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26.01.2012

Thomas Strobl

Das größte Denkmal liegt in uns selber

Rede zum Erhalt von Gedenkstätten




6.) Beratung Antrag DIE LINKE.

Erhalt der Gedenkstätten nationalsozialistischer Vernichtungslager sicherstellen

- Drs 17/7028 -


Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kolle­gen! In dem Antrag „Erhalt der Gedenkstätten national­sozialistischer Vernichtungslager sicherstellen“ fordert die Fraktion Die Linke die Bundesregierung auf, mit Fi­nanzmitteln dazu beizutragen, dass die in Polen gelege­nen Erinnerungsorte der Schoah erhalten werden kön­nen. Hierauf möchte ich antworten: Sie rennen offene Türen ein. Diese Bundesregierung tut das doch längst, und sie tut das in beträchtlichem Umfang, sowohl in Polen als auch bei uns in Deutschland. Die vier großen KZ-Gedenkstätten in Thüringen und Brandenburg und seit 2009 zusätzlich die westdeutschen KZ-Gedenkstät­ten Bergen-Belsen, Neuengamme, Dachau und Flossen­bürg sind in die institutionelle Förderung des Staatsmi­nisters für Kultur und Medien aufgenommen worden. Der Staatsminister für Kultur und Medien fördert auch die Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Euro­pas“ sowie das Haus der Wannsee-Konferenz, die ja, wie Kollege Wieland schon gesagt hat, fast exakt in diesen Tagen vor 70 Jahren stattgefunden hat und an die wir uns zu Recht erinnern.

Auch außerhalb Deutschlands übernimmt die Bun­desrepublik Deutschland Verantwortung dafür, dass an die Verbrechen der Nationalsozialisten erinnert wird. Al­lein zum Erhalt der als Erinnerungsort bedeutsamen Ge­denkstätte Auschwitz-Birkenau hat der Bund seit 2009 in enger Kooperation mit den Ländern 60 Millionen Euro zur Verfügung gestellt und sich dabei eng mit der polnischen Seite und weiteren internationalen Partnern abgestimmt.

Das heißt, der im Antrag der Linken implizit enthal­tene Vorwurf, diese Koalition unterstütze die Erinnerung an die NS-Verbrechen nicht oder nicht im nötigen finan­ziellen Umfang, entbehrt jeglicher Grundlage. Das Ge­genteil ist wahr.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Jan Korte [DIE LINKE]: Wo steht das im Antrag? Das ist nicht angemessen bei dem Thema!)

Tatsache ist: Die Erinnerung an die NS-Zeit und ihre Verbrechen gehört zu den Kernanliegen dieser Bundes­regierung und dieser Koalition. Daraus folgende finan­zielle Verpflichtungen nimmt sie peinlich genau und in vollem Umfang wahr. Wahr ist aber auch: Diese Bundes­regierung und diese Koalition widerstehen der Versu­chung eines allzu wohlfeilen, geradezu gönnerhaften Angebots von Finanzhilfen an europäische Nachbarstaa­ten wie Polen, dessen Regierung um solche Hilfen über­haupt nicht gebeten hat.

(Wolfgang Börnsen [Bönstrup] [CDU/CSU]: Richtig!)

Ein Finanzierungsangebot unsererseits könnte den Ein­druck erwecken, unsere europäischen Freunde seien zum Erhalt von Gedenkstätten nicht selbst imstande, obwohl sie sich in den Verhandlungen zur Theresienstädter Er­klärung vom 30. Juni 2009 faktisch genau dazu bekannt und verpflichtet haben.

Vom polnischen Botschafter, mit dem ich letzte Woche ein langes und konstruktives Gespräch geführt habe, weiß ich, wie entschlossen das polnische Volk ist, aus eigener Kraft seinen internationalen Verpflichtungen vollum­fänglich nachzukommen, und wie ungern es allgemein gesehen wird, durch ungebetene deutsche Finanzhilfen quasi indirekt abgesprochen zu bekommen, dazu in der Lage zu sein. Meine verehrten Damen und Herren Kolle­ginnen und Kollegen, gut gemeint ist nicht immer gut ge­macht. Polen ist ein starker Partner Deutschlands, kein hilfsbedürftiger Kostgänger. Wir sollten jeden Eindruck, der in diese Richtung geht, vermeiden.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)

Auf die Gedenkstätte Sobibor, die im Antrag der Lin­ken namentlich erwähnt ist, übertragen, heißt das: Nur weil im Sommer 2011 aufgrund administrativer Rege­lungen vor Ort ein Finanzierungsengpass entstand, be­steht noch lange kein Grund, bei uns die Alarmglocken zu läuten und mit ungebetenen finanziellen Zuwendun­gen in Warschau voreilig vorstellig zu werden. Tatsäch­lich hat die polnische Regierung selbst schon hinrei­chende Korrekturen vorgenommen. Warschau hat die Verwaltung Sobibors Anfang 2012 dem Kultusministe­rium unterstellt und damit zur Chefsache erklärt, was als hinreichende Garantie für die Zukunft der Gedenkstätten in Polen anzusehen ist. Damit erübrigt sich jede ungebe­tene Finanzhilfe unsererseits. Sie würde, wie gezeigt, möglicherweise beleidigend wirken, falls wir sie Polen dennoch anböten, ja, geradezu aufdrängten. Dazu wollen wir es nicht kommen lassen. Deswegen lehnen wir den Antrag der Linken ab.

Erlauben Sie mir zum Schluss noch einen Gedanken, gerade angesichts des morgigen internationalen Holo­caustgedenktages: Wir sind uns alle einig, dass sich die menschenverachtenden Völkermordaktionen Nazideutsch­lands niemals wiederholen dürfen. Wir sind sicher alle gleichermaßen aufgeschreckt angesichts der Zeitungsbe­richte in dieser Woche, denen zufolge antisemitische Ein­stellungen bei uns wieder auf dem Vormarsch sind, zu­mindest in latenter Form. Wenn das zutrifft – davon ist angesichts der Seriosität der Erhebungsmethoden auszu­gehen –, muss man sich die Frage stellen: Welchen zu­sätzlichen Weg können wir gehen, um das Wiederaufle­ben judenfeindlicher Gesinnung zu verhindern, wenn die pädagogische Kultur des routinierten Gedenkens es of­fenkundig allein nicht schafft, wie es eine deprimierte Charlotte Knobloch am Montag fast schon verzweifelt ausdrückte? Was können wir ergänzend tun, um das viru­lente Gift des Rassismus wirksam zu neutralisieren, das offensichtlich noch immer in den Menschen steckt? Dies hat übrigens – das sage ich ohne Häme und ohne partei­politische Kampfeslust – längst auch die Linkspartei be­fallen, wie die Vorgänge in ihrem Duisburger Kreisver­band im Jahr 2011 belegen.

Das größte Denkmal, das wir den Opfern des Holo­caust errichten können, liegt nicht in Polen, liegt nicht in Deutschland oder sonst wo, sondern in uns selber.

(Wolfgang Börnsen [Bönstrup] [CDU/CSU]: Richtig!)

Es ist kein in Stein gehauenes Mahnmal. Es kostet auch kein Geld. Vielmehr ist es der täglich aufs Neue gefasste Entschluss unseres Herzens, Menschlichkeit zu üben, immer und überall und gegenüber jedermann. Eine sol­che Praxis ist alles in allem die bestmögliche Antwort.

Vizepräsidentin Petra Pau:
Kollege Strobl, angesichts des Themas bin ich ausge­sprochen großzügig; aber ich bitte Sie, jetzt das Signal zu beachten.

Thomas Strobl (Heilbronn) (CDU/CSU):
Sie kostet nichts außer einer Willensanstrengung und ist dennoch unendlich viel wertvoller als jede Geldinves­tition.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)

Das ist der Grund, warum wir den Antrag der Linken ab­lehnen.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Thomas Strobl

Foto: Laurence Chaperon
Thomas Strobl


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Das größte Denkmal liegt in uns selber