28.*) Beratung Antrag SPD
Polarregionen schützen - Polarforschung stärken
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17/5228 -
Die Erforschung der Polarregionen übt seit über 200 Jahren eine ungebrochene Faszination auf die Menschheit aus. Bereits Mitte des 18. Jahrhundert zog es Forscher in die Arktis und Antarktis. Damals waren die Motive für die waghalsigen Expeditionen im Norden die Entdeckung neuer Landgebiete oder Wasserwege, im Süden die Erforschung des neu entdeckten Kontinents Antarktika. Später kamen die Bezwingung der geografischen Pole sowie neue Erkenntnisse für Geophysik, Ozeanografie, Glaziologie, Biologie und weitere Wissenschaften hinzu.
Inzwischen ist die Bedeutung der Polarforschung eine Umfassendere und für die gesamte Weltgemeinschaft Bedeutendere. Heute wissen wir, dass den Polarregionen eine maßgebliche Bedeutung in der Entwicklung des Weltklimas zukommt.
Für das europäische Klima spielt die Arktis eine entscheidende Rolle. Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Die Temperaturen steigen weiterhin an. Welche Folgen beispielsweise ein Auftauen des Permafrosts und die voraussichtlich damit einhergehende Freisetzung großer CO2-Mengen haben wird, muss erst noch erforscht werden. Auch die schonende und nachhaltige Nutzung der arktischen Ressourcen muss Gegenstand künftiger Forschung sein.
Untersuchungen betreibt die deutsche Polarforschung sowohl in der Arktis als auch in der Antarktis. Seit 1980 wird sie mit großem Erfolg durch das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung koordiniert. Als zentrales Institut für die Polarforschung leistet es heute in der Helmholtz-Gemeinschaft im Rahmen der programmorientierten Forschung interdisziplinäre Arbeiten von hohem internationalen Stellenwert in den Polarregionen.
Auch die Deutsche Gesellschaft für Polarforschung hat sich seit ihrem Bestehen um dieses bedeutende Forschungsfeld – insbesondere im Hinblick auf die Nachwuchsförderung – verdient gemacht. In ihr finden sich aktive Forscher aller Disziplinen vereinigt. Damit ist sie ein wichtiges Instrument interdisziplinärer Koordination und Zusammenarbeit. Kapazität und Expertise deutscher Polarforschung finden heute internationale Anerkennung.
Im heute zur Debatte stehenden Antrag fordert die SPD die Bundesregierung auf, sowohl in der Bundesrepublik als auch im Rahmen des 8. Forschungsrahmenprogramms der EU ein eigenes Polarforschungsprogramm aufzunehmen.
Die Bundesregierung trägt der herausragenden Bedeutung der Polarforschung bereits heute mit einer Vielzahl von Projekten und Programmen und Initiativen Rechnung. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert die Polarforschung durch das Rahmenprogramm „Forschung für nachhaltige Entwicklung“ mit circa 10 Millionen Euro je Projektförderung an außeruniversitären Institutionen und Universitäten. Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung wird durch das Ministerium im Jahr 2011 mit rund 94 Millionen Euro gefördert. Dazu gehört unter anderem der Betrieb der Neumayer-Station III in der Antarktis und des Forschungsschiffes Polarstern. Außerdem fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Polarforschung zusätzlich mit einem eigenen Schwerpunktprogramm „Antaktisforschung mit vergleichenden Untersuchungen in arktischen Eisgebieten“.
Insgesamt ist seit der vergangenen Legislaturperiode die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses durch Maßnahmen erheblich ausgebaut worden: Mit dem Pakt für Forschung und Innovation steigen die Zuschüsse für die gemeinsam mit den Bundesländern geförderten Forschungseinrichtungen (Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft und Leibniz-Gemeinschaft) sowie die Deutsche Forschungsgemeinschaft in den Jahren 2011 bis 2015 jährlich um 5 Prozent – hiervon profitieren indirekt auch die DFG-Programme zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.
Vergangenes Jahr ging die Exzellenzinitiative in die dritte Runde. Das Fördervolumen wurde um 30 Prozent auf rund 2,7 Milliarden Euro mit einer Laufzeit bis 2017 gesteigert. Die Bundesregierung will mit der Fortsetzung der Exzellenzinitiative den Wissenschaftsort Deutschland nachhaltig stärken, seine internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessern und Spitzenforschung an deutschen Hochschulen sichtbar machen.
Die Promotionsstipendien der zwölf durch das Ministerium für Bildung und Forschung unterstützten Begabtenförderungswerke wurden qualitativ wie quantitativ ausgebaut. Die Bedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs insgesamt sind in Deutschland daher so gut wie nie. Davon profitiert auch die Polarforschung.
Eine weitergehende Verlagerung von Kapazitäten und Mitteln zugunsten der Polarforschung könnte nur zulasten anderer wichtiger Forschungsbereiche vollzogen werden. Dies erscheint uns in Anbetracht der Vielzahl bereits bestehender sowie in Planung befindlicher Programme nicht angemessen.
Auch das Bundeswirtschaftsministerium fördert im Bereich des Referates „Maritime Wirtschaft“ Verbundvorhaben zur Entwicklung von Verfahren für eine wirtschaftliche Nutzung des nördlichen Seeweges. Grundlage hierfür bildet eine verlässliche Eisvorhersage sowie die Modellierung der meteorologischen und ozeanografischen Daten. Die Daten sollen anhand eines Datenassimilationssystems ausgewertet und für die Schiffroutenoptimierung zugänglich gemacht werden. Für dieses Verbundprojekt, an welchem neben Unternehmen auch das Alfred-Wegener-Institut sowie die Universitäten Bremen und Hamburg beteiligt sind, stellt das Ministerium 2,3 Millionen Euro zur Verfügung.
Innerhalb der Europäischen Union ist Deutschland Mitglied des European Polar Board. Im Rahmen des ERA-NET EUROPOLAR werden zahlreiche Projekte finanziell unterstützt. Viele von ihnen finden unter deutscher Beteiligung statt.
Im Zuge der Entwicklung der EU-Meerespolitik hat die Europäische Kommission 2008 einen Aktionsplan für die Arktis vorgelegt, der Vorschläge für detaillierte Entwicklungen in der arktischen Forschung enthält. Diese Entwicklung soll in eine EU-Arktispolitik münden.
Auch der Ausbau der Infrastruktur für die Polarforschung wurde in den zurückliegenden Jahren durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziell unterstützt. Dazu gehören die Anschaffung polartauglicher Flugzeuge und die Ausstattung der Neumayer-Station III für den Pilotbetrieb. Das durch das Ministerium geförderte modulare multidisziplinare Meeresboden-Observatorium (MoLab) zur Erfassung physikalischer und biogeochemischer Prozesse im Bereich des Meeresbodens und der bodennahen Wasserschicht an Kontinentalrändern schließt eine entscheidende Lücke zwischen den geplanten, räumlich gebundenen verkabelten regionalen Observatoren und schiffsgestützten Momentaufnahmen. Das System ist in allen Meeresgebieten einsetzbar.
Mit Blick auf die Forschungsschiffe hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung zugesagt, dem Deutschen Bundestag eine Gesamtschiffstrategie vorzulegen. Ich bin davon überzeugt, dass die Erkenntnisse des von der Bundesregierung selbst beim Wissenschaftsrat in Auftrag gegebenen Gutachtens „Empfehlungen zur zukünftigen Entwicklung der deutschen marinen Forschungsflotte“ hier nach Möglichkeit Eingang finden werden.