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15.12.2011

Anette Hübinger

Bessere Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft ist nötig

Rede zur Geschlechtergerechtigkeit




6.) Beratung Große Anfrage SPD, DIE LINKE. und B90/DIE GRÜNEN

Geschlechtergerechtigkeit in Wissenschaft und Forschung

- Drs 17/5541, 17/7756 -


Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Aus der Debatte heute Abend ist schon deutlich geworden: Weihnachten ist für Frauen noch nicht, aber das Fest der Freude bringt Hoffnung, und Hoffnung haben auch die Antworten der Bundesregierung bei mir geweckt. Dennoch zeigen die Zahlen – das wurde heute Abend schon öfter gesagt –, dass bei Immatrikulationen und Abschlüssen Frauen spitze sind; aber wenn die Luft oben dünner wird, ist der Anteil der Frauen kaum noch mit dem Fernglas zu erkennen.

(Marianne Schieder [Schwandorf] [SPD]: Ja, schlimm! – Sibylle Laurischk [FDP]: Denen geht sozusagen die Puste aus!)

Deswegen muss etwas getan werden. Aber wir müssen auch zugeben: Ganz bei null beginnen wir nicht. Nur muss der eklatante Sprung bei den Karrierewegen aufgehoben werden. Dass keine Frauen in Spitzenpositionen sind, findet seinen Grund mit Sicherheit nicht darin, dass es keine Frauen gibt. Das sieht man an den Abschlüssen: Da sind wir spitze.

(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP)

Allerdings zeigen die Antworten der Bundesregierung auch, dass in den letzten zehn Jahren schon eine Dynamik eingetreten ist und dass es zu mehr Chancengerechtigkeit zwischen Männern und Frauen im Wissenschaftssystem gekommen ist. Den Grund dafür sehe ich im Gegensatz zur Opposition auch darin, dass die Bundesregierung die Verbesserung der Repräsentanz von Frauen als ein strategisches Erfordernis ansieht und dass das BMBF die Erhöhung des Anteils von Frauen in Spitzenpositionen in der Wissenschaft als wichtigen Bestandteil in seine Fördermaßnahmen integriert. Professorinnen-Programm, Exzellenzinitiative, Pakt für Forschung und Innovation und Hochschulpakt haben mit Sicherheit ihren Teil dazu beigetragen. Ein weiterer Grund – auch das wurde heute Abend schon erwähnt – ist die freiwillige Selbstverpflichtung der DFG, der auch viele Hochschulen, die der DFG angeschlossen sind, beigetreten sind. Trotz dieser Dynamik sind wir uns einig, dass diese Fortschritte noch nicht ausreichen und wir als Frauen mit Sicherheit nicht noch einmal 20 Jahre warten wollen, bis vielleicht noch einmal eine Verdoppelung der Habilitationszahlen eingetreten ist. Das wäre Ressourcenverschwendung.

(Ulla Burchardt [SPD]: Sehr gut!)

Wo setzen wir an? Aus meiner Sicht gibt es erst einmal zwei Faktoren, die entscheidend sind. Erstens haben wir weiter mit dem Phänomen der „leaky pipeline“ – Frau Sager hat das auch schon erwähnt – zu kämpfen. Sobald Frauen die Promotion haben, brechen sie ihre Karriere im Wissenschaftssystem ab. Hier brauchen wir, so sage ich, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft – das ist das A und O –, genau wie in der Wirtschaft. Der Bund hat die ersten Schritte eingeleitet, indem er das Krippenausbauprogramm beschleunigt hat, damit Frauen ihre Kinder unterbringen können. Genauso ist aber erforderlich, dass eine spezifische Frauenförderung stattfindet; denn Frauen sind in Bewerbungen zurückhaltender, wie die Forschung festgestellt hat. Sie bewerten sich oft sehr selbstkritisch und fühlen sich nicht wie die Männer als Hecht im Karpfenteich. Auch hier tut der Bund das Seine zur Unterstützung von Karrierewegen, zum Beispiel durch das Professorinnen-Programm oder Monitoringprogramme.

Zweitens. Das Ausscheiden von Professorinnen und Professoren in den nächsten Jahren muss genutzt werden. Laut Statistischem Bundesamt scheiden bis 2019 ungefähr 11 000 Professorinnen und Professoren aus, und zwar aus Altersgründen. Bei der Berufung in den nächsten Jahren können die Akteure im Wissenschaftssystem beweisen, dass sie es mit dem Anspruch auf Chancengleichheit wirklich ernst meinen.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)

Natürlich gibt es fachspezifische Unterschiede, und die müssen auch bei der Gleichberechtigungsfrage eine Rolle spielen. Dort, wo aufgrund vergangener Ausbildungsstrukturen noch keine Frauen sind, kann man keine rekrutieren. Aber man muss schlicht und ergreifend dafür sorgen, dass mehr Frauen in diese Bereiche hineinkommen. Ich denke dabei an die weitere Förderung von Frauen in MINT-Berufen. Aber wir dürfen auch nicht nachlassen, Frauen auf ihren Karrierewegen mit einer besonderen Unterstützung zu begleiten.

Damit komme ich zur Quote, die die Opposition in der Presse gefordert hat. Heute Abend wurde das Kaskadenmodell mehrfach angesprochen. Das hatten wir schon in unseren Antrag zu Zeiten der Großen Koalition aufgenommen. Dieses Kaskadenmodell ist für mich ein sehr guter Ansatz. Es setzt aber voraus – auch das wurde heute Abend gesagt –, dass man bei der Abfolge vom Studienabschluss bis hin zu den einzelnen Karrierestufen darauf achtet, dass auch genügend Frauen kommen. Wenn nämlich keine Frauen unten sind, können auch nie welche nach oben befördert werden. Diese Kaskade muss mit Zielvorgaben auf den einzelnen Karriereleiterstufen versehen werden, um die Parität von Frauen künftig zu erreichen. Wenn diese Zielorientierung in den nächsten Jahren nicht sichtbar greift und eine Selbstverpflichtung des Wissenschaftssystems keine Fortschritte bringt, dann befürworte auch ich die gesetzliche Einführung des Kaskadenmodells.

Die Akteure des Wissenschaftssystems haben die Entwicklung in den kommenden Jahren selbst in der Hand. Ich bin deshalb gespannt, was der Wissenschaftsrat – Herr Braun hat die entsprechende Studie genannt – an Themen und an Verbesserungsvorschlägen aufführen wird. Ich muss zugeben: Für die christlich-liberale Koalition und für mich sind Lösungen, die aus dem Wissenschaftsbereich kommen, immer noch die besten.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Anette Hübinger

Foto: Beeker und Bredel
Anette Hübinger


Themen - A bis Z

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Bessere Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft ist nötig