aufga­ben meistern. Deswegen hat die Koalition beschlossen, dass wir uns zunächst der nachhaltigen Stärkung der Finanzbasis der Kommunen widmen; mit dieser Arbeit haben wir genauso begonnen wie mit der Arbeit an der Reform unseres Gesundheitssystems. Das ist die Grund­lage unseres föderalen Systems: eine nachhaltige Stär­kung der Selbstständigkeit und Leistungsfähigkeit unse­rer kommunalen Selbstverwaltung. Dabei muss man die Ausgaben- und die Einnahmeseite betrachten und ohne Tabus vorgehen. Nur so können wir diese Aufgabe be­wältigen.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Schulden­bremse des Grundgesetzes werden wir in der Tat erfüllen müssen. Das heißt, wir müssen das strukturelle Defizit in den kommenden Jahren um etwa 10 Milliarden Euro jährlich zurückführen. Ich warne Neugierige: Im Jahre 2011 ist die Anstrengung vergleichsweise gering. Im Jahre 2012 wird sie größer, und im Jahre 2013 wird sie noch größer. Das muss jeder und jede wissen. Aber diese Aufgabe müssen wir erfüllen. Damit halten wir den Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakt ein. Sollte ihn die Bundesrepublik Deutschland nicht einhal­ten, würde er scheitern. Wenn er scheitert, scheitert mehr als nur der Europäische Stabilitäts- und Wachstumspakt.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Volker Kauder [CDU/CSU]: Sehr richtig! So ist das!)
 
Wir brauchen in dieser Welt der Globalisierung ein starkes, ein verlässliches, ein handlungsfähiges Europa und eine starke europäische Währung. Wir müssen un­sere Verantwortung auch vor diesem Hintergrund sehen.
 
Mit dem Dank für die gute Zusammenarbeit bei der Beratung des Haushalts 2010 verbinde ich die Bitte um Unterstützung und gute Zusammenarbeit bei der Bewäl­tigung der noch schwierigeren Aufgabe der Beratung des Haushalts 2011 und bei der mittelfristigen Finanzpla­nung.
 
Herzlichen Dank.
 
(Anhaltender Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
 
 
 
 
Dr. Wolfgang Schäuble

Foto: Armin Linnartz
Dr. Wolfgang Schäuble


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In der gegebenen wirtschaftlichen Gesamtsituation wären Steuererhöhungen Gift