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31.03.2008
Erika SteinbachVerfolgt und vertrieben im Zweistromland
Namensartikel für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Der Irak erlebt die größte Flüchtlingskatastrophe des Nahen Ostens seit 1948. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung beklagt Erika Steinbach: "Zu den am meisten gefährdeten Gruppen gehören Christen." Die Vorsitzende der Arbeitsgruppe Menschenrechte und humanitäre Hilfe sieht die Gefahr einer Destabilisierung der gesamten Region.
"Dunkelheit und Schweigen" herrsche im Westen, so die Klage von Louis Sako, dem Erzbischof der nordirakischen Stadt Kirkuk. Die Entführung seines Amtsbruders Paulos Rahhu vor einigen Wochen sei schlicht ignoriert worden. Seine chaldäisch-katholische Kirche leide darunter, dass die westliche Öffentlichkeit vor dem Leiden der Christen im Irak die Augen verschließe.
Vor den Toren Europas spielt sich tatsächlich ein beispielloses Drama ab, und der Westen schweigt. Rahhu, Erzbischof von Mossul, war Ende Februar nach einem Gottesdienst in der dortigen Kathedrale zum Heiligen Geist entfuhrt worden. Seine drei Begleiter, darunter sein Leibwächter und ein Diakon, waren bei dem Überfall auf offener Straße erschossen worden. Seitdem fehlte von dem 65 Jahre alten Erzbischof, der seit mehr als zehn Jahren in Mossul tätig gewesen war, jede Spur. Sako ging vom Schlimmsten aus. Knapp zwei Wochen nach dem Verschwinden Rahhus teilten die Entführer Sako mit, wo er den Leichnam seines Amtsbruders finden könnte.
Der Tod des höchsten christlichen Würdenträgers im Irak ist eines von vielen traurigen Beispielen für die Folgen der Vertreibungswelle, mit der Extremisten das Land seit zwei Jahren überziehen. 4,5 Millionen Iraker befinden sich nach dem neuesten Bericht der Vereinten Nationen auf der Flucht, und jeden Monat werden weitere 60 000 Menschen vertrieben. Die Hälfte der betroffenen Iraker sind Binnenflüchtlinge, die sich in etwas sicherere Landesteile flüchten. Mehr als 2,2 Millionen Iraker sind in die Nachbarländer geflohen. Im Nahen Osten spielt sich derzeit das größte Flüchtlingsdrama seit dem Palästina-Krieg 1948 ab.
Die Massenflucht begann laut Angaben der Vereinten Nationen mit dem Anschlag auf die Goldene Moschee in Samarra im Februar 2006. Dieser löste eine bis jetzt andauernde Welle der Gewalt zwischen den unterschiedlichen Religionsgruppen aus. Extremisten nutzen die bürgerkriegsähnlichen Zustände, um religiös homogene Gebiete zu schaffen. Unter den Ausschreitungen leiden deshalb hauptsächlich die religiösen Minderheiten.
Die Hauptlast dieses Exodus tragen neben den kurdischen Gebieten im Norden des Iraks die Nachbarländer Syrien, wo etwa 1,4 Millionen irakische Flüchtlinge leben, was einem Fünftel der Landesbevölkerung entspricht, und Jordanien mit etwa 750 000 Irakern. Zudem haben Ägypten, Libanon und die Türkei Zehntausende Flüchtlinge aufgenommen. Sie leben in der Mehrzahl nicht in großen Lagern, sondern überwiegend in angemieteten, überfüllten Wohnungen, so dass ihr Elend über Fernsehbilder wesentlich schlechter zu vermitteln ist als das der Flüchtlinge in weißen Zeltstädten.
Ohne dass der Westen bislang Notiz davon nahm, verschärft sich die Situation der irakischen Flüchtlinge in den Nachbarstaaten: Aufgrund der gestiegenen Nachfrage haben sich die Kosten für Lebensmittel und Unterkunft fast verdoppelt. Außerdem unterliegen die Flüchtlinge einem Beschäftigungsverbot und müssen von ihren mitgebrachten Ersparnissen leben. Ihnen droht langsam, aber sicher die Verelendung.
Welche Schicksale damit einhergehen, weiß Oberin Claude Naddaf zu berichten, die für ihre Arbeit in Damaskus 2007 den französischen Menschenrechtspreis erhielt. Sie betreut mit ihrem Orden der "Schwestern zum guten Hirten" mehr als 1300 Familien. Sie schildert eindrücklich, dass etliche Flüchtlinge keinen Ausweg mehr sähen, als ihre Kinder zur Schwarzarbeit oder sogar in die Prostitution zu schicken. "Die Menschen haben ihre Würde verloren", so die Oberin.
Besonders betroffen von Flucht und Vertreibung ist die nichtmuslimische Bevölkerung des Iraks. Als religiöse Minderheit ist sie bevorzugtes Ziel von Extremisten. Nichtmuslime machen mehr als zehn Prozent der Flüchtlinge aus. Zu diesen Minderheiten zählen Mandäer und Yesiden, deren historische Wurzeln bis nach Babylon reichen. Dazu gehören auch Armenier, Assyrer oder Chaldäer -Christen, die seit 2000 Jahren zwischen Euphrat und Tigris leben, dem biblischen Zweistromland. Dort, in einer der Wiegen unserer Zivilisation, wird noch heute auf Aramäisch, der Sprache Jesu Christi, gebetet.
Die irakischen Christen gehörten vor dem Krieg mehrheitlich dem Mittelstand an und sind in der Regel gut ausgebildet. Die Lebensumstände der ehemaligen Ladenbesitzer, Ingenieure, Geschäftsleute und Ärzte sind jetzt allerdings prekär. Zum einen gelten die Christen in Teilen der muslimischen Bevölkerung des Iraks nach wie vor als Ungläubige, die auch so zu behandeln seien: Man versucht, sie zum Übertritt zu zwingen. Andererseits wird den Christen unterstellt, mit den Koalitionstruppen im Lande, geführt von den "christlichen" Amerikanern, zu kollaborieren.
Wie mit derartigen "Verrätern" verfahren wird, zeigen unzählige Vorfälle: Entführung, schwerste Körperverletzung und Mord sind an der Tagesordnung. Oft beginnen die Attacken gegen eine christliche Familie durch einen Drohbrief oder eine SMS mit der Aufforderung, zum Islam zu konvertieren oder binnen 24 Stunden das Land zu verlassen. Die Ernsthaftigkeit ihrer Konversion sollen die Christen oftmals dadurch unter Beweis stellen, dass sie ihren Verfolgern die Töchter der Familie überlassen. Findet eine Familie dann Mutter oder Vater, die plötzlich verschwunden waren, morgens -mit Folterspuren - tot vor der Haustür, bleibt nur ein Ausweg: die Flucht.
Neunzig Prozent der irakischen Flüchtlinge sind nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) schwer traumatisiert. Zudem fehlt ihnen in den Aufnahmeländern jede Zukunftsperspektive. Der massive Zustrom von Irakern führt insbesondere in Syrien dazu, dass das Land kurz vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch steht und damit auch die politische Stabilität gefährdet ist. Importierte Spannungen können sich in diesem autoritär regierten Land gewaltsam entladen und weit über Syrien hinaus wirken.
Das irakische Flüchtlingsproblem birgt aber nicht nur die Gefahr einer weiteren, massiven Destabilisierung des Nahen Ostens, sondern hat in seinen Auswirkungen Europa schon erreicht. Nach Deutschland werden Iraker geschleust, die meist über Südeuropa kommen. Die Zahlen sind im letzten Jahr drastisch angestiegen: Allein bis zum Herbst 2007 griffen Polizeibeamte fast 1200 irakische Flüchtlinge auf - doppelt so viele wie im ganzen Vorjahr. Die Bundespolizei warnt, dass die Schleusernetzwerke auch von islamistischen Extremisten für die Einreise in die Bundesrepublik genutzt werden könnten.
Es liegt daher im deutschen Interesse, dass die irakische Flüchtlingskrise nicht länger verdrängt wird. Vielmehr sollten wir auf drei Ebenen ansetzen, um das Problem zu lösen und den Flüchtlingen sowie den Vertriebenen zu helfen.
Erstens muss unsere humanitäre Hilfe verstärkt werden, um die größte Not zu lindern. Die Bundesrepublik hat über den UNHCR oder das Deutsche Rote Kreuz im vergangenen Jahr insgesamt 4,2 Millionen Euro für die irakischen Flüchtlinge sowie für die Binnenvertriebenen zur Verfügung gestellt. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat die humanitäre Hilfe für den Irak von 43 Millionen Dollar (2006) auf 200 Millionen Dollar (2007) aufgestockt. Auch Deutschland muss seine Anstrengungen noch einmal steigern, damit die Erstversorgung der Flüchtlinge beispielsweise mit Lebensmitteln und Medikamenten gewährleistet werden kann.
Zweitens kommt es darauf an, die Lage in den Erstaufnahmeländern durch entwicklungspolitische Maßnahmen auf mittlere Sicht zu stabilisieren. Durch den Bau von Krankenhäusern und vor allem von Schulen können den irakischen Flüchtlingen in den Aufnahmeländern neue Aussichten ermöglicht werden. Bildung spielt hier eine entscheidende Rolle, weil unbedingt verhindert werden muss, dass eine Generation ohne Ausbildung und Zukunftschancen heranwächst. Dies erscheint umso dringlicher, als damit den möglichen Rekrutierungsversuchen von islamistischen Extremisten unter den Flüchtlingen die Basis entzogen wird. Deutschland kann hier seine besondere Expertise einbringen und etwa zum Aufbau eines Berufsausbildungssystems beitragen.
Dies alles ist notwendig, um den Menschen am Ort zu helfen. Je länger wir die irakische Flüchtlingskrise ignorieren und je mehr sich die Lage zuspitzt, desto mehr Menschen werden sich auf den Weg in den Westen machen. Wer jetzt nicht aktiv wird, kann später nicht mehr Herr eines geordneten Verfahrens sein. Drittens muss daher für die besonders verletzlichen Flüchtlinge an einer Kontingentlösung gearbeitet werden. Auch die Angehörigen religiöser Minderheiten werden vom UNHCR in diesem Sinne als "most vulnerable persons" bezeichnet. Jede Aufnahme eines verletzten oder traumatisierten Flüchtlings bringt eine mehrfache Entlastung für die zurückbleibenden Iraker. Die Sicherheitslage für die religiösen Minderheiten im Irak verbessert sich, wie der Fall des Erzbischofs Rahhu zeigt, nicht: auf absehbare Zeit ist keine Rückkehrmöglichkeit für diese Flüchtlingsgruppe zu erwarten. Wir müssen daher den verfolgten Christen des Iraks durch Aufnahme auch in Deutschland beistehen.
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